Bachelorette 2015: Alisa und die Dating-Tölpel - DER SPIEGEL
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"Die Bachelorette": Date mit Prinzessin Häschenschnute

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RTL-Kuppeltrash "Die Bachelorette" Alisa und die Dating-Tölpel

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon wieder vermittelt RTL eine "Bachelorette" - dabei ist das letzte Finale erst so lange her, dass die damalige Alumna noch immer mit ihrem Erwählten zusammen ist. Diesmal gibt's Verstörung pur: Was ist echt, was unecht? Und was, bitte, ist Solingen?

"Solingen, kennste?" - "Nee." - "Okay." Läuft mal wieder supergut bei der Bachelorette, Instant-Romance liegt in der Luft, als sich zum Auftakt ein Kandidat nach dem anderen aus der Limousine schraubt und zum ungelenken ersten Bestammeln ansetzt.

Die Bachelorette ist 27, Junglehrerin, und sagt im Jahr 2015, bei der dritten deutschen Auflage der Verpaarungssendung (und nach elf Staffeln des US-Originals), allen Ernstes Sätze wie "Ich bin hier, weil ich die Liebe meines Lebens finden will", was ganz nebenbei der Diskussion um die deutsche Bildungsmisere noch mal einen ganz neuen Drall versetzt.

Dennis, der deepe Persönlichkeitscoach

Das teilnehmende Männerfeld wirkt dieses Mal schon nach wenigen Gruppenszenen sehr vertraut, weil auffällig viele der Kandidaten wie Dorfdisco-Doubles von Prominenten oder zumindest Scheinpromis aussehen: Es gibt einen täuschend echten, nur braunhaarigen und etwas weniger zahnigen Doppelgänger von "Bachelor"-Veteran Paul Janke, es gibt einen Not-Sami-Khedira, mit etwas Sehunschärfe und gutem Willen sind auch Lookalikes seiner Berufskollegen Arne Friedrichs, Thorsten Legat und Owen Hargreaves auszumachen.

Vor allem aber kennt man natürlich inzwischen die Knallchargen-Spezies zur Genüge, die das Gros der Teilnehmer stellt. Sie sagen Traditionstrash-TV-Sätze wie "Ich bin nicht hier, um Freunde zu finden", schwitzen Selbstbeschreibungen wie "Ich bin schon ne Granate als Typ" aus und vermitteln glaubhaft die Bereitschaft, sich im Fernsehen notfalls auch mit der allergrößten Dummpunze einzulassen, solange sie nur ein "süßes Lächeln" und "emotionale Augen" hat.

So sitzen die Dating-Tölpel also auch dieses Mal in ihrer Villa, machen sich - das ist neu - vor dem ersten Zusammentreffen mit der Bachelorette gegenseitig die Nägel und bangen bei der Anfahrt auf die Balzvilla: "Ich hoffe, sie ist echt nicht schärfer als scharf."

Dann nehmen die bekannten Stumpfkonversationen ihren Lauf:

"Erzähl mal."

"Was?"

"Wie alt bist du?"

"27."

"Schönes Alter."

"Und du?"

"29."

"Schön."

Oder:

"Schöne Augen."

"Danke. Du auch. Braun."

Neu im bekannten Kandidatenpersonal ist der Charakter des deepen Menschenflüsterers, ausgefüllt von Persönlichkeitscoach Dennis: Er spüre manchmal, wenn er in der U-Bahn sitzt, ganz intensiv das Leid der fremden Menschen um ihn herum, sagt er.

Dass er obendrein auch noch die Berufung verspürte, bei einem Format wie "Die Bachelorette" mitzumachen, ist das rätselhafte Paradox dieser Sendung.

Auch zum Auftakt dieser Bachelorette-Staffel werden Pragmatismus und Kitsch wieder zu einem faszinierend bescheuerten Gaga-Brei verschlagen. Kandidat Alex etwa lässt die Bachelorette bei seinem kostbaren Einzelgespräch drei drängende Fragen beantworten: Berge oder Meer? Sommer oder Winter? Kaffee oder Tee? Als sie die Kombination für diesen Dummheitstresor auf Anhieb richtig daherplappert - Meer, Sommer, Kaffee - ist Alex aus dem Häuschen: "Genau die drei Dinge, auf die ich auch steh, ein guter Anfang!" Und Alisa zeigt sich positiv überrascht, "weil er sich so für mich interessiert".

Der Zynismus des Formats liegt genau in dieser Paradoxie. Hier wird die Partnersuche nach den Gesetzen oberster Effizienz betrieben: Mögliche vorverlesene Gefährten (eine Mischung aus attraktiv erachtetem Mainstream plus einiger "verrückter" Vögel) werden in einer Massen-Stierhaltung zusammengepfercht, dann zügig die ungeeignet scheinenden Männchen aussortiert, das lästige Kennengelerne in acht Wochen vom ersten Augenschein bis zur Quasi-Verlobung optimiert - nur um dann dieses hochdarwinistisch inspirierte Vorgehen gleichzeitig als supertiefes Gefühlsgezirpe und allerkitschigste Romantik zu verklären. Der kleinste, gemeinsame Nenner wird schmerzhaft ins Unerträgliche gedehnt: Was, du hast auch Sport studiert? Wie, du wohnst auch in Berlin? Krass, du hast auch ein Sternzeichen? Ganz klar, das passt mit uns beiden, eventuell Liebe.

Prinzessin Häschenschnute

Postmoderne Migräne verursacht "Die Bachelorette" gar, wenn man in den vergangenen Wochen die ersten Folgen der US-Serie "UnREAL" gesehen hat. Sie spielt am Set einer "Bachelor"-artigen, fiktiven Verkuppelungsshow namens "Everlasting" und erzählt die fiesen Manipulationen und Psychoschikanen, derer sich die Produktionsmannschaft bedient, um die Mitwirkenden vor der Kamera nach ihren Wünschen in ihre vorgefertigten Erzählschablonen zu pressen.

Da werden die Medikamente einer bipolaren Teilnehmerin heimlich gegen Placebos getauscht, eine andere zum ungewollten Outing getrieben, eine Set-Psychologin führt über jeden Teilnehmer eine dicke Akte mit möglichen Knackpunkten. Die Realitätenschneider und Geschichtenschuster hinter den Kulissen kennen keine Skrupel. "UnREAL" ist Fiktion, natürlich. Allerdings arbeitete Sarah Gertrude Shapiro, die die Serie zusammen mit "Buffy"-Drehbuchschreiberin Marti Noxon erfand, früher als Produzentin bei der US-Version von "The Bachelor".

Das genügt für grundsätzliche Verwirrung, auch wenn in der aktuellen "Bachelorette"-Staffel so kurz nach Start natürlich noch fast alles harmonisch zugeht. Schon nächste Woche aber, zeigt die Vorschau, knallt es tüchtig.

So fühlt man sich, wenn man beide Sendungen verquickt, am Ende wie beim Betrachten dieser bekannten optischen Täuschung, in der man abwechselnd Hasenohren und eine Entenschnabel sieht: Sind der bizarre Kitschpragmatismus und Alisas Suche nach der Liebe bei der "Bachelorette" echt und die Handlung von "UnREAL" erfunden - oder ist es doch eher umgekehrt? Wir schalten vorsichtshalber auch nächste Woche wieder ein, wenn wir Prinzessin Häschenschnute sagen hören: "Vielleicht ist einer von ihnen der Mann meines Lebens."

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.