Abschied von Wetten, dass?: Die Moderatoren - DER SPIEGEL
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Die schrägsten Wetten: Balancierende Bagger und platzende Wärmflaschen

Foto: CHRISTOF STACHE/ Associated Press

"Wetten, dass..?"-Moderatoren Der Bademeister, der Geck und der Stachel im Fleische

Dem Show-Dino geht es an den Kragen - zum letzten Mal läuft "Wetten, dass..?". Die Sendung hatte stets den Moderator, den sie verdiente, von Bademeister Elstner bis Tante Gottschalk. Doch dann kam der Schluchtschubser...
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Verknarzt und aus der Zeit gefallen: Niemand scheint wirklich traurig darüber zu sein, dass jetzt die letzte Sendung von "Wetten, dass..?" läuft. Dabei war die Show stets das zeitgemäßeste Format im TV.

Nein, wirklich: Alles, was man der Show im Laufe der Jahre so vorgeworfen hat, ist am Ende hinfällig. Denn jede Zeit hatte die "Wetten, dass..?"-Inkarnation, die zu ihr passte und die sie verdiente. Und den passenden Moderator.

Frank Elstner (1981-1987): Der Bademeister

Erfinder Elstner: Ultimativer Strebertraum

Erfinder Elstner: Ultimativer Strebertraum

Foto: Uli Deck/ picture alliance / dpa

Dass Erstmoderator Frank Elstner die Idee zum Showformat legendengemäß angeblich in einer schlaflosen Nacht ersann, sagt mehr über ihn als über die Show. Anderen fallen während endloser Lakenwälzerei bizarre Geschäfts-, Rache- oder Amourenideen ein, Elstner ersann den ultimativen Strebertraum.

Schließlich ging es bei "Wetten, dass..?" nie um spontane, köstlich sinnlose Herausforderungen mit komplett offenem Ende, stets konnte sich der Wettanbieter recht sicher sein, gewinnnen zu können, wenn er nur vorher ordentlich geübt hatte. Ein Risiko, als ginge man nicht barfuß über glühende Kohlen, sondern dick besockt über Legosteine. Weswegen der Wettannehmer im Kern keinerlei Grund hatte, die Erfüllung der Wette anzuzweifeln: Wenn einer es beim Training schon 243 Mal geschafft hat, die Zahl Pi bis auf 100 Stellen aufzusagen, wird er es wohl bitteschön auch noch ein 244. Mal schaffen. Und Wärmflaschenaufblasen verlernt man auch nicht über Nacht.

In den Jahren des Kalten Krieges, von Waldsterben und Tschernobyl war diese nur vorgetäuschte Spannung, das kalkulierbare Risiko am Samstagabend eine Erholung. Und Frank Elstner war der grundkorrekte Bademeister, der aufpasste, dass niemand absoff oder es bei der scheinfröhlichem Platscherei übertrieb. Alle schön die Regeln einhalten! Lieber noch ein bisschen Brustschwimmen üben. Und bitte nicht vom Beckenrand springen.

Thomas Gottschalk (1987-1992): Der Karnevalsgeck

Geck Gottschalk: Selbst in Schwarz-Weiß noch kunterbunt

Geck Gottschalk: Selbst in Schwarz-Weiß noch kunterbunt

Foto: HO/ ASSOCIATED PRESS

Als Gottschalk von Elstner übernahm, war das wie Fasching nach der Fastenzeit.

Seine Kleidung - und er selbst - wurden so lange beharrlich als "verrückt" bezeichnet, dass man es am Ende sogar glaubte. Er galt mit seinen verquasteten Flamboyanz-Aufzügen schon rein äußerlich als Kuriosum und begaffungswürdiges Ausstellungsstück, denn es gab ja noch kein Internet, wo einem solche Typen hinter jeder Instagram-Ecke und aus tausend Tumblrn entgegenspringen. Ringsumher fielen Mauern, Vorhänge und zementiert geglaubte Zustände, passend dazu federte der extrafreche Thomas Gottschalk die kreuzbrave Show zu neuer Elastizität. Oder was man damals so dafür hielt. Bis Gottschalk zum Privatsender RTL wechselte, wo die Dehnbarkeit des Geschmacks schier endlos schien. Schnalz.

Wolfgang Lippert (1992-1993): Der Stachel im Fleische

Zwischenlösung Lippert: You can say you to him

Zwischenlösung Lippert: You can say you to him

Foto: Thomas Wattenberg/ picture alliance / dpa

Zur Abwechslung dann mal eine tragische Figur: Wolfgang Lippert, der hüftsteife ostdeutsche Schablonenentertainer, war dann der schmerzhafte Beweis dafür, dass es doch noch ganz schön knarzte im deutschen Vereinigungsgebälk.

Lippert wollte die Show zurück zur Elstnerschen Menschennähe führen, weniger billigen Flitter. Leider wurde daraus ein immer etwas zu schwiemliges Zusammenrücken, Verbrüderung mit Schwitzehänden. Phil Collins bot er an: "You can say you to me." Nach neun Sendungen wurde er abgesägt. Allerdings nicht etwa wegen Mangelleistung, sondern weil Gottschalk zurückkehren wollte. Man könnte ein schönes Ossi-Wessi-Moritatenstück daraus klöppeln.

Thomas Gottschalk (1994-2011): Die Tante aus Amerika

Rückkehrer Gottschalk: Wohlig vertraut - und "affengeil"

Rückkehrer Gottschalk: Wohlig vertraut - und "affengeil"

Foto: ROLAND WEIHRAUCH/ ASSOCIATED PRESS

Und da war er dann wieder, der operettenhaft ondulierte Früher-war-alles-besser-Onkel, der am Samstagabend vorführte, dass das mit der Globalisierung und der komplizierten, gefährlichen Welt da draußen gar nicht so schlimm war: Weil man dafür immerhin zutrauliche internationale Stars auf die Wettcouch lotsen und unkompliziert betasten durfte. Auch wenn Gottschalk längst wie einer wirkte, der nach den Achtzigern oder mit über 17 Jahren noch ernsthaft das Wort "affengeil" verwendete - in einer Zeit, in der in viel zu kurzen Abständen vermeldet wurde, dass fortan nichts mehr sein würde wie zuvor, sorgte das für wohlige Vertrautheit.

Immerhin, das Showpersonal war noch leidlich interessant: Einmal kam Bundeskanzler Gerhard Schröder, dann wieder Sarah Connor ohne Unterhose, und Hugh Grant war noch nicht zum fünften Mal zu Gast. "Wetten, dass..?" wurde zur beliebten Werbeplattform für durchreisende Showschlawiner, die hier unbehelligt und unverhohlen ihre neuen Platten/Filme/Brüste präsentieren durften. Götz George, 1998 auf Werbereise zu Gast, brachte es schamfrei auf den Punkt: "Komm auf den Film zu sprechen, der ist mir wichtiger als das, was du redest."

2011 setzte Samuel Kochs Unfall während seines Wett-Stunts der konsequenzlosen Unbekümmertheit ein Ende. "Mit lustigen Sprüchen ist da nun auch nichts mehr zu machen", sagte Gottschalk am selben Abend. Und trat schließlich konsequent als Moderator ab.

Markus Lanz (2012-2014): Der Schluchtschubser

Aseptiker Lanz: Opa ohne Onlinezugang

Aseptiker Lanz: Opa ohne Onlinezugang

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

Um zuerst mit einem populären Irrtum aufzuräumen: Der Aseptiker Markus Lanz hat bei seinen Moderationen gar nicht versagt. Weil er von vornherein die Aufgabe hatte, dem kontextlos und vorgestrig durch das Fernsehprogramm irrlichternden Show-Zombie bitte sehr endlich den Kopf abzuschlagen. Oder, wem das zu entschlossen und kraftvoll klingt für diese inzwischen so anteilslose, empathiearme Sendeform: Dem hoffnungslos siechen Unterhaltungskonzept sanft das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken.

Lanz schubste "Wetten, dass..?" vollends aus der Zeit, natürlich war das sein Auftrag, es ist die einzige Erklärung für die Entwicklung, die die Sendung in ihrer Endphase nahm. Am Ende verschmolz die Sendung wie ganz zu Beginn noch einmal mit ihrem Moderator: Mensch wie Konzept waren überdeutlich nicht in der Lage, spontan zu sein, mit Erwartungen und Konventionen zu jonglieren, Anteil an der Zeit zu haben, in der sie stehen, und zwischen den popkulturellen Welten zu vermitteln. Wenn man die quer durchs Internet twerkende und überaus zeigefrohe Miley Cyrus als "bodenständige, junge Frau" komplimentiert, wirkt man eben zwangsläufig wie Opa ohne Onlinezugang.

Dass Lanz nun Schuld daran sein soll, dass Leute wie Tom Hanks und Cameron Diaz sich in ihrer Heimat den Mund über die dämlichen Deutschen zerreißen, dürfte übrigens Unsinn sein. Wahrscheinlich lästerten US-Stars auch in früheren "Wetten, dass..?"-Zeiten schon über dieses Erwachsenen-Topfschlagen mit grundlosem Baggereinsatz. Nur erfuhren wir früher eben nie davon.


"Wetten, dass..?", Samstag, 20.15 Uhr, ZDF

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.