"Der Krieg und ich": Kinderserie über den Zweiten Weltkrieg - DER SPIEGEL
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"Der Krieg und ich": Kinderreise in die Vergangenheit

Foto: Andreas Wünschirs/ SWR

Erinnerungspädagogik Wie erklärt man Achtjährigen den Zweiten Weltkrieg?

Die SWR-Produktion "Der Krieg und ich" richtet sich an Kinder. Sie traut sich, nah an die Ungeheuerlichkeiten der Nazi-Diktatur heranzugehen - und findet dennoch Momente der Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Anton will zur Hitlerjugend. Nichts Wunderbareres kann der Junge sich vorstellen, als mitzumarschieren, "Unsere Fahne flattert uns voran" zu singen, die Uniform zu tragen, Lagerfeuer zu machen, im Zelt zu übernachten. So sehr wünscht er sich, ein Hitlerjunge zu sein, dass er dafür seinen Vater verrät. Denn der will den Mitgliedsantrag nicht unterschreiben.

Eine Kindheit in den frühen Dreißigerjahren in Deutschland: Das Gift der nationalsozialistischen Ideologie wirkt schnell, zersetzt Beziehungen, dringt in feinste Kapillare des Familienlebens vor. Die Serie "Der Krieg und ich" zeigt, wie Kinder damals aufwuchsen, woran sie glaubten, was sie erlebten, wie sie überlebten.

Es ist keine Serie über Kinder für Erwachsene. Sondern es sind kleine Geschichten, die sich laut des produzierenden SWR direkt an junge Zuschauerinnen und Zuschauer ab acht Jahren richten. Zu sehen sind die acht Folgen zunächst beim Kinderkanal (Kika), im November dann im Ersten.

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"Der Krieg und ich": Kinderreise in die Vergangenheit

Foto: Andreas Wünschirs/ SWR

Anlass ist der deutsche Überfall auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren. Kann man Kindern zumuten, sich mit den ungeheuerlichen Grausamkeiten der Nazi-Diktatur auseinanderzusetzen? Überfordert man sie nicht damit?

Der Philosoph Theodor W. Adorno, neuerdings wieder hochaktuell wegen einer Vorlesung über Rechtsextremismus, die er 1967 hielt, machte sich ein Jahr zuvor schon Gedanken über die "Erziehung nach Auschwitz". So betitelte er sein Manuskript für einen Rundfunkbeitrag. "Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei", schrieb er dort eingangs, "ist die allererste an Erziehung. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug."

Adorno ging es um eine Erziehung zur Mündigkeit, Selbstbestimmung und Resilienz gegenüber populistischen Vereinfachungen. Um eine Erziehungsaufgabe also, die weit über eine schulische Vermittlung von Fakten hinausgeht. Dieser Aufgabe und ihren Schwierigkeiten stellt sich nun "Der Krieg und ich" auf beeindruckende Weise. Etwa in der Episode über die 13-jährige Sandrine in Frankreich, die mit ihrer Familie verfolgte Juden versteckt. Ergreifend, mit welch einfachen Mitteln die Macher hier Mitmenschlichkeit und Güte in den Mittelpunkt stellen.

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Wie schwierig die Abwägung zwischen historischer Genauigkeit und einer auf das Versöhnliche angewiesenen pädagogischen Vermittlung ist, zeigt die Episode um den zehnjährigen Anton und seinen Vater. Die Familie positioniert sich schließlich gemeinsam gegen Hitler und verhilft sogar einer befreundeten jüdischen Familie zur Flucht. Die Tatsache, dass die meisten Deutschen sich der Diktatur nicht widersetzten wollten oder konnten, wird in den begleitenden Off-Kommentar delegiert.

Insgesamt aber ist das Konzept der Serie über jeden Zweifel erhaben und beschönigt keinesfalls zugunsten leichter Verdaulichkeit. Dazu ist das Konzept zu ausgefeilt: Die acht Episoden erzählen nicht nur von deutschen Kindern, sondern nehmen die Erfahrungen von Kindern aus ganz Europa in den Blick.

Spielszenen, die die Geschehnisse ganz nah heranholen, wechseln sich ab mit einer aus Modellen gebauten Welt, die eine größere innere Distanz zulässt. Und schließlich sind die Geschichten flankiert von Tagebucheinträgen und Briefen von Kindern der damaligen Zeit sowie einem einfühlsamen Kommentar, der Kontexte erklärt.

Für Erwachsene vielleicht bedrückender als für Kinder

So begleiten die jungen Zuschauer die kleine Vera, die in der Sowjetunion ohne ihre Eltern auf der Flucht ist, den 15-jährigen Justus, der sich als Kindersoldat den US-amerikanischen Truppen entgegenstellt, und sogar die 14-jährige Eva, die in Auschwitz überlebt, weil sie singen kann.

Gut möglich, dass diese Reise in die Vergangenheit für erwachsene Zuschauer, die sie unbedingt mit ihrem Kind gemeinsam machen sollten, bedrückender wird als für den Nachwuchs. Denn Krieg, Verfolgung, massenhafter Mord und Zerstörung werden zwar nicht in aller Grausamkeit gezeigt, aber in ganz einfachen Worten erklärt - eben so, als hätte man davon noch nie zuvor gehört. Auf eine unerwartet berührende Weise hebelt dieser pädagogische Ansatz all das Wissen aus, das Erwachsene zu diesem Thema schon angesammelt haben, all die Bilder und Texte, die Filme und Analysen, und stellen das Unbegreifbare auf eine viel direktere Weise in den Raum.

Gerade der vermeintlich naive Kinderblick, in dem eine kranke Welt aufscheint, die es so eigentlich niemals hätte geben dürfen, führt kraftvoll die monumentale Ungeheuerlichkeit vor Augen, die zwölf Jahre Nationalsozialismus über die Welt brachten. Niemand hat behauptet, die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit sei einfach. Umso wichtiger ist sie gerade deshalb.


"Der Krieg und ich": Am 31. August, 1., 7. und 8. September, 20 Uhr im KiKA. Im November im Ersten