"Das große Backen" auf Sat.1: Glitzerbaiser und Eiterglasur - DER SPIEGEL
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Fotostrecke: "Champagner, eh? Vanilleschote, uh! Allez-allez"

Foto: SAT.1

Oster-Promibacken Mit Glitzerbaiser und Eiterglasur

Das ideale Programm zum sonntäglichen Sofagären? TV-Promis dabei zusehen, wie sie schwammweiche Kuchen mit Buttercreme verspachteln - und sich dabei versehentlich selbst backen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hihi, ausgerechnet Windbeutel lässt man sie backen! Dieses großporige, mit süßer Nichtigkeit gefüllte und aus sehr viel Luft bestehende Wappengebäck der TV-Promis mittlerer Chargen! Es ist aber keineswegs zynisch gemeint, dass die Teilnehmer des Sat.1-Promi-Osterbackens bei ihrer technischen Prüfung nun ausgerechnet einen Schwan aus Windbeutelteig fabrizieren müssen (obwohl die vorgeschriebene Füllung mit Schnaps, aromatisierter Sahne und Alk-getränkten Kirschen die Metapher sogar noch schöner machen würde) - nein, die Backsendung ist ein nettes, ein echtes Feelgood-Format.

Alle werden gut behandelt und freundlich betreut, und wenn irgendwo eine Marzipandecke ungut Falten wirft oder der Tortenverputz bröckelt, wird von der Fachjury zwar pädagogisch darauf hingewiesen - doch extrem milde und wohlwollend.

Durch drei Runden backen sich "Let's Dance"-Jurorin Motsi Mabuse, Verfugungsexpertin Sonya Kraus, Akzent-Experte Rolfe Schneider, Schauspieler Jo Weil, Moderatorin Marlene Lufen und Handtaschen-Weitwurf-Weltmeisterschafts-Jurymitglied Natascha Ochsenknecht der Kuchenmeisterschaft entgegen, und das ist tatsächlich ein geeignetes Fernsehprogramm für den späten Sonntagnachmittag, wenn man selbst auf dem Sofa klebt wie ein bräsiger Hefeteig, den irgendwer im Gärkörbchen vergessen hat. Konzertiert wird alles von Enie van de Meiklokjes, die ein rosa Hasenohrenhütchen trägt, frisurenmäßig aber eher einen Osterzopf simuliert.

Amüsantester Kandidat ist Rolfe, der unverwüstliche "Topmodel"- und "Dschungelcamp"-Veteran: "Champagner, eh? Butterbrösel, eh? Vanilleschote, uh! Allez-allez", so plappert er vor sich hin, während die Teilnehmer in der ersten Runde ihren persönlichen Lieblingskuchen fabrizieren sollen, der auch etwas über sie selbst erzählt. Autotherapeutisches Erkenntnisbacken, bietet das eigentlich schon irgendein Psychoquacksalber an?

Aus den fertigen Kuchen kann man tatsächlich einige küchenpsychologische Rückschlüsse ziehen, sei es der extrem hausbacken-behagliche Apfelkuchen von Jo Weil oder der irre Ochsenknechtsche Space-Igel, ein mit Glitzerbaiser verputzter Irrsinnskuchen, dessen Innenleben einen imposanteren Rosa-Tonverlauf zeigt als die mühsam zurechtgeschminkten Augenlider einer Tingeltangeltänzerin. Und Rolfe hat in seinen Biografiekuchen etwas Knallschokolade eingebacken, die beim Essen Soundeffekte abgibt: "Puffpuff, macht das so!"

In der zweiten Runde sind als Techniktest dann die erwähnten Windbeutelschwäne fällig, deren grazil gemeinte Hälse und Köpfchen bei manchen Endergebnissen eher an Spazierstöcke oder Schnabeltiermäuler erinnern. In der finalen Runde droht ein statisches Fiasko, wenn eine zweistöckige Ostertorte zu fabrizieren ist. Den einen oder anderen Tipp kann man da aber durchaus mitnehmen, etwa für den Fall, dass man selbst einmal eine festliche Torte backen möchte, deren Deko ein aufgeworfenes Erdbett simuliert: Dazu empfehlen sich dunkle Kekskrümel.

Es ist durchaus kontemplativ, den Promibäckern so bei ihren Spachtel- und Schabearbeiten, dem Etagengestapel und der Risssanierung zuzusehen. Rolfe schmiert seine Rohtorte mit etwas ein, das wie abgesaugtes Fett aus der Schönheitsklinik aussieht, und Frühstücks-TV-Moderatorin Marlena Lufen sieht in ihrem etwas hinfälligen Karottenkuchen einen "Kackhaufen". Am Ende geht die Abback-Prämie des Gewinners an einen guten Zweck, und der Zuschauerteig ist angenehm mürbe geknetet. Lässt einem irgendwer ein Glasurbad ein?

"Das große Promibacken - Osterspezial", Sonntag, 17.45 Uhr, Sat.1

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.