Brief an Markus Lanz nach "Stern"-Interview - DER SPIEGEL
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Lanz-Momente: Unter der Schokodusche

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Beichte im "Stern" Herr Lanz drückt die Spülung

"Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz hat dem "Stern" sein Herz ausgeschüttet. Er prangert voreilige schlechte Kritiken an, den herbeigeschriebenen Untergang und die gottverdammten Online-Medien. Also auch uns! Es ist Zeit für eine Entschuldigung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lieber Markus Lanz,

es ist offenbar höchste Zeit, dass wir uns bei Ihnen entschuldigen. Zunächst für diese schreckliche Überschrift, die da schon wieder über diesem Text steht. Haben Sie bitte Verständnis: Wir sind nun mal eines von diesen Online-Medien, und als solches brauchen wir die Aufmerksamkeit und damit "die gottverdammten Klicks", wie Sie das in Ihrem langen, sehr langen Gespräch mit dem "Stern" ausdrücken, da haben Sie schon recht. Und "Spülung" ist nicht nur ein prägnantes Wort, sondern klickt sicher auch klasse. Aber die Überschrift ist auch nicht gelogen, Sie haben es ja selbst so gesagt: "Sie müssen in der Lage sein, wenn der Shitstorm kommt, gedanklich einfach mal die Spülung zu drücken." Und, mal so von Medienheini zu Medienheini gesprochen, die Aufmerksamkeit brauchen Sie doch auch, bei Ihrer Tätigkeit als "Wetten, dass..?"-Moderator, denn, was Sie über uns sagen, gilt doch auch für Sie: "Es ist ein Geschäft. Es geht um Angebot und Nachfrage. Um knallharte Zahlen. Ums nackte Überleben."

Ja, ja, ja, gottverdammt und knallhart, ja! Und weil wir beim nackten Überleben doch irgendwie alle zusammenhalten sollten, also auch wir und Sie, haben wir uns gedacht: Wir wagen einen Neuanfang. Und reichen Ihnen die Hand. Sie sagen zwar, es gehe "vor allem Online getrieben (...) nicht mehr um die Suche nach Wahrheit", aber bitte glauben Sie uns dieses eine Mal, wenn wir Ihnen gestehen: Wir haben Sie bisher offenbar gründlich missverstanden.

"Wetten, dass Sie in einer halben Stunde eine andere Meinung von Markus Lanz haben werden?", schreibt der "Stern" über das Gespräch mit Ihnen, und was sollen wir sagen: Die Kollegen haben recht. Denn wir hatten ja keine Ahnung.

Wir dachten nämlich bisher immer, sie wollten aus ganzem Herzen "Wetten, dass..?"-Moderator sein. Aber das stimmt gar nicht: "Es war kein Tag der Freude, als ich zusagte", haben Sie dem "Stern" gesagt. Sie haben den Job nur deshalb angenommen, weil "sich jeder in die Büsche geschlagen" hat, als es darum ging, einen Nachfolger für Thomas Gottschalk zu finden: "Es war dramatisch." Und in dieser akuten Notsituation haben Sie es eben gemacht, aus purer Pflichterfüllung.

Wir haben Ihnen das schon angemerkt, von Anfang an, aber vielleicht haben wir dabei wirklich unterschätzt, wie unvorbereitet Sie vom Schicksal in diese Prüfung geworfen wurden und welchen Härten Sie ausgesetzt sind. Bei der, man muss es leider so sagen, schlechtesten Ausgabe von "Wetten, dass..?" aller Zeiten, jener aus Mallorca, wären Sie sogar "am liebsten aus der Arena gerannt". Das können wir verstehen, es war ja auch schlimm.

"Geben Sie einem Menschen, der vorher noch nie am Samstagabend Fernsehen gemacht hat, einfach mal die Chance, sich reinzufuchsen!", rufen Sie aus, und wir sehen schon ein: Mit einem unbedarften Anfänger darf man nicht so hart ins Gericht gehen wie mit einem Profi.

Aber, wenn Sie erlauben, es gibt da doch auch ein Missverständnis auf Ihrer Seite: Es ist wirklich nicht so, dass wir "mit gespannter Flinte" vor dem Fernsehgerät sitzen. Ganz im Gegenteil, auch wir würden uns sehr gerne über eine gelungene "Wetten, dass..?"-Sendung von Ihnen freuen, mit tollen Gästen, die einmal nicht peinlich berührt in die Kulisse starren, und mit lustigen Witzen, die Ihnen gerne auch wieder Ihr Mitarbeiter Markus Heidemanns per Knopf im Ohr vorsagen kann. Na, wenn schon!

Wir sehen und wir erkennen an, dass Sie sich sehr, sehr bemühen. Zugegeben, lieber wäre es uns, wenn Sie das nicht müssten, wenn Sie uns - wenn auch nur anscheinend - anstrengungslos durch einen netten Abend führen könnten. Aber da das nun mal nicht möglich zu sein scheint, versprechen wir Ihnen Folgendes: Wenn am Samstag nichts Besseres im Fernsehen kommt, werden wir Ihnen wieder zusehen. Und wir werden uns, genauso wie Sie, ganz doll, geradezu verbissen und mit aller Kraft anstrengen, einen entspannten Fernsehabend zu erleben.

Herzliche Grüße von den SPON-Fernsehkritikern!

Ihr Stefan Kuzmany