Dokudrama "Flick": Der Fleiß des Schweigens - DER SPIEGEL
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Dokudrama "Flick": Eine Familie und ihre Affären

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Dokudrama "Flick" Der Fleiß des Schweigens

Die reichste Familie, die größten Skandale: Die Arte-Dokumentation "Flick" hätte aus dem Vollen schöpfen können, um eine der spannendsten Clan-Geschichten Deutschlands zu erzählen. Doch mit weithin bekannten Fakten und nichtssagenden Interviewpartnern lässt sie diese Chance ungenutzt verstreichen.
Von Thomas Ramge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eberhard von Brauchitsch hat vor zehn Jahren ein Buch mit einem interessanten Titel geschrieben: "Der Preis des Schweigens". In dem Buch sagt der Ex-Manager des Flick-Konzerns, eine der zentralen Figuren der Spendenaffäre, nicht viel. Reichlich unkonkret lamentiert er darüber, wie die Parteien der Bonner Republik das Unternehmen einst zur "politischen Landschaftspflege" genötigt hätten. Hunderttausende von Mark hatte Flick in den Siebzigern unter Politikern aller Parteien verteilt, darunter auch an den damaligen Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP), der 1987 gemeinsam mit Brauchitsch wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde.

Im Umfeld der Familie Flick machte nach Erscheinen des Buches der Witz die Runde, dass mit "Preis des Schweigens" andere Summen gemeint sein müssten: nämlich die, mit denen Konzernchef Friedrich Karl Flick den getreuen Jugendfreund abgefunden habe, damit dieser alle Schuld auf sich nimmt und den Mund hält.

In der zweiteiligen Dokumentation "Flick" taucht Eberhard von Brauchitsch zum ersten Mal seit langem wieder vor Fernsehkameras auf. Vier Jahre nach dem Tod von Friedrich Karl Flick, dem Erben, der das Lebenswerk seines Vaters versilberte. Leider sagt Brauchitsch wieder nichts - und das ist symptomatisch für den Film. Das Hochglanz-Dokudrama über Aufstieg und Fall der einst reichsten Familie Deutschlands wird dem eigenen Anspruch nicht gerecht. Es will dramatische Spannung erzeugen und nervt durch dramaturgische Penetranz. Es will inhaltlich aufklären und aufrütteln - und kommt dafür mindestens fünf Jahre zu spät.

Autor Thomas Fischer verschneidet in handelsüblicher Form Spielszenen mit Interviewschnipseln sowie historische Bildsequenzen mit aktuellen Aufnahmen von relevanten Orten. Er filmt Bilder und Dokumente ab. Hier und da folgen die Dialoge historischen Protokollen. Das sind dann die einzigen Dialoge, die wirken - allerdings nur, wenn man über das schwache Schauspiel hinwegsieht. Die Mischung passt nicht. Das liegt im Wesentlichen daran, dass der Film nichts Neues erzählt, aber dauernd so tut, als ob. Genau dafür steht auch der laut schweigende Kronzeuge Brauchitsch. Ja, im Hause des alten Friedrich Flick ging es streng zu. Ja, der Friedrich Karl war ein angenehmer Jugendfreund. Eine Mini-Spitze gegen Helmut Kohl - der habe schließlich als Parteivorsitzender auch viel Geld angenommen - ist dann schon der informatorische Höhepunkt.

Die Jetset-Eskapaden der Anderen

Das Missverhältnis von Inhalt und Gestus der Bedeutsamkeit wird am deutlichsten, wenn Brauchitsch laut über Friedrich Flicks soziale Akzeptanz nachdenkt. Noch nie sei in einer Biografie darüber geschrieben worden, dass Friedrich Flick von der Stahlaristokratie des Ruhrgebiets geschnitten worden sei. Das steht jedoch so ziemlich in jedem Buch, das sich auch nur peripher mit dem Selfmade-Industriellen beschäftigt.

Nun ist es nicht zwingend die Schuld des Rechercheteams der Produktionsfirma Cinecentrum, dass sich die lebenden Flicks zum Aufstieg des Großvaters, seinem Pakt mit den Nazis, zum Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg, zum Familienzwist, zu den privaten Jetset-Eskapaden des Nachfolgers Friedrich Karl, zur Flick-Affäre und zum Verkauf des größten deutschen Familienkonzerns an die Deutsche Bank nicht äußern wollen.

Autor Fischer war vermutlich selbst unglücklich darüber, dass er mit einer kleinen Handvoll unbedeutender Figuren aus der Peripherie der Familie als Interviewpartner vorlieb nehmen musste und gezwungen war, sich die gängigen Doku-Soundbites von einer Historikerriege zuliefern lassen.

Es hat ihn aber vermutlich niemand gezwungen, Musikakzente so penetrant einzusetzen, dass es selbst Guido Knopp unangenehm aufstoßen dürfte. Der historisch interessierte Fernsehzuschauer hätte sich zudem gefreut, wenn die Figuren in den Spielszenen nicht mit einer holzschnittartigen Plattheit agierten. Und die an der Familiengeschichte ernsthaft Interessierten werden übrigens 90 Minuten vergebens auf die "neuen, spannenden Dokumente", die von den Machern im Vorfeld versprochen wurden, warten. Von neuen Quellen ist hier nichts zu sehen.

2007 machte eine Dokumentation über die Familie Quandt Furore. Sie feuerte die Debatte um die Rolle Herbert Quandts im "Dritten Reich" und die Aufarbeitung der Firmengeschichte durch seine Erben an. Nun ist diese Debatte im Fall der Flicks bereits in mehreren Wiederholungschleifen geführt worden. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Fischers Film würde sich auch so versenden. Die Geschichte der Familie Flicks ist eine der spannendsten Familienbiografien in Deutschland. Sie hätte einen spannenderen Film verdient.


"Flick", Teil 1 "Der Aufstieg": 20.15 Uhr, Teil 2 "Das Erbe": 21.05 Uhr, Arte

Thomas Ramge ist Autor des Buches "Die Flicks: Eine deutsche Familiengeschichte um Geld, Macht und Politik" (2006).