Daredevil bei Netflix: Sin City in Hell's Kitchen - DER SPIEGEL
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"Daredevil": Marvel mal ganz makaber

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Netflix-Serie "Daredevil" Sin City in Hell's Kitchen

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Mit der Netflix-Serie "Daredevil" verhilft Marvel einer seiner besten Comic-Figuren zu einem Comeback - sehr blutig, sehr brutal und lustvoll ins Pulp-Genre eintauchend.

Matt Murdock ist der große Leidende des Marvel-Universums. Als Kind will er einen alten Mann vor einem heranrasenden Laster retten - und verliert dabei sein Augenlicht: Eine giftige Chemikalie rinnt aus den Fässern, die dem Truck von der Ladefläche purzeln, und dringt in seine Augen ein. Seine Mutter ist verschollen, sein Vater schlägt sich buchstäblich durch, als Boxer, der auch gern mal einen Kampf absichtlich verloren gibt, um so die Miete zahlen zu können.

Als Erwachsener schwingt sich Murdock als Daredevil durch die Straßen von Manhattans (ehemaligem) Problem-Kiez Hell's Kitchen und macht Jagd auf große und kleine Gauner. Für die Brutalität und Willkür, die er dabei anwendet, verbüßt der irischstämmige Katholik viel Zeit im Beichtstuhl und nimmt tagsüber, als Anwalt, einen Pro-Bono-Fall nach dem anderen an. Immer wieder muss er sich den Teufel Wut austreiben. Und dann kam 2003 Ben Affleck und gab den von Comic-Legenden wie Frank Miller ("Sin City") zur mythischen Figur Erhobenen im roten Spandexdress der Lächerlichkeit preis.

Verdient hat Daredevil, zurzeit eine der beliebtesten Comic-Reihen bei Marvel, ein Comeback also allemal. Mit der für den Streaming-Dienst Netflix produzierten Serie, deren 13 Folgen von Freitag an komplett abrufbar sind, haben die Produzenten/Autoren Steven S. DeKnight ("Spartacus") und Drew Goddard ("Lost", "Alias") nun tatsächlich den richtigen Tonfall für diesen zerquälten Kerl gefunden: Sehr blutig, sehr brutal und lustvoll ins Pulp-Genre eintauchend, knüpft "Daredevil" an Millers berühmte Comic-Reihe aus den Achtzigern an, in der aus Marvels halbgarem Versuch, einen eigenen Batman zu schaffen, eine eigenständige, symbolisch aufgeladene, toughe Heldenfigur wurde.

Street-Style statt Spandex-Höschen

Noir heißt das Genre, in dem sich der blinde Rächer am wohlsten fühlt, und ganz schön schattig und düster ist auch die Serie, die außer Hauptdarsteller Charlie Cox ("Boardwalk Empire") über hervorragendes Nebenpersonal verfügt, allen voran Vincent D'Onofrio als Über-Pate Kingpin und Rosario Dawson als sorgenvolle Krankenschwester, die Murdock nach nächtlicher Prügeltour wieder zusammenflickt - zunächst übrigens ohne sein gehörntes rotes Kostüm, sondern ganz street mit schwarzer Trainingskluft und Beanie-Mützchen.

Fans des Comics, die mit den Fähigkeiten und der Geschichte dieses speziellen Marvel-Hinterbänklers vertraut sind, wird der Einstieg in die Serie nicht schwer fallen, alle anderen dürften sich zunächst wundern, warum ein blinder Mann von den Gaunern, die ihn umzingeln nicht einfach erschossen wird - oder wie genau Murdocks dank der Chemikalie übernatürlich verstärkte Sinneswahrnehmung funktioniert. Wie für Murdock selbst braucht es auch für den Zuschauer zunächst einen tollkühnen leap of faith, ehe er sich in die Schattenwelt des "Man Without Fear" fallen lassen kann. Aber es lohnt sich.

Wenn etwas auf Netflix ("House of Cards", "Orange Is The New Black") läuft, erwartet man inzwischen das Besondere, jenes umraunte Element, das aktuelles US-Fernsehen so wegweisend macht. Dieses Versprechen hält "Daredevil" nicht ganz ein, dafür fehlt Dialogen und Inszenierung der letzte Schliff. Aber dennoch ist das vom Mainstream-Druck des Massen-Networks befreite Noir-Drama Marvels bisher originellste und beste TV-Unternehmung.

Die erste Staffel ist vom 10. April an komplett via Netflix abrufbar.

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