Arte-TV-Film: "RLF: Kunstprotest aus Berlin"
Protestkunst bei Arte Zwergenaufstand gegen den Kapitalismus
Wie doof ist der durchschnittliche Arte-Zuschauer? Das ist die Frage, die sich am Montagabend um 23.10 Uhr stellt. Von der Antwort hängt ab, ob der Film "RLF: Kunstprotest aus Berlin" ein Erfolg wird oder ein Misserfolg. Das Prinzip: Je doofer der Arte-Zuschauer, desto erfolgreicher der Film.
Wer testen will, wie doof er ist und wer zudem noch nie etwas von Friedrich von Borries gehört hat und auch nicht von dessen Revolutions-Kunst-Unternehmen RLF, der sollte hier nicht weiterlesen und Arte einschalten. Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass der Film bei ihm erreicht, was er erreichen will: ihn hinters Licht zu führen. Sehr groß, wohlgemerkt, ist die Wahrscheinlichkeit nicht.
Und das kommt so: Der Designprofessor, Publizist und Kurator Friedrich von Borries treibt seit einem Dreivierteljahr allerlei Schabernack unter dem Markennamen RLF. Manche halten sein kapitalismuskritisches Projekt für ein blendendes Werk, andere für Blendwerk. Richtig ist vermutlich beides. Borries hat einen Roman voller realer Motive und Personen veröffentlicht - und dann die fiktiven Motive und Personen des Romans in der Realität fortgeschrieben.
Schlag den Kapitalismus!
Das Ergebnis ist ein Hybrid aus Konzeptkunst, Lifestyle-Unternehmen und Protestbewegung . Die Grundidee: Die RLF-Bewegung will den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen. Sie versucht, die Konsummuster gutverdienender linksliberaler Kulturbürger zu hacken, um ihnen Designprodukte mit Revolutions-Chic anzudrehen. Der Erlös fließt nach Aussage der Initiatoren in den Aufbau einer Mikronation, einer autonomen Zone der Freiheit, in der das richtige Leben im falschen erprobt werden kann.
Der Regisseur Alexander Dluzak hat nun einen RLF-Film gedreht: eine sogenannte Mockumentary, einen Film also, der so tut, als sei er eine Dokumentation, der tatsächlich aber keine Dokumentation ist. Er hat einen Film gedreht, der kein journalistischer Beitrag über RLF ist, sondern ein Teil der riesengroßen RLF-Inszenierung, die Realität und Fiktion durcheinanderwirbelt. Produziert hat ihn das UFA LAB, ein Labor für Neue Medien, das auch die Internetseite des RLF-Projekts betreut hat, ebenso wie dessen Social-Media-Aktivitäten und ein RLF-Online-Spiel.
Dluzak hat Borries und sein Projekt monatelang mit der Kamera begleitet: zu einer Demonstration am 1. Mai 2013 in Berlin, bei der RLF erstmals in Erscheinung trat; zu einer Vernissage im August 2013, bei der die RLF-Produktpalette erstmals präsentiert wurde; zu einem Termin in einem Sneaker-Laden, in dem Borries einen RLF-Turnschuh ins Sortiment einführte. Aus dem Off kommentiert eine Stimme mit nüchterner Seriosität. Zwischen die reportagehaften Szenen hat Dluzak Interviews mit Theoretikern geschnitten, etwa mit dem Politikwissenschaftler und Protestforscher Wolfgang Kraushaar, dem Sozialpsychologen Harald Welzer und dem Philosophen Charles Pépin. Sie sprechen über die großen Protestbewegungen der vergangenen Jahre, von Occupy über Femen bis zum Arabischen Frühling, und verorten RLF so in einem größeren Zusammenhang. Sie verorten RLF in der Realität.
Manche Szene entwickelt durchaus Charme: etwa wenn Borries mit seiner RLF-Mitstreiterin Slavia, angeblich eine serbische Politaktivistin, zu einem Makler geht, der RLF größere und repräsentativere Räume vermitteln soll. Der Makler fragt, in welcher Branche sie tätig sind. In der Revolutionsbranche, antworten die beiden.
Die meisten Szenen aber sind sowohl schlecht geschrieben als auch schlecht gespielt. Die Dialoge sind flach, die politischen Statements der RLF-Protagonisten sind platitudenhaft, die Gestik und Mimik fast aller Beteiligten sind holzschnittartig. Borries schafft es fast nie, seinen Lausbuben-Blick auszuknipsen. In vielen Szenen hat man den Eindruck, er lache sich scheckig, sobald die Kamera aus ist. Das Schlimme: Auch die engagierten Schauspieler spielen kaum besser als er. Besonders deutlich wird das, als der Film einen Konflikt zwischen Borries und Slavia inszeniert, in dem es um den künftigen RLF-Kurs geht. Es sieht aus wie Laientheater im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Zum Fremdschämen.
Der Film sollte das RLF-Projekt zu einem krönenden Abschluss führen. Die Chance vergibt er, ja mehr noch: Er beschädigt das Projekt. Denn das war viel smarter als der Film vermuten lässt.
Und so wäre es schon erstaunlich, wenn viele Arte-Zuschauer so doof wären und dem Fake aufsitzen würden. Die meisten dürften das Spiel durchschauen (und abschalten), bevor der Abspann darauf hinweist, dass der Film inszeniert ist.
Ziemlich doof für die Macher.
"RLF: Kunstprotest aus Berlin", Montag, 23.10 Uhr, Arte