"Ellerbeck": Zwischen Gülle und Protest
Dass die Politik manchmal ein ziemlicher Saustall sei, weiß jeder biedere Kabarettist. In der ZDF-Mockumentary "Ellerbeck" flutscht eine Kindergärtnerin im Quereinstieg ins Schweinesystem.
"Mast not be" steht auf den Protestbannern, mit denen Sabine Ebert (Cordula Stratmann) und ihre Mitentrüster von der Bürgerinitiative den Spatenstich für die neue Schweinemastanlage in ihrem Heimatstädtchen Ellerbeck crashen. Leider sind die Protestler nur mäßig begabt, sie spachteln sich nach ihrem Spatensturm erst einmal eine Riesenportion Souflaki vom medikamentös durchsetzten Elendsschwein rein und wissen über die geplante Anlage im Detail eigentlich nur, dass sie "stinkt wie Harry".
Die lustigsten Mockumentarys - vorgetäuschte Doku-Formate also - tun beim Lachen auch immer ein wenig weh. Weil sie dem Zuschauer Figuren vorführen, deren Vielschichtigkeit nicht, wie für ein Sitcom-Format, auf umwegslose Lachökonomie heruntergerechnet wird. Der große tragische Büromensch Stromberg etwa funktioniert so gut, weil er eben nicht nur die unsympathische Blödkröte ist, sondern weil die investigative Mockumentary-Kamera auch immer wieder menschliche, rührende Schnipselchen von ihm einfängt.
So ähnlich war es auch bei der Politcomedy "Eichwald, MdB", die zuvor bei ZDFneo lief. Gute Mockumentary-Figuren wirken bei aller Überzeichnung realer, greifbarer als Comedy-Charaktere.
Vorzimmerdame mit einem Bein
Das Drehbuch für die "Ellerbeck"-Pilotfolge schrieben Lars Albaum und Dietmar Jacobs, die auch schon für "Stromberg" arbeiteten und dafür mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurden. Doch leider bleibt zumindest der Serienauftakt hinter den Erwartungen zurück. Die Dialoge treffen nicht den Ton einer Mockumentary, sondern wirken zu inszeniert und bleiben eben Komödie bis Klamotte - inklusive eines unfreiwilligen Güllegusses, fehlgefeuerter Zierpistole und einbeiniger Vorzimmerdame, die mit dem Holzbein winkt.
Wenn Stratmann als Sabine im Schein-Interview mit der Kamera spricht, ist das eben doch mehr Comedy-Stand-up als Alltagsgroteske, mehr Kalauer als Situationswitz. Man müsse eben Einsatz zeigen für seine Überzeugungen, sagt sie einmal: "Der Jesus hat sich für seine Idee auch kreuzigen lassen. Aber der war auch Single und hatte nicht so eine Verantwortung im Job."
Und leider wird es am Ende dann auch noch kitschig. Ein wahres Sympathieschmalzbad wird ausgegossen, als Kindergärtnerin Sabine beim Rededuell mit dem Schweinemast-Befürworter, dem amtierenden Bürgermeister, plötzlich in eine Sendung-mit-der-Maus-hafte Argumentation verfällt, um einem anwesenden Kindergartenkind zu erklären, warum Tierquälerei und Umweltschinderei schlimme Sachen sind.
Am Ende singen alle zusammen "Die Affen rasen durch den Wald" - eine derart überzeugende Performance, dass damit auch die Wahl zur Bürgermeisterin geritzt ist. Das immerhin ist dann doch schon wieder so viel Feel-good-Penetranz, dass es durchaus ein bisschen schmerzt. What would Stromberg do?
"Ellerbeck", ab Donnerstag, 22.15 Uhr, ZDFneo. Ab 24. Juli im ZDF-Hauptprogramm.
Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.