"Unser Star für Baku": Liebe, Friede, schöne Lieder
"Baku"-Zwischenbilanz Ihr könnt doch jetzt schon aufhören!
Vom bloßen Augenschein ist diese Castingshow wie viele andere: Wie "Deutschland sucht den Superstar" (RTL) und "The Voice of Germany" (Sat.1) - um nur die aktuellen Rivalen zu nennen - setzt auch ProSiebens "Unser Star für ..." auf die scheinbar unerschöpflichen Bestände an Talenten, die alle Scouts von Plattenfirmen übersehen haben: Menschen wie Lena Meyer-Landrut, die, noch als Schülerin, eine Neigung zur Darstellungskunst in eigener Sache haben, keine Scheu besitzen, auf die Bühne des Fernsehens zu gehen und "'was mit Medien" machen zu wollen als Lebensperspektive angeben.
Das Format "Unser Star für ...", das damals statt der Pünktchen das Wörtchen "Oslo" im Titel trug, fand im Schleppnetz der Talentsuche diese angehende Hannoveraner Abiturientin und gebar sie am Ende als Siegerin aller Popklassen: Lena avancierte mit einer Kollektion nicht eben charttauglicher Songs in den Wettbewerbsrunden tatsächlich zu einem Star: Dass sie anschließend in der norwegischen Hauptstadt auch noch den Eurovision Song Contest gewann und Deutschland vom "Ein bisschen Frieden"-Trauma erlöste, war da fast schon Nebensache. Wichtig war und blieb, was ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber und Stefan Raab, Unterhaltungsdominator bei ProSieben, stets gemeinsam im Auge behalten wollten: Den Eurovisions-Grand-Prix von allen Schlagerschlacken endgültig zu befreien und ihn zum wichtigsten Pop-Event des alten Kontinents wachsen zu lassen.
Das ist die Überschrift aller "Unser Star für ..."-Formate, das ist der Plan überhaupt. Und mit Lena Meyer-Landrut, der Siegerin von 2010, schien der erste Schritt getan. Dass sie im vergangenen Jahr zur sogenannten Titelverteidigung antrat und mit dem kühlen "Taken By A Stranger" sogar noch einen respektablen zehnten Rang erzielte, war ins Projekt eingepreist: Im Jahr nach dem Sieg konnte kein neuer Kandidat zum Star werden - er oder sie wäre immer an Lena Meyer-Landrut gemessen worden und somit schon im Vorwege gescheitert.
Folgerichtig gibt es erst dieses Jahr wieder ein Casting: "Unser Star für Baku" heißt es in Anspielung auf den Ort des Finales des Eurovision Song Contests am 26. Mai, läuft am Donnerstag in der vierten Folge, am Ende werden von ursprünglich 20 Aspiranten nur noch sechs übrig bleiben. Allein: Das Publikumsinteresse fällt vergleichsweise mau aus - nicht allein in Relation zu "Deutschland sucht den Superstar". Das offenbar sadomasochistisch inspirierte Dieter-Bohlen-Casting spielt ohnehin in einer eigenen Liga, es geht längst mehr um Demütigung als um Talentförderung. Aber auch die erste Folge von "Unser Star für Baku" hatte mit 2,44 Millionen Zuschauern, verglichen mit "Unser Star für Oslo", einen Verlust von knapp 200.000 zu verkraften. Die zweite Folge fiel noch schlechter aus, während sich in der dritten Runde die Quote leicht erhöhte.
Kommet, ihr Mittelstandskinder!
Offenbar traut man der Show nicht so recht zu, wiederum einen Star hervorzubringen. Das liegt wohl in erster Linie an den Kandidaten: Shelly, Roman, Katja, Kai, Céline oder Umut - sie alle sind freundliche junge Menschen mit deutlich mittelschichtigen Lebensspuren, viele von ihnen studieren, um später Lehrer zu werden. Es sind also keine Hartz-IV-Existenzen, die über das Fernsehen das Allerletzte probieren, beinah existentiell werden, weil sonst im Leben schon alles schiefgegangen ist.
Nein, die "Unser Star für ..." -Kandidaten sind allesamt ins Erwachsene gehobene Bürgerkinder, die ausnahmslos über gute Manieren verfügen, artig "Danke" und "Bitte" sagen, sie sind höflich, adrett und sehr okay. Sie alle, nicht als Individuum, sondern im Rudel, verströmen diese gewisse Langeweile, die in zeitgeistigen Kaffeehäusern wie Starbuck's oder Balzac zu spüren ist: Sie repräsentieren eine konsumorientierte Generation, die die Welt zwar durch eine Brille politischer Korrektheit betrachtet und sich kritisch gibt, deren Hauptcharaktermerkmal aber die Fadheit persönlicher Okayness ist. Da brodeln keine großen Gefühle, da werden Gefühle dargestellt.
Zumal das Casting in diesem Jahr ohnehin schon kurz nach Beginn schon wieder beendet werden könnte: Roman Lob heißt ein Kandidat, der es sonst gern lauter hat, in einer Metalband im Rheinischen spielt und als Industriemechaniker arbeitet. Er wird von den Juroren Stefan Raab, Alina Süggeler ("Frida Gold") und Jury-Präsident Thomas D mit Komplimenten überschüttet, fast schon angebetet: Nur zwei Auftritte absolvierte er bisher, und beide reichten tatsächlich nah heran an jene Berührtheit, die Lena Meyer-Landrut erzeugen konnte. Ähnlich wie sie hat der 21-Jährige aus Rheinland-Pfalz tatsächlich das gewisse Etwas, das aus einer Schnuppe einen Stern macht - eine Aura von Intimität, die selbst in öffenlichsten Situationen bestehen bleibt.
Aber dennoch: So schön, so schmerzhaft, so grandios wie beim ersten Mal wird es nie wieder. Lena war die strahlende Siegerin beim Relaunch eines renovierungsbedürftigen Showformats, einer Revue namens Eurovision Song Contest, die immer, wie beim Sport, von Tabellen, Punkten und Zwischenständen lebte. Jetzt, da Stefan Raab sogar die fiese "Blitztabelle" für "Unser Star für Baku" eingeführt hat, kommt der deutsche Vorentscheid noch sportiver daher - und doch droht der Charme des Wettbewerbs verlorenzugehen, ganz einfach deshalb, weil diese scheußliche Tabelle von den Kandidaten ablenkt.
Momente der Unbeholfenheit ob der Größe des Projekts waren bei Lena noch zu spüren: Ob Roman Lob, ehemals von Dieter Bohlen hochgelobter Kandidat bei "Deutschland sucht den Superstar", dieses Unschulds-Image auch noch für sich geltend machen kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Dass er Teil des großen Masterplans ist, dem Eurovision Song Contest auch noch die allerletzten Staubflocken der Grand-Prix-Tutigkeit aus dem Pelz zu klopfen, diese Last muss er noch zu schultern lernen.