"Die Erbschaft": Eine gegen alle
Dänische TV-Serie "Die Erbschaft" Der lange Schatten der Übermutter
Ein Kunsttempel von internationalem Rang soll das Museum werden, über vier Stockwerke hoch, jedes mit extravaganten Fenstern und Lichthöfen versehen. Gleichzeitig sollen die Ausstellungsräume intim wirken. So, als würde man der Künstlerin mitten in ihr Atelier schauen.
Gro Grønnegaards Pläne für das Museum zu Ehren ihrer Mutter Veronika sind weit fortgeschritten. Doch als die weltberühmte Künstlerin an Weihnachten plötzlich verstirbt, scheinen alle Bemühungen umsonst gewesen zu sein: Die impulsive Veronika hat vor ihrem Tod die Papiere, die ihr Anwesen und ihre Kunstwerke in eine Stiftung überführen sollen, nicht unterschrieben. Schlimmer noch, sie hat Hof und Grundstück, auf dem das Museum entstehen soll, keinem ihrer drei offiziell bekannten Kinder vererbt - sie hat es in einer Art Nottestament ihrer jüngsten Tochter Signe vermacht, die sie einst zur Adoption frei gab.
Kein Krimi, kein Polit-Drama: Nach seinen internationalen Serienhits "Borgen", "Kommissarin Lund" und "Die Brücke" überraschte der dänische Rundfunk (DR) 2014 mit einem Familiendrama als nächstem Prestigeprojekt. In der Heimat ging der Genrewechsel bereits auf: Mit Einschaltquoten von zum Teil 60 Prozent fegte "Die Erbschaft" Dänemarks Straßen leer. In Deutschland erschien die erste Staffel zunächst nur auf DVD - nun feiert sie um 20.15 Uhr auf Arte endlich TV-Premiere.
Plötzlich Erbin, plötzlich Schwester
Fast möchte man aber das Schauen der DVDs empfehlen, denn noch stärker als bei den dänischen Krimi-Formaten kommt der Serie die Möglichkeit zum Non-stop-Gucken entgegen. "Die Erbschaft" nimmt sich nämlich einiges an Zeit, um ein Netz aus Täuschungen, Verletzungen und Lebenslügen auszuwerfen. In diesem verfangen sich die Hauptfiguren dafür um so nachhaltiger - und ihnen bei ihren zunehmend verzweifelten Befreiungsversuchen zuzuschauen, ist bestes Serienfernsehen.
Im Vordergrund steht zunächst Gro, von Trine Dyrholm ("Who Am I", "Das Fest") mit listiger Vielschichtigkeit gespielt. Erscheint Gro anfangs noch als folgsame Tochter, die pflichtbewusst das Erbe der dominanten Mutter verwaltet, wandelt sie sich zunehmend zur gerissenen Intrigantin, die ebenso kalkulierend Unterschriften fälscht wie Geschwisterliebe vortäuscht, um die Fertigstellung des Museums zu sichern.
Diesem Ziel scheint zunächst vor allem der verbissene Anwalt Frederik (Carsten Bjørnlund) im Weg zu stehen. Gros jüngerer Bruder, der von Veronikas zweitem Mann stammt, erhebt Anspruch auf das Anwesen, weil es einst seinem Vater gehörte. Doch auch der jüngste Bruder Emil (Mikkel Boe Følsgaard, "Die Königin und der Leibarzt") kämpft zunehmend verbissen um seinen Erbanteil. Das Urlaubsressort in Thailand, das der charmante Lebenskünstler wie alle seine Projekte mit dem Geld seiner Mutter angeschoben hat, steckt in Schwierigkeiten.
Drei gegen eine
Zum Glück versteht sich Emil blendend mit der verloren geglaubten Schwester Signe (Marie Bach Hansen), an die sich Veronika in der Stunde ihres Todes schuldbewusst gewandt hat. Die jüngste in der Runde ist als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen und weiß zunächst nicht, worüber sie mehr stauen soll: über das unverhoffte Erbe oder die glamouröse Familie, deren Teil sie nun zu sein scheint. Um Gro zu gefallen und Veronikas letztem Willen nachzukommen, überträgt Signe das Anwesen der Museumsstiftung. Doch kurz bevor das Museum gegründet werden kann, erkennt Signe, dass ihre Geschwister gegen sie arbeiten - und zwar jedes auf ganz unterschiedliche Art.
Wie fürs dänische Fernsehen üblich, besticht "Die Erbschaft" durch die hervorragende Besetzung und die exzellente Ausstattung, die ebenso auf die Optik setzt wie auch die Figurenzeichnung perfektioniert. Wie Signe lässt man sich nur allzu gern in die trügerischen Vorzeigeleben von Kunstmagnatin Gro, Herzensbrecher Emil und Erfolgsanwalt Frederik entführen.
Am besten ist aber die Welt von Veronika Grønnegaard gelungen, die die Serienmacher als dänische Variante der franko-amerikanischen Ausnahmekünstlerin Louise Bourgeois angelegt haben. Zwischen monströs anmutenden Skulpturen und bizarren Bildern haben sie der Matriarchin ein herrschaftliches Anwesen eingerichtet, das trotzdem Bohémien-Gemütlichkeit besitzt und ihre Kinder immer wieder anzulocken vermag.
Obwohl Veronika (Kirsten Olesen) gleich zu Beginn der zehnteiligen Serie stirbt, ist ihre Präsenz bis zuletzt spürbar. Ihre Kinder streiten nach ihrem Tod um Geld und Haus, genauso kämpfen sie aber auch um Emanzipation von der übermächtigen Mutter, die sie alle stärker im Griffe hatte, als sie sich eingestehen wollen. So zieht "Die Erbschaft" eine zusätzliche Ebene in seinem süffigen Drama-Plot ein: Wie erbittert vier Menschen um ihre Lebensentwürfe kämpfen und wie sie dieser Kampf verändert, ist zunehmend schmerzhaft anzusehen.
Bei Geld hört der Spaß bekanntlich auf - aber fängt das Ausnahme-Drama zum Glück erst an.
Die Erbschaft - Staffel 1
Regie: Pernilla August, Louise Friedberg.Mit Trine Dyrholm, Jesper Christensen.
Constantin Film; 24,99 Euro (4 DVDs).