Dschungelcamp-Tag 4: Strumpfhosen
Dschungelcamp Tag 4 Nicht ohne meinen Glücksbody
Pro-Tipp für den Alltag: Manchmal hilft es, fest die Augen zu schließen. Dann konnte man sich bei dem fortwährenden "Rä-rä-räcks, straight-straight!"-Gezeter wenigstens vorstellen, man lausche gerade Chris Howland, der seiner blinden Großmutter gerade in der Rushhour Fahrunterricht erteilt: "Now turn ein bisschen links! Lanksam, with gas!"
Pro-Tipp für den Alltag II: Manchmal hilft es, sich sorgfältig die Ohren zuzuhalten. Dann durfte man, wenigstens ein paar Momente lang, in die bestürzend attraktive Illusion flüchten, man schaute hier gerade gar nicht das Dschungelcamp, sondern den experimentellen Debütfilm des tschechischen Regie-Enfant-terrible Bohumil Schlehmonska, der mit seinem desolaten Roadmovie durch die zugigsten Arthouse-Kinokämmerchen der Republik tingelt.
Stellt man sich aber mit allen Sinnen der Realität, findet man sich in einer zermürbend faden, dafür aber auch wahnsinnig langen Dschungelprüfung wieder, der aus den Vorjahren schon bekannten Nichts-sehen-nichts-sagen-Autorallye. Zuerst muss dabei Sarah Joelle mit verbundenen Augen ein Autöchen durch einen Parcours lenken, auf der Hinterbank sitzt Markus, der die schlängelige Bahn zwar sieht, sämtliche Hinweise aber nur pantomimisch an den Beifahrer Marc weitergeben darf, der wiederum mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt, Kopfhörer trägt und der Fahrerin nur die Richtungsangaben nennen kann, die er aus Markus' Gefuchtel erschließt.
Als humoristisches Element trägt Sarah Joelle dabei ihren leicht verwutzten Glücksbody, ein aus den überschaubaren Gardinenresten der Witwe Bolte knäpplich zusammengeschneidertes Durchguck-Dingelchen. "Sie büxt links und rechts gern mal aus in so kleine Nackedei-Experimente", hatte Markus den Zuschauern zuvor verständig erklärt. Seine stumme Einweisungshampelei sieht in der Prüfung dann abwechselnd so aus, als würde er in einer Neunziger-Jahre-Provinz-Großraumdisco zu 2 Unlimited tanzen oder ein reichlich störrisches Kakophonieorchester dirigieren, klappt aber trotzdem überraschend gut, was alles natürlich noch viel fader macht.
Kurz vor einer Blitzohnmacht steht man schließlich, als die längliche Lenkradkurbelei im Anschluss vom konkurrierenden Campteam ein zweites Mal absolviert werden muss. Kader fährt, Florian gibt den Pantomimen, der Jenser als Übersetzer, der allerdings überraschenderweise eine arge Links-rechts-Schwäche hat: "Wartewartewarte - erst Gas und dann rechts! Ach nee: links! Rechts und Vollgas! Links! GIB GAS! Zurückzurückzurück!" Derart desolat ist diese ziellos gurkende Nuckelpinne, dass man bereits nach einer Minute jegliches Interesse verliert. So verheddert man sich beim Zuschauen in verstörenden Gedanken wie der plötzlichen Erkenntnis, dass Florians Frisur eigentlich die Hipster-Variante des Trumpschen Haarputzes ist: In beiden Fällen besteht das Kernstück des Stylings in einem gelblichen, flexibel über den Kopf drapierbaren Haarbrett.
Dschungelcamp-Tag 4: Strumpfhosen
Leider reißt einen Jensers hilf- und orientierungsloses Links-rechts-links-rechts-Gestammle immer wieder aus den puscheligen eskapistischen Frisurbetrachtungen. Falls noch jemand eine billige Metapher für die parteiliche Verwirrtheit des kleinen Mannes vor der anstehenden Bundestagswahl braucht: Kommse ran, greifense zu!
Überraschenderweise versagt der Kader-Kader ein weiteres Mal, sternlos geht es zurück - allerdings nur zum Rucksackpacken, denn nun werden das siegreiche, prosperierende Base-Camp und das schockgefrustete, darbende Camp Snake Rock in einem gemeinsamen Lager zusammengeführt. Billige Wiedervereinigungsallegorien gefällig? Heute billig, morgen teuer!
Dann übernimmt überraschend Gastregisseur Bertie Brecht und inszeniert eines seiner klassischen Lehrstücke über soziale Ungleichheit, den Kampf der Gewerkschaften und den sinnlosen Aufstand der Arbeiterklasse gegen die herrschende Macht, die im Besitz der Produktionsmittel sind. Die eingemeindeten Snakerocker bekommen nämlich neue Kleidung, um sich auch farblich integrieren zu können, eine textile Zwei-Klassen-Gesellschaft droht. Von Willkommenskultur ist bei den anderen prompt nichts mehr zu spüren, zu sehr neidet man den klapprigen Ankömmlingen den frischduftigen Zwirn, weil man selbst weiter in den alten Muffschlüpfern dünstet.
So führt Markus sein Team in die schwachbrüstigste Revolution aller Zeiten. Mit dem Rückgrat eines Egels knicken die Aufständigen in einer Verhandlungsrunde von "Wir bekommen gefälligst neue Sachen, und damit ist die Diskussion beendet" auf "Wir könnten auch versuchen, einen Kompromiss zu erstellen und ein Angebot zu machen" ein, bevor Unterhändler Marc seine rote Fahne dann vollends in ein laues Lüftchen hängt: "Denkst du, es ist möglich, dass wir fresh Handtücker and some Strumpfhoses kriegen?" Revolutionäre Leidenschaft, Dschungelstyle: "For me, it's egal in the end." Am Ende trotten die fletschzähnigen Aufständler als geschorene Lämmchen zurück ins Camp: "Dann waschen wir halt unsere alten Klamotten. Okay, kein Problem, machen wir so."
Nur eine einzige Camperin bleibt in all dem Schlamassel ungebrochen und besinnt sich darauf, dass auch der kleingehaltene Proletarier Rechte hat. Als Kader für den nächsten Tag schon wieder in die Dschungelprüfung gewählt wird, zieht sie den letzten, knittrigen Trumpf des kleinen Arbeiters: "Ich kündige!" Hasta la victoria siempre!