Turmbau zu München - DER SPIEGEL
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ARCHITEKTUR Turmbau zu München

• aus DER SPIEGEL 12/2002
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Ob das Hochhaus, obwohl »eine der besten Erfindungen der Menschheit«, noch »zeitgemäß« sei, müsse sich nach der Terrorkatastrophe des World Trade Center erst noch erweisen, sagte der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas kurz nach dem Attentat. Das Erfolgssymbol Wolkenkratzer muss neuerdings damit leben, dass seine Nutzer schon im vierten Stock nicht nur die Aussicht genießen, sondern auch vor jedem heranfliegenden Düsenjet zittern. In zwei Weltregionen werden dennoch unverdrossen gewaltige Haushünen hochgepäppelt: in Asien und in München. Vergangene Woche veröffentlichte die »Süddeutsche Zeitung« das Resultat des Bauwettbewerbs um den »größten Turm der Stadt«, um das neue Domizil des Süddeutschen Verlags im Münchner Osten. 151 Meter hoch, soll dieser Turm auf 42 Geschossen rund 60 000 Quadratmeter Nutzfläche bieten - fast so viel wie die Grundstücksfläche des New Yorker Ground Zero. Gewonnen hat den Wettbewerb, wen wundert's, ein Münchner Architektenteam, das auch in Wien, Innsbruck, Zagreb und Dresden wirkt: Achammer, Tritthart & Partner (ATP). Ein flaches, gläsernes, durch stehende Fenster-Rechtecke gegliedertes Riesen-Rechteck wächst aus der Schmalseite eines liegenden Rechtecks, des Sockelbaus. Die Jury lobt die »klare Silhouette« und die »sehr schöne Fernwirkung« - ein Lob, das sich leicht auf den (immerhin angekauften) Entwurf des Hamburger Architekten André Poitiers, auf den des dritten Preisträgers Albert Speer & Partner oder den »aufgeschnittenen Campanile« (Jury) von Claude Vasconi aus Paris übertragen ließe. Der erste Preisträger hat den Mitbewerbern voraus, dass er besonders schematisch auftritt und besonders ungeniert die Historie plündert: Die L-Form aus Scheibe und Sockel wurde fast »wörtlich« geklaut vom berühmten New Yorker Lever House, einem 1952 gebauten Verwaltungskomplex des US-Teams Skidmore, Owings & Merrill. Das ATP-Design ist lediglich transparenter. Sämtliche preisgekrönten Entwürfe variieren die gläsernen Turmträume der klassischen Moderne, deren Prototypen Mies van der Rohe 1920/21 zeichnete. München, die Stadt des 19. Jahrhunderts, ist im frühen 20. angelangt. Da schau her!

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