Drogenreport im WDR Mama ist ein Junkie
Autor und Ex-Junkie Jörg Böckem: Einmal Hölle und zurück
Foto: WDRDie Kamera würde man ganz schnell vergessen, hieß es vor den Aufnahmen. Leider stimmt das nicht ganz, zumindest nicht für mich. Über ein Jahr haben sich die Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm "Höllentrips" erstreckt, wirklich vergessen konnte ich die Kamera dabei selten. War ich nicht gerade in ein Gespräch vertieft, war sie eigentlich immer präsent.
Egal. Auch wenn die Kamera mir unbehaglich geblieben ist und der Bildschirm als Medium eher fremd - heute bin ich froh, zugesagt zu haben, als mir die Filmemacherin Wilma Pradetto nach Erscheinen meines ersten Buches "Lass mich die Nacht überleben" ihre Idee für einen Dokumentarfilm geschildert hat. Ein Film über Doppelleben sollte es werden, ein Film jenseits aller Junkie-Klischees. Er sollte davon handeln, wie ein Leben mit und nach der Heroinabhängigkeit aussehen kann und deutlich machen, dass Sucht eine Krankheit ist, die die gesamte Familie in Mitleidenschaft zieht - aber eben auch eine Krankheit, der wir uns nicht ergeben müssen. Besonders froh und dankbar bin ich, dass meine Familie sich bereit erklärt hat, mitzumachen.
Für mich waren die Dreharbeiten - abgesehen von meinem schwierigen Verhältnis zur Kamera - eher einfach, die Fortsetzung eines Prozesses, den ich mit der Aufarbeitung meiner Lebens- und Suchtgeschichte in den Therapien begonnen und mit meinen Büchern und Lesungen in die Öffentlichkeit getragen habe. Für meine Eltern, besonders meine Mutter, die ihr Leid über Jahrzehnte in sich verschlossen und alles dafür getan hatte, die Sucht ihres ältesten Sohns zu verbergen, ist die öffentliche Auseinandersetzung mit dieser traumatischen Episode sehr viel schwieriger. Für sie war schon die Veröffentlichung meines Buches eine schwere Prüfung. Vor der Kamera noch einmal über das erlebte Leid zu reden, hat alten Schmerz wieder aufflammen lassen. Die Dreharbeiten haben die Auseinandersetzung mit dem Erlebten innerhalb der Familie noch einmal intensiviert.
Mit dem Punk kam das Heroin
Auch bei Christiane K., der anderen Protagonistin der Doku, war die Familie ein wichtiger Faktor: Ohne ihre beiden Töchter hätte es den Film wohl gar nicht gegeben. Christiane war eine der ersten, die mir nach der Veröffentlichung meines Buches geschrieben hatte. Sie ist wenige Jahre älter als ich, hat als Teenager in London die Hochphase des Punk miterlebt, ihr damaliger Freund war Ray Burns, Bassist der Punk-Band The Damned, der als Captain Sensible mit "WOT" einen Hit in Deutschland hatte. In der Musikszene Londons hat Christiane begonnen, Drogen zu nehmen.
Als sie mir schrieb, lebte sie nach einigen turbulenten Lebensjahrzehnten, die sie nach Hawaii und Goa, auf diverse europäische Inseln und in zahlreiche Therapien und Entgiftungen geführt hatte, in Hamburg, war mit Methadon substituiert und nahm an den Wochenenden zusätzlich Heroin. Trotzdem gelang es ihr, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen und sich liebevoll um ihre beiden Töchter zu kümmern, deren Väter sich schon lange verabschiedet hatten.
Christianes Lebensgeschichte, ihr Wille und ihre Kraft, der Sucht so etwas wie einen Alltag und ein Familienleben abzutrotzen, haben mich von Beginn an beeindruckt. In meinem zweiten Buch "Danach war alles anders" habe ich diese Geschichte erzählt, einen Dokumentarfilm zum Thema "Doppelleben" hätte ich mir ohne sie nicht vorstellen können.
Der Filmdreh als Mutter-Tochter-Therapie
Christiane zusammen mit ihren Töchtern zu sehen, an ihrem innigen und vertrauensvollen Verhältnis teilzuhaben, gehört für mich zu den beeindruckendsten Momenten des Films: Man erlebt hier mit, wie es jemandem gelingt, trotz der Suchtkrankheit und entgegen den üblichen Vorurteilen ihren Töchtern eine fürsorgliche Mutter zu sein.
Als die Dreharbeiten begannen, war ihre ältere Tochter Meike 17 Jahre alt. Anfangs, sagt sie, sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie an dem Film beteiligt sein wollte. Auch weil niemand ihrer Freunde von der Sucht der Mutter weiß und sie ein wenig Angst vor den Reaktionen der Mitschüler am Gymnasium hatte. "Die Vorstellung, die könnten das sehen, war mir peinlich", erzählt sie. "Außerdem dachte ich, das ist die Sache meiner Mutter, ich will damit eigentlich nicht viel zu tun haben." Sie hat sich doch entschieden, mitzumachen, sehr zum Nutzen des Films - und, da sind sich Meike und ihre Mutter einig, auch sehr zum Nutzen ihrer eigenen Beziehung.
"Während der Dreharbeiten ist unser Kontakt noch enger geworden, wir haben viel geredet, über meine Sucht und darüber, was das auch für sie und unser Familienleben bedeutet", sagt Christiane. Dennoch hat Meike ihren Freunden nicht von dem Film erzählt. "Wenn ihn zufällig jemand sieht, ist das okay", meint sie. "Aber ich rechne nicht damit - kaum jemand in meinem Alter schaut um die Zeit WDR." Wahrscheinlich hat sie Recht.
Der Gewinn durch die Doku ist für die Tochter vor allem ein persönlicher: Heute ist Meike stolz auf ihre Mutter und auf all das, was die trotz ihrer Sucht in all den Jahren geleistet hat.
"Menschen hautnah - Höllentrips", Donnerstag 22.30 Uhr + Freitag 14.15 Uhr, WDR