Erfindungshow "Das Ding des Jahres" Die Hölle der Löwen
Ein Hämmerchen würde dieser Sendung guttun.
Ein solides Werkzeug in der Hand eines strengen Menschen, der damit immer dann ruhig und sachlich aus der Kulisse treten würde, wenn die "Wahnsinn!"-Großäugigkeiten der Jury und die orchestrierten Klatscheinlagen des gruselig auf Spur gebrachten Publikums einen kritischen Höchstwert überschritten hätten, und der das unnötige Plunderprodukt, dessen Existenzberechtigung da gerade umständlichst herbeischwadroniert wird, einfach wortlos mit eben jenem Hammer zu Klump dengeln und still wieder verschwinden würde.
Angeblich will "Das Ding des Jahres", produziert von Stefan Raab, einen Gegenstand küren, der das Leben sehr vieler Menschen leichter, schöner, angenehmer machen soll. Man hätte den Braten dann eigentlich schon riechen müssen, als Janin Ullmann den Sinn des neuen Formats so zusammenfasste: "Wir suchen den Fidgetspinner 2018!"
Insgesamt 40 Erfindungen sollen dafür in fünf Shows in direkten Duellen gegeneinander antreten. Eine Jury, bestehend aus Joko Winterscheidt (der gerne Produkte kauft), Model Lena Gercke (die gerne Produkte bewirbt) und Rewe-Chefeinkäufer Hans-Jürgen Moog geben ihre Empfehlungen ab. Das Studiopublikum entscheidet, wer am Ende für sein neues Produkt einen Werbedeal auf den Sendern der ProSiebenSat.1-Gruppe in Höhe von 2,5 Millionen Euro bekommt.
Natürlich: Noch ehe das erste Produkt - eine mobile Cocktailmixmaschine - ins Studio gerollt wird, hat man "Die Höhle der Löwen" im Kopf, jene andere, etablierte Neuproduktparade. Und wünscht sich ein paar Minuten später, statt der Staunemündchen von Gehrke und Winterscheidt doch lieber ein paar klassische Löweneinlassungen zu diesem App-gesteuerten Mix-Klimbim zu hören, dessen Sinnigkeit man durchaus infrage stellen könnte: Die appgesteuerte Maschine kippt Spirituosen zwar im richtigen Mischungsverhältnis zusammen, shaken aber muss man den Cocktail immer noch selbst.
Wie Homeshopper im Duftkerzenrausch
Beim "Ding des Jahres" geht es freilich nicht um Marktfähigkeit, sondern um subjektive Begeisterung. Was durchaus nerven kann, weil das Kritikvermögen der Jury etwa so ausgeprägt ist wie das eines Homeshopping-Zuschauers im Duftkerzenrausch. "Hast du die App selbst entwickelt?", fragt Joko. "Ja", sagt der Erfinder. "WHAAAT?", sagt Joko. Ende der Evaluation, anschließend wird nur noch verkostet.
"Der Thermomix für den Mann", dümmelt Lächelmoderatorin Ullmann und leitet mit einer Mario-Barth-Gedächtnisarabeske zu einem weiteren Produkt über: "Der nächste Gegner ist eine Gegnerin, womit bewiesen wäre, dass wir Frauen nicht nur Migräne erfinden können". Es folgt die schmerzensreich hölzerne Präsentation eines Messgeräts für Kinderschuhe.
Spätestens hier unterstellt man zur eigenen Nervenentlastung ein geheimes Skript von, zum Beispiel, Hape Kerkeling, der die Erfinderin den peppigen Satz "Ich mache Schluss mit unpassenden Schuhen" sagen und dabei ihre eigenen Stöckel von sich werfen lässt. "Deutschland schaut in den Schuh, drum schau auch du!" schließt sie ihren Pitch, das Publikum klatscht entfesselt, Winterscheidt ölt ein "Das ist marktfertig, das ist unglaublich!" hervor. Nie wünschte man sich sehnlicher den Höhle-der-Löwen-Juror Carsten Maschmeyer herbei, der ungebeten über die eigenen Schuhkaufgepflogenheiten referiert.
Bei der Publikumsabstimmung gewinnt dann die Mixmaschine. Wobei einen als logikliebenden Menschen die Grundverschiedenheit der Duellpartner quält und auch im Laufe der Sendung nicht mehr loslassen wird, wenn man sich zwischen einem tropffreien Honiglöffel (mit seitlichen Abgießlippen und Anti-Abrutschnase) und einem ferngesteuerten, driftfähigen Mini-Modellauto entscheiden soll. Oder zwischen einem wunderlichen, leicht ins Mary-Poppins-hafte spielenden Hutaufsatz für den Fahrradhelm und einem an Reitsportbedarf erinnernden Mundstück, welches das Zähneputzen in nur zehn Sekunden automatisiert. Man möchte zur Entspannung sofort ein paar Äpfel mit Birnen vergleichen.
Die Neuheit ist nicht wirklich neu
Das bizarrste Produktduell wird allerdings zwischen einem eiförmigen Mini-Wohnwagen-Anhänger für das Fahrrad und Klopapier im Kaffeefilterformat ausgetragen - hier wird "Das Ding des Jahres" dann vollends zu einer Trullala-Version der "Höhle der Löwen". Auch, weil eine schnelle Spielverderber-Google-Suche genügt, um einige bereits real erhältliche, ausgefeiltere Fahrradcampermodelle zutage zu fördern und die "Neuheit" dieser Erfindung gleich mal traurig zusammenschnurren zu lassen.
In den Kleinstwohnwagen quetschen sich Gercke, Winterscheidt und Rewe-Mann dann sinnloserweise gleich mal zu dritt. Eine fahle Erinnerung an die Wetten-dass-Telefonzelle steigt auf, aber der Erfinder des neuen Klopapierformats kommt tatsächlich als Klorolle verkleidet auf die Bühne. Lachtränen im Publikum, Schamkrämpfe zuhause, als der Berufsfernfahrer dann noch allzu plastisch (und auf einer Kloschüssel sitzend) erklärt, wie man seine Papiertrichter nun genau zur Gesäßabwischung handhaben soll: "Ganze Hand rein, Spitze eindrücken - kann man arbeiten! Ich garantiere, die Hände bleiben sauber." Und Hans-Jürgen Moog so: "Ich finde das 'ne ganz spannende Geschichte."
Immerhin ist er der Einzige, der gelegentlich mal nachfragt, was der ganze Plunder denn eigentlich kosten soll. Der stolze Preis von 199 Euro dämpft die Begeisterung über das kleine Driftauto, den klaren Juryliebling, allerdings nur kurz. Sie wählen das Spielzeug als Sendungssieger ins Finale, das Publikum entscheidet sich für den Zahnputzaufsatz. "Was können Sie besser gebrauchen?" fragte Janin Ullmann das Publikum vor jeder Abstimmung. Wohl ganz clever, die Sendung selbst nicht in diesen Entscheid mitaufzunehmen.