"Circus Halligalli": Jetzt ist auch mal Pause
Foto: ProSieben/ Claudius PflugNoch einmal Spaß machen vor den großen Sommerferien! Bei "Circus Halligalli" ging es zum Finale vor der Pause noch einmal auf mentale Klassenfahrt.
Für ein paar Momente glaubt man wirklich, jetzt kommt der gute alte Landschulheimtrick mit dem Piesel-Pennäler. So kicherig schleicht sich Joko Winterscheidt nachts ins Hotelzimmer seines ahnungslos duselnden Kollegen Klaas Heufer-Umlauf, dass man durchaus erwarten kann, er versuche sich gleich am Pinkel-Induzierungs-Klassiker: die Hand des Schlafenden in eine Schüssel warmes Wasser zu tauchen, um - so der Mythos - unterbewussten Harnfluss anzuregen. Passiert dann gottlob nicht, Heufer-Umlauf wird in der Nacht vor einem Tag voller Termine lediglich unter seiner eigenen Matratze begraben, von einem grifflig-speckigen Mann in Leopardenunterhosen besprungen und mit Schaumkanonen beschossen.
Zur letzten Show vor der dreimonatigen Sommerpause wurden bei "Circus Halligalli" (Pro Sieben) also noch einmal die klassischen Knöpfe gedrückt: Bewährter Prankismus, bei dem es einem beim Zuschauen immer ein bisschen vor einem selbst peinlich ist, dass man am Ende doch lacht. Zwar weniger über die Ausführung des nächtlichen Zimmersturms selbst, aber dann doch über die Nachwirkungen auf den solcherart aus dem Schlaf gestüberten Heufer-Umlauf, der wie eine zerzauste kleine Knitteroma mürrisch alles Weitere über sich ergehen lässt und sich schließlich wie ein kapitulierendes Kaninchen im nächtlichen Hotelflur zusammenkauert.
Da ist sie wieder, die "Wall of Shame"
Zu Gast sind neben besagtem unterbehosten "Ekel-Rocker" Evil Jared und "Teenie-Schwarm" Cro (schöne Bindestrich-Berufsbezeichnungen, nur knapp hinter Antifa-Pfarrer und Busen-Witwe) noch der unverhohlen auf Verkaufstour befindliche Box-Weltmeister Wladimir Klitschko, der komplett spaßbefreit über sein Fitnessprogramm-Angebot spricht - ein Bauchladengast aus dem Bilderbuch, blanke Zeitverplemperung. Schauspieler Samuel L. Jackson hat anschließend immerhin sein Attitüdchen mitgebracht und echauffiert sich ausführlich über Heufer-Umlaufs unsachgemäße englische Aussprache des Wortes "Jedi", da lernt man unter Umständen dann sogar noch was zu Hause. Und die Geschichte von Quentin Tarantinos Bestrafungsdildo, mit der er angeblich am Filmset eingeschlafene Schauspieler fotografiert, um mit den Bildern dann seine "Wall of Shame" zu bestücken, hat man ja auch schon ein paar Jahre lang nicht mehr gehört.
Als altersmäßig alter Gelegenheitszuschauer jenseits der Zielgruppe macht man bei alledem eine bekannte Erfahrung: Meist sind die Bilder im Kopf lustiger als das, was gerade passiert. Die von Winterscheidt nebenbei hingeworfene Vorstellung, dass sein Kollege tatsächlich mit einem Stück Kreide als einer dieser gruseligen Mammut-Marienbild-Maler (auch ein schöner Bindestrich-Beruf) durch Fußgängerzonen tingelt. Und das Erahnen der grenzenlosen Genervtheit von Heufer-Umlauf im nächtlichen Hotelzimmer, die Spekulation, wie viel Brass gespielt und wie viel echt sein mag. Kennt man ja selbst noch, solche High-Maintenance-Freunde, die nie wissen, wann es genug ist. Die man selbst, ganz wie der beklommen-vernünftige Klaas im nächtlichen Hotel, meist vergeblich um etwas Räson bitten muss. Ein paar Monate Abstand hat solchen Beziehungen noch nie geschadet.
Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.