Castingshow "X-Factor": Sarah Connors Ego-Performance
Castingshow "X Factor" Dann heul doch!
Die Telekom ist schuld. Seit das Unternehmen den bewegenden ersten Auftritt des Telefon-Verkäufers Paul Potts vor der Jury von "Britain's Got Talent" wieder und wieder in einer Handy-Reklame abspulte, gilt es hierzulande für jede Casting-Show, diesen einen magischen Moment zu reproduzieren: wie der hässliche Outsider die hübsche Jurorin zu Tränen rührt.
Keine Frage, auch hat den Handy-Werbespot genau studiert und mit ihrer Visagistin eingeübt, wie man die Emotionen triefen lässt, ohne das Make-up zu versauen.
Ja, sie ist die perfekte Castingshow-Jurorin.
Am Freitag startete sie an der Seite des Jazzpoppers Till Brönner und des Großproduzenten George Glueck auf das Format "X Factor", eine Lizensierung der gleichnamigen britischen Ur-Castingshow. Im Gegensatz zu den vielen anderen Talentshows, die bereits im deutschen Fernsehen zu sehen sind, geht es nach Angaben der Macher darum, einen wirklichen Star aufzubauen. Gerne verweist man dafür auf Leona Lewis, diese etwas streberhafte Sängerin, die nach ihrem Sieg im britischen Original tatsächlich die internationalen Charts mit ihrem Minderjährigen-Soulpop in Beschlag genommen hat.
Ob im deutschen Remake von "X Factor", das nach zwei Eröffnungsshows auf RTL an diesem Wochenende auf dem kleinen Schwestersender Vox laufen wird, am Ende eine ähnlich Erfolgsgeschichte zu verbuchen sein wird, ist fraglich. Zu sehr sind die Kameras auf Sarah Connor gerichtet: Sind die Bewerber wirklich gut und authentisch, zoomt man sofort aufs theatralisch aufgewühlte Gesicht der Jurorin. Und die treibt das oben beschriebene Prinzip des Telekom-Spots - große Gefühle auf Handy-Filmchen-Format - eben auf die Spitze.
Tränenfeuchte Gunstbezeugung
Kaum war am Freitag der erste der insgesamt 19.000 Bewerber auf der Bühne, da stand der Delmenhorsterin auch schon pittoresk das Wasser in den Augen: Der BWL-Student Anthony sang zur Rockgitarre sehr schön Michael Jacksons "Man In The Mirror" nach.
Vielleicht fühlte sich Connor da auch an Marc Terenzi erinnert, jenem ebenfalls heimlich dem Rock zugeneigten Ex-Boygroup-Sänger, mit dem sie 2005 für den Konkurrenzsender ProSieben die Hochzeits-Soap "Sarah & Marc in Love" aufgenommen hatte, bevor sich die beiden kurz darauf wieder trennten. Eigentlich wollte Connor von dieser Art Homestory-Klatsch ja weg, doch durch ihre tränenfeucht vorgetragenen Gunstbezeugungen für die "X Factor"-Kandidaten ist sie näher bei dem alten Hochglanz-Trash, als sie denkt: Sarah in Love, schon wieder.
Bei der Ego-Performance der Jurorin konnte man dann glatt übersehen, wie großartig einige der Bewerber tatsächlich waren: Der 44-Jährige Gelegenheitsbarmann Sven etwa, der aussieht wie jemand, dem man nicht in einer dunklen Straße begegnen will, brachte Curtis Stigers' "I Wonder" als subtilen Blues dar. Der 29-Jährige arbeitslose Schaustellersohn Marc sang Stefan Gwildis' "Sie lässt mich nicht mehr los" als Lamento mit so kunstvoll wie selbstverständlich gesetzten Crescendos.
Ja, das deutsche Prekariat hat Soul.
Man muss diese Seele nur hervorkitzeln. Nach ausgemachten Demütigungsveranstaltungen wie "Deutschland sucht den Superstar" tendiert das hiesige Casting-Gewerbe ja inzwischen dazu, die Shows als Resozialisierungsmaßnahme anzulegen. Siehe auch die am Donnerstag begonnene "Popstars"-Staffel, mit der "X Factor" nun in direkte Konkurrenz tritt.
Sei authentisch, bleib sauber, arbeite hart! So lauten die Imperative, die hier wie dort die Juroren im Stil von Problemschulpädagogen aufsagen.
Brachialdidaktik in ihrer telegensten Form
Bei "X Factor" wird diese Brachialdidaktik nun in wohl telegenster Form zur Aufführung gebracht: Der Trompeter-Posterboy Till Brönner steht schon mit seinem immer wieder genannten Titel "Musikprofessor" für harten akademischen Schliff, der graumelierte und ewig Pfefferminzpastillen lutschende Produzenten-Grandseigneur George Glueck weist mit seiner internationalen Vernetzung (Madonna!) Seriosität auf und betont immer wieder, dass in seinem Gewerbe ohne Disziplin gar nichts gehe.
Als negativen Vorführeffekt hatte man in der vorproduzierten Eröffnungsshow viel Platz für ein Gesangsduo namens Exotica eingeräumt, hinter dem leicht bekleidete blonde russische Zwillingsschwestern steckten, die wirklich gar nicht singen konnten. Ausgiebig weidete sich die Kamera an ihren miniberockten Beinen, danach ließ sich dann eine erzürnte Sarah Connor darüber aus, dass sie ihre Töchter nicht derart knapp bekleidet vor die Kamera gelassen hätte.
Komische Worte aus dem Mund einer Frau, die es einst doch durch besonders transparente Bühnenkleidung geschafft hatte, Deutschland darüber spekulieren zu lassen, ob sie nun bei "Wetten dass..?" einen Slip getragen habe oder nicht.
So gesehen reiht sich "X Factor" trotz pädagogischen Konzepts und hervorragender Hobbysänger nahtlos ein ins Casting-Elend. Man agiert hier wie im Rest des deutschen Talentshowlands: verheult, egomanisch, verlogen.