Doku-Soap "Rock statt Rente": Opa nimmt die Autobahn in die Hölle - DER SPIEGEL
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Sat-1-Doku-Soap "Rock statt Rente": Rüstig rocken

Foto: SAT.1

Doku-Soap "Rock statt Rente" Opa nimmt die Autobahn in die Hölle

Mit dem Stützstrumpf ins Studio: Sat.1 lässt in der Doku-Soap "Rock statt Rente" zwei Dutzend Pensionäre Rock-Evergreens einstudieren, am Ende winkt ein Auftritt mit der Kuschelrock-Kapelle Pur. Das könnte ergreifendes Fernsehen sein - doch leider erliegen die Macher ihrem Hang zum Spaßzwang.
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Pensionäre im Chor? Erst vor zwei Wochen konnten die Besucher der "Still-Leben Ruhrschnellweg"-Aktion, bei der über zwei Millionen Menschen die A 40 fluteten, ein charmantes Beispiel sehen: Vier Chöre aus dem Pott hatten sich auf einer Brücke versammelt und schmetterten Bergmannslieder. Das war schön und würdig. Und es zeigte: Wo sich in deutschen Landen Menschen zum gemeinsamen Singen versammeln, sind Betagte nicht weit.

Es gibt Shanty- und Bergmannschöre, Pop- und Kirchenchöre, in den meisten dürfte der Silberlockenanteil erheblich sein. Und jetzt gibt's auch einen Rentnerchor auf Sat.1. "Rock statt Rente" heißt der Titel der sechsteiligen Doku-Soap, die der Sender mittwochs um 20:15 Uhr ausstrahlt. 25 Rentner, die laut Ankündigung "das Abstellgleis gegen ihre letzte große Herausforderung" tauschen sollen: Sie bilden gemeinsam eine Rockband. Höhepunkt der Serie, die die Berliner Pensionäre bei den Proben und im Alltag zeigt, soll ein Konzert der Kuschelrock-Band Pur sein, bei dem die rüstige Truppe am 4. September in der Schalke-Arena im Vorprogramm auftreten wird.

Zum Einstieg in die Serie drückt der Sender erstmal auf die Tränendrüse. Da ist der 86-jährige Gerhard, seit vier Jahren im Pflegeheim, schwerstbehindert, seine Frau leidet an Demenz - "Watt soll da noch kommen?", fragt er. Da ist die ehemalige Sekretärin Doris, 85 Jahre, kinderlos, sie "leidet unter Einsamkeit". Die 79-jährige Carma, ebenfalls kinderlos, hatte es vor 60 Jahren schon mal mit einer Musikkarriere versucht. Jetzt sitzt sie vor dem Fotoalbum und bricht in Tränen aus: "Hab nüscht erreicht im Leben." Und so weiter.

Hemdsärmelige Sozialmessias-Attitüde

Einsamkeit, Langeweile, Verzagt- und Verkalktheit: Die Fallhöhe ist hoch, aus der die Show ihre Kandidaten in das kalte Wasser des Reality-TV plumpsen lässt. Und das soll auch so sein. Denn zum Geschäft von Casting-Shows und verwandten Formaten gehört es dazu, dass sich der Sender als Schicksalskraft inszeniert, die die Komplettumkrempelung des Lebens verheißt. Bei den juvenilen Bohlen- und Klum-Kandidaten mag das Versprechen einigermaßen verfangen. Aber die alten Knochen, die sich im Rollstuhl und in Stützstrümpfen ins Studio schleppen? Um den Zuschauern einzubläuen, dass hier alle vom Starfieber befallen sind, hat der Sender den Bildern eine penetrante Kommentatorin beigesellt, die unaufhörlich aus dem Off trompetet: "Raus aus dem Heim, rauf auf die Bühne!" oder "In drei Monaten auf die größte Bühne Europas!"

Das ist der erste Haken an der Sendung: Sie nimmt das Problem nicht ernst, das sie anzupacken vorgibt. Der öde Heimalltag, das Gefühl der Nutzlosigkeit, die Last, die das Leben den Alten aufgeladen hat: All das hat bitteschön abzufallen. "Mit dieser Einsamkeit ist jetzt Schluss!" trötet die Off-Stimme launig. Schließlich ist man ja "das außergewöhnlichste TV-Musikprojekt des Jahres". Auch die leisen, dokumentarischen Momente werden zur Kulisse für eine hemdsärmelige Sozialmessias-Attitüde.

Der zweite Haken ist die Musik. Sat.1 hielt es nämlich für eine besonders gelungene Idee, die singwilligen Methusalems mit Rock-Evergreens von AC/DC oder den Ärzten zu konfrontieren. Das Vorbild sind offensichtlich die britischen The Zimmers, eine geriatrische Band, die vor drei Jahren mit ihrer Version von The Who's "My Generation" zum YouTube-Hit wurden. Bloß: Das BBC-Projekt ermöglichte es der Rentnerband tatsächlich zur Anwältin ihrer Generation zu werden - mit einer Aussage, die in Großbritannien jeder versteht: "People try to put us down / Just because we get around", wie es in "My Generation" heißt.

Im deutschen Pendant ist die Melange aus Rock und Rentner bloß ein Lieferant für schale Gags. Da mühen sich zwei Dutzend alte Leute, inbrünstig "Highway To Hell" zu intonieren - aber die meisten können weder englisch, noch sagt ihnen der Song etwas. Und als man ihnen "Hurra" von den Ärzten vorspielt, bekennt die weißhaarige Doris ganz offen: "Das ist mir vollkommen fremd." Der freundliche Chorprofi Carsten Gerlitz rudert sich mächtig einen ab, um seinen Schützlingen das Liedgut einigermaßen beizupulen. Und die machen natürlich mit, weil sie ja Lust auf das "Remmidemmi" haben, so der 95-jährige Willi, ältestes Mitglied der Truppe. "Highway To Hell", posaunt die Kommentatorin. "Da bleibt der Brunnen vor dem Tore!" Spaßzwang kennt offensichtlich keinen Respekt vor dem Alter.