Alles außer Fußball! Ab durch die Mauer
Birol Ünel und Sibel Kekilli in "Gegen die Wand": Fluch oder Segen?
Foto: NDRAuf einmal war da, verkörperte eine junge Türkin, die sich holt, was sie will. Ein paar Tricks und Täuschungsmanöver erschienen legitim, um Autonomie zu erlangen - für die Filmfigur genauso wie für die Schauspielerin. "Gegen die Wand", das hieß auch: Sibel spielt Sibel.
Der deutsch-türkische Weltklasse-Regisseur ("Soul Kitchen") hat davor und danach nie wieder einen solch selbstgewissen, punktgenauen und wirkungsmächtigen Film gedreht. Die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung im Punkrock-Modus, die 2004 mit dem Goldenen Bären geehrt wurde, ist allerdings auch ganz auf ihre Hauptdarstellerin zugeschnitten.
War der Film nun ein Fluch oder ein Segen für Kekilli? Schwer zu sagen. Deutschland verfiel auf jeden Fall in kollektive Erregung. Die "Bild"-Zeitung ergötzte sich an der Porno-Vergangenheit der Neu-Schauspielerin, berühmte Schriftsteller schrieben im bürgerlichen Feuilleton Hymnen an die Leinwandentdeckung. Einen richtig tollen Auftritt in einem richtig tollen Film bekam Kekilli trotzdem nicht mehr.
Zumindest nicht bis 2009: Da trat sie in Feo Aladags "Die Fremde" auf, das Psychogramm eines angekündigten Ehrenmordes, das erneut viele Parallelen zu ihrem eigenen Leben aufwies. Sibel spielte mal wieder Sibel - stolz, kompromisslos, ohne den Hauch einer Unsicherheit. Wenn man einige Monate nach dem Kinostart des grandiosen Selbstbehauptungsdrama nun "Gegen die Wand" wiedersieht, dann wird einem allerdings auch noch mal schmerzhaft bewusst: Im hiesigen Filmbetrieb ist Sibel Kekilli - Goldener Bär hin, Deutscher Filmpreis her - selbst immer eine Fremde geblieben.
Christian Buß
"Gegen die Wand", 23.30 Uhr, ARD