Atomdebatte bei Illner: Wir sind das Volt - DER SPIEGEL
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Atomdebatte bei Illner Wir sind das Volt

Der Atomausstieg könnte viel teurer werden als gedacht - genau wie damals die deutsche Einheit. Diese Aussicht schreckte Maybrit Illners Gästerunde angesichts Fukushima wenig. Deutschlands Ober-Ökonom sah das anders: Hans-Werner Sinn nannte die Ausstiegspläne "hysterisch".
Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Das ist natürlich alles Käse"
Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Das ist natürlich alles Käse"

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Das ist natürlich alles Käse"

Foto: ZDF
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Ziemlich genau zur Halbzeit der Sendung fasste Hans-Werner Sinn knapp seine Meinung über gängige Prognosen zum Atomausstieg zusammen. "Das ist natürlich alles Käse", sagte der Chef des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts. "Es wird natürlich alles teurer."

Das störte die Harmonie der Runde bei Maybrit Illner dann doch. "Wie teuer kommt der schnelle Ausstieg" wollte Illner wissen, und natürlich hatten ihre Gäste im Detail unterschiedliche Antworten. Doch abgesehen von Sinn, der die Ausstiegspläne als "überzogen, hysterisch geradezu" geißelte, schien man sich in einem weitgehend einig: Auch wenn der Ausstieg kostet - er ist es wert.

Die Vorzeichen der Atomdebatte in Deutschland haben sich seit Fukushima dramatisch gewandelt. Das zeigte besonders der Auftritt von Norbert Röttgen (CDU). Noch vor gut einem Jahr war der Bundesumweltminister im Wirtschaftsflügel seiner Partei heftig unter Beschuss geraten, weil er zum raschen Atomausstieg riet. Nun warf ein angriffslustiger Röttgen den Kontrahenten von damals vor, sie warnten jetzt nur vor möglichen Mehrkosten, weil sie den Weg ins neue Energiezeitalter "noch mal unbequem machen" wollten.

Glaubt man Röttgen, dann muss es kaum unbequem werden. Über Mehrkosten durch die Energiewende wollte der Minister am liebsten gar nicht reden - sondern nur über Investitionen in die Zukunft. Für etwas unangenehmere Aussagen hatte Illner schließlich Industrievertreter geladen.

Nächtliches Blinken

Die EEG-Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien werde sich in den kommenden Jahren verdoppeln, prophezeite Fritz Vahrenholt, Chef der Ökostrom-Sparte des Kraftwerksriesen RWE. "Ich finde, dass muss man dem Volk sagen." Hildegard Müller, Vorsitzende des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, warnte vor den Kosten für energetische Sanierungen. "Die Bürger werden auch Geld brauchen und manch einer hat dieses Geld nicht."

Das war es dann aber auch schon fast an Kontroverse. Die Sinn'sche Warnung vor ökonomischem Irrsinn wollten weder Vahrenholt noch Müller wirklich teilen. Müller hat in ihrem Verband sogar gerade ein Bekenntnis zum Atomausstieg bis 2023 durchgesetzt - bemerkenswert, da auch die vier großen Stromversorger zu den Mitgliedern zählen.

Unter diesen Vorzeichen klang es nicht einmal negativ, als Müller sagte, sie fühle sich durch die Ausstiegsdiskussion "manchmal zurückerinnert an die Zeit der deutschen Einheit". Die Verbandschefin meinte damit zwar die Kosten der Wiedervereinigung, die von der Politik lange kleingeredet worden waren. Doch es klang vor allem so, als sei der Atomausstieg das nächste historische Projekt der Deutschen: Wir sind das Volt.

Die Begeisterung auf Industrieseite geht freilich nicht so weit, dass die Energiekonzerne die Kosten für den Ausstieg einfach mit ihren Milliardengewinnen finanzieren wollen - wie Linken-Bundesgeschäftsführerin Caren Lay in der Talkrunde forderte. Dafür gab es allerlei konstruktive Vorschläge, wie der Ausbau noch effizienter gestaltet werden könnte. Müller merkte an, dass manche Stromleitungen wegen des deutschen Föderalismus bislang an den Grenzen zwischen zwei Bundesländern endeten. Vahrenholt erzählte, man bringe Windrädern gerade bei, Flugzeuge im Anflug zu erkennen. So müssten sie Anwohner nicht die ganze Nacht hindurch mit ihrem Blinken nerven. "Sonst haben Sie die Akzeptanz nicht, das müssen wir schaffen."

Dass die Akzeptanz nicht nur an nächtlichem Blinken krankt, durfte dann noch Angelika Kutschbach als betroffene Bürgerin erzählen. Die Bremerin kämpft gegen vier Windräder in unmittelbarer Nähe ihres Hauses, deren Dauerlärm sie nach eigener Aussage krankgemacht haben. Die von Kutschbach geforderte "humane Abstandsregelung" gibt es in Bremen nicht - doch auch hier machte Röttgen Hoffnung: Schon am Freitag werde die Bundeskanzlerin dieses Thema mit den Ministerpräsidenten besprechen.

Kühner Vergleich

Damit durfte Hans-Werner Sinn mal wieder die Rolle des einsamen Warners spielen. Der Ökonom hatte zwar einige ernüchternde Zahlen zum bisherigen Anteil Erneuerbarer Energien oder der Höhe der auf sie verwendeten Subventionen parat. Doch er musste auch feststellen, dass manche Rechnungen derzeit nicht mehr funktionieren.

So kritisierte Sinn noch die vermeintliche Stimmungsmache deutscher Medien nach dem Unglück in Fukushima. Man habe Aufnahmen der Tsunami-Opfer mit dem Reaktorunfall vermengt. Dabei würden im Bergbau jedes Jahr 10.000 Menschen sterben, sagte Sinn - ohne zu erwähnen, dass sich die weitaus größte Zahl der Unglücke in Chinas schlecht gesicherten Minen ereignet. Durch die Ereignisse in Fukushima seien hingegen "noch keine Menschen umgekommen". Für die Antwort auf diesen kühnen Vergleich brauchte Maybrit Illner ausnahmsweise keinen Experten. "Sie werden noch sterben", sagte die Moderatorin bestimmt, "das ist ja das Schlimme an dem Thema."