Anne Will Preußische Suppenküche
Pappfiguren Wulff, Friedrich der Große: "Eine Demokratie braucht keine Tugenden"
Foto: dapdEin Talkshow-Auftritt Richard von Weizsäckers in diesen Tagen - das ließ einiges erwarten. Da saß er nun bei Anne Will, der Deutschen nach wie vor meistgeachteter, wenn nicht beliebtester Bundespräsident nach Papa Heuss, einst Häuptling Silberlocke genannt, fast 92-jährig, mit blitzenden Augen und kaum geschmälertem intellektuellem Temperament. Und weil es außerdem auch noch um die recht beziehungsreiche Frage ging "Der erste Diener des Staates - fehlen uns heute die preußischen Tugenden des Alten Fritz?", schien die eine oder andere wegweisende Antwort zur Lage der Nation, die gegenwärtig durch den Ersten Mann im Staate einigen Irritationen ausgesetzt ist, förmlich in der Luft zu liegen.
So hatte sich das wohl auch die Gastgeberin erhofft: dass das eine Art Selbstläufer würde. Doch es kam ein bisschen anders. Es gab Momente, in denen einem Frau Will fast leid tun konnte.
Am Anfang gab es einen kurzen, durchaus verheißungsvollen Einspieler vom Festakt zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs, in dem der amtierende Präsident und sein Vorvorvorgänger nebeneinander zu sehen waren. Letzteren nahm sich die Talkmasterin denn auch erst einmal zum Einzelgespräch vor, um sich aber sogleich mit der kategorischen Feststellung konfrontiert zu sehen: "Eine Demokratie braucht keine Tugenden." Ein Vorbild sei der Alte Fritz "für niemanden, den ich kennengelernt habe", sprach Weizsäcker und holte dann zu einer längeren Lektion über das Leben und Wirken jenes bedeutenden Toten aus, der immer noch eine zwiespältige Bezugsgröße für das deutsche Selbstverständnis darstellt. Reformer war er und Aufklärer, aber eben auch Alleinherrscher - Feingeist, Dichter und Flötenspieler und zugleich brutaler Kriegsherr, dazu mit seiner Durchhalteobsession ein sehr missbrauchbares Vorbild für die Nazis.
Das war höchst lehrreich und erinnerte an die große, wohltuend ernüchternde Rede, die dieser Präsident einst zum 200. Todestag Friedrichs gehalten hat. Nur war es eben nicht ganz das, was sich erkennbar Frau Will und ihre übrigen Gäste erwartet hatten, nämlich dass es gelingen möge, eine Art ideelle Linie vom Schloss Sanssouci zum Schloss Bellevue und seinem derzeitigen Bewohner herzustellen.
"Wir reden hier über den Alten Fritz," befand der Präsident a.D. ein ums andere Mal, mochte der Kanon der preußischen Tugenden, die für Weizsäcker gar keine sind, sondern schlichte normale Verhaltensregeln für das geordnete menschliche Zusammenleben, auch noch so oft zitiert und variiert werden, von der Zuverlässigkeit über die Ehrlichkeit bis hin zum Maßhalten und der Reizvokabel Unbestechlichkeit. Alle Ansätze, aus Preußens friderizianischer Vergangenheit ein bisschen Zunder für die aktuelle Präsidialdebatte zu schlagen, verpufften mehr oder minder.
Jutta Ditfurth, einst grün und mit Adelstitel und beides nicht mehr, nutzte die Gelegenheit, um ihren ganzen Ärger über den "Kitsch mit dem Alten Fritz" loszuwerden. Gregor Gysi pflichtete ihr zwar insofern bei, als auch er die Kriegslust und die Unterdrückung der Juden anprangerte, warb aber ebenso dafür, die ganze Geschichte samt ihren Schattenseiten zu akzeptieren, so wie dies andere Völker täten. Und der Schauspieler Ulrich Matthes gab erst den dilettierenden Preußen-Fan, der sich an Fontane, Heine und Schinkel erbaut, und versuchte anschließend, als Volkes Stimme zu reüssieren.
Gysi steuert einen Schuss Polemik bei
Die war mittlerweile auch in Form eines weiteren Einspielfilms zu Wort gekommen, in dem zwei Pappkameraden zu sehen waren - der Alte Fritz und Christian Wulff - sowie Passanten befragt wurden, wem sie sich denn eher anvertrauen würden. Etliche bevorzugten den Preußenkönig. Spätestens da, nach einer langen Stunde, die stark nach Geschichtsunterricht klang, schien sich die Tagespolitik nicht länger außen vor halten zu können.
Tatsächlich deklamierte der Mime Matthes denn auch seine Enttäuschung über Wulff und reklamierte jene Eignungseigenschaften für einen Präsidenten, die momentan allenthalben im Schwange sind. Gysi steuerte noch forsch einen wohldosierten Schuss Polemik bei, indem er erklärte, Präsident Wulff könne nicht mehr seines Amtes walten - also beispielsweise einem grundgesetzwidrigen Gesetz die Unterschrift verweigern -, da er von der Gnade der Kanzlerin abhänge. Was diese betraf, so hatte der ZDF-Haushistoriker Guido Knopp den hübschen Einfall, sie als die eigentlich amtierende erste Dienerin des bundesdeutschen Staates zu apostrophieren, der ansonsten gut daran tue, sich mehr auf andere Traditionen als die preußische zu berufen.
Blieb nur die spannende Frage, was Richard von Weizsäcker zu all dem zu sagen hätte. Sie wurde ihm dann auch bilanzierend gestellt, von einer Anne Will, der man nun doch anmerkte, dass sie mit dem Verlauf des Abends nicht ganz glücklich war. "Wir sitzen hier zusammen, um über den Alten Fritz zu reden," lautete seine knappe Antwort. Noch einmal raffte sich Will auf, brachte die Flugaffäre von Johannes Rau ins Spiel und erinnerte daran, dass Weizsäcker den Nachfolger seinerzeit in Schutz genommen habe. "Ich werde dazu nichts sagen", wurde ihr beschieden. Punkt. Sie rühre da eine Suppe zusammen, die er ganz bestimmt nicht auszulöffeln gedenke.
"Die Suppe hat den Namen Orientierungssuche", entfuhr es noch der Moderatorin. Und das war's dann.