Tun wir's - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 66 / 98

MEDIZIN / HERZVERPFLANZUNGEN Tun wir's

• aus DER SPIEGEL 51/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Denton A. Cooley, Herzchirurg in Houston, Texas, galt als der Schnellste: Zur Verpflanzung eines Herzens brauchte er manchmal nur 30 Minuten, und mit 20 Transplantationen in 17 Monaten -- zwischen Mai 1968 und September letzten Jahres -- hielt er den Weltrekord. Von den 20 Organempfängern jedoch, so berichtet Cooley in der jüngsten Ausgabe des US-Ärzteblattes »Annals of Internal Medicine«, »lebt mittlerweile keiner mehr«.

Eine weitaus erfolgreichere Bilanz hingegen konnte unlängst ein Kollege Cooleys vorweisen: Norman E. Shumway, Herzchirurg und Klinikchef an der Stanford University in Palo Alto (US-Staat Kalifornien). Von insgesamt 26 Patienten, so berichtet Shumway jetzt in der Fachzeitschrift »California Medicine«, denen er zwischen Januar 1968 und Mitte Oktober dieses Jahres ein Ersatz-Herz einpflanzte, leben noch neun -- mehr als jeder dritte.

»Die Chancen der Patienten«, so behauptet denn auch Herz-Professor Shumway -- während es sonst um die Herzverpflanzungen eher still geworden war -, »sind ... gestiegen.« Für das kommende Jahr prophezeit Shumway, der bereits 1959 die diffizile Operationstechnik in Hundeversuchen entwickelt hatte, ein »Wiedererwachen des Interesses an dieser Operation«.

Die weltweite Zwischenrechnung der Herzverpflanzungen schien demgegenüber bislang entmutigend -- im globalen Durchschnitt überlebte nur jeder siebente den chirurgischen Kraftakt. Von 164 Patienten, die seit der ersten Herzverpflanzung am 3. Dezember 1967 ein neues Organ erhielten, leben nur noch 23.

Zu ihnen zählt etwa der Shumway-Patient Carl Shaeffer, 56. Der ehemalige Rohrleger hat gerade eine längere Ferienreise angetreten: einen sechswöchigen Jagdurlaub im US-Staat Oregon. Mit dem Herzen einer 39 Jahre alten Spenderin lebt -- gleichfalls in Palo Alto -- der 45jährige Drehbuchautor Sasha Gilien bei offenkundig bester Gesundheit. »Wenn meine Frau und ich irgend etwas tun wollen«, so erklärte er kürzlich, »dann tun wir's.«

Insgesamt gehören sieben der zehn Patienten, die schon länger als zwei Jahre mit einem fremden Herzen leben, zu Shumways Schützlingen. Den Überlebensrekord hält gegenwärtig der Lehrer Louis B. Hussel jr. in Indianapolis (US-Staat Indiana): Seit 842 Tagen pocht in seiner Brust ein fremdes Herz, das ihm am 24. August 1968 am Medical College in Richmond (US-Staat Virginia) eingenäht worden war.

Vor allem aber die Erfolgsziffer von Kaliforniens Herz-As Shumway erbrachte den Beweis dafür, daß Herzverpflanzungen -- von Könnern ausgeführt -- kaum risikoreicher verlaufen als etwa die ersten Nierentransplantationen Mitte der sechziger Jahre. Auch dabei überlebte anfangs, wie nun bei den Herzverpflanzungen in Palo Alto, nur jeder dritte Patient den Eingriff länger als ein Jahr (inzwischen stieg bei Nierenverpflanzungen die Erfolgsquote auf 50 Prozent).

Offenbar ist es den Medizinern an der Stanford University gelungen, eine Gefahr wenigstens näherungsweise auszuräumen, die speziell bei Herzverpflanzungen akut ist: eine Invasion von Keimen im Gefolge einer Medikamentenbehandlung (etwa mit Prednison und Azathioprin), die dazu dienen soll, die Abwehrreaktion des Körpers gegen das Fremdgewebe zu unterdrücken.

Zugleich mit der Abwehr gegen das fremde Herz wird damit freilich auch der Schutzmechanismus gegen Krankheiten geschwächt -- die meisten Herzpatienten zeigten sich extrem anfällig für bakterielle Infektionen. Auch von den ersten zwölf Patienten, denen Dr. Shumway ein neues Herz einpflanzte, starben noch vier etwa an Leber- und Lungenentzündung.

Inzwischen aber hat Shumway dieses Risiko offenbar senken können. Und insgesamt zeigt sich der Nutzen der Operation bei einem Vergleich mit der Sterbehäufigkeit jener Patienten, für die in Palo Alto kein geeignetes Spender-Organ verfügbar war.

Nur jeder zweite schwer Herzkranke, für den kein Ersatzherz gefunden wurde, lebte länger als 30 Tage. Und kein einziger dieser Patienten überlebte den Zeitpunkt, zu dem ihm ein neues Herz hätte eingepflanzt werden sollen, länger als ein Vierteljahr.

Zur Ausgabe
Artikel 66 / 98