Eurovision-Mode Das Auge hört mit
Das Auge hört mit. Sonst hätte es die Hälfte aller Charthits nicht gegeben, Lady Gaga wäre nur eine Deppenhouse-Maus mehr, und die Pussycat Dolls müssten alle im Carwash arbeiten, um über die Runden zu kommen. Und wo wir schon bei konkurrenzlos schlechtem Geschmack sind: Auch beim einzigen amtlichen europäischen Song Contest zählt ebenso und vor allem, was die zumeist in unauffälliges Schwarz gekleideten Modeberater ihren Schützlingen morgens aufs Hotelbett gelegt haben.
In dieser Saison werden die modischen Statements im Eurovisions-Bereich durch Farben und Applikationen akzentuiert, und wieder mal macht man, vor allem in den ehemaligen Ostblockländern, durch eine mutige Annäherung an ebendiesen Hintergrund von sich reden: Was gestern noch im Westen hochnäsig als "Polentrash" vergackeiert wurde, darf Samstag (Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) schon auf der Osloer Bühne herumhüpfen.
Die Haute-Couture-Regel, dass etwas nicht tragbar sein muss, um es zu besonderen Gelegenheiten zu zeigen, haben sich die Anzieher dabei genauso zu eigen gemacht wie das alte Vorurteil, dass Menschen eher auf den Inhalt achten, wenn das Outfit im Hintergrund bleibt. Allein: Dem deutschen und dem russischen Beitrag wird die Zurückhaltung in der modischen Expertise nicht viel nutzen. Denn sowohl dem schwarz angezogenen deutschen Flummi mit dem komischen Akzent als auch dem russischen, beim Halbfinale im lahmen dunkelblauen Convenient-Style aufgetretene Sänger Peter Nalitch wird nach dem Finale vor allem Nalitchs Songtitel hochkommen: "Lost and Forgotten".
Ganz anders dagegen die modischen Präferenzen dieser ausgewählten Konkurrenten:
Serbien - der einsame modische Höhepunkt
Milan Stankovic und sein Pony gehen für Serbien ins Rennen.
Foto: CORNELIUS POPPE/ AFPWas bei der Modenshow das Brautkleid, ist beim Song Contest das Outfit des serbischen Sängers Milan Stankovic: der einsame modische Höhepunkt, bei dem man aus ganz verschiedenen Gründen jede Menge Tränen zerdrücken muss. Türkisblaues Frackoberteil mit olivgrün-pinkfarbenem Innenfutter zu weißer Hose und weißem Shirt, pink-türkisfarbene Fake-DocMartens (aus Miami Beach) und Lillifee-Applikationen aus dicken falschen Perlen, die man früher im Kindergarten in eine runde Schale geschüttet und im Backofen zu Fensterscheibenschmuck am Band geschmolzen hat, besonders gern in der Adventszeit.
Das I-Tüpfelchen, oder vielleicht lieber I-Männeken, ist der an einer Lorgnettenkette baumelnde türkisfarbene Bär, der während des Songs ab und an - unfreiwillig? schamhaft? - sein Gesicht zur Jacke drehen muss. Das gebeutelte Land schielt hintergründig auf die Stimmgewalt der minderjährigen Zuschauer, vor allem der unter sechs Jahren. Denn die bleiben schließlich wach und rufen an, wenn alle anderen schlafen.
Island - So schön kann Versandhauskatalog sein
Wirbelte auch reichlich Staub auf: die Isländerin Hera Björk
Foto: Cornelius Poppe/ dpaGutgelaunte, bodenständige und gar nicht elfenhafte Dove-Werbungsfrauen gibt es in Island: Die sympathische, garantiert ziemlich echte rothaarige Hera Björk trägt ein knöchellanges Chiffongewand mit Blumendeko und - eigenhändig? - gefärbtem Verlauf zwischen schmutzigmattem Blutrot und Altrosa aus einem Versandhauskatalog, Bonprix beispielsweise, das etwaige bingo wings charmant versteckt. Und man sollte sich freuen, dass das Flugzeug mit der bestellten Ware rechtzeitig durch die Asche gekommen ist. Außerdem könnten Frau Björk und ihre beiden heißen Background-Schätze, die das Kleid in der Babydoll-Variante tragen, nach dem Finalsieg am Samstag entweder direkt so ins Bett gehen oder in einem Achtziger-Jahre-Video von Mick Jagger mitspielen. Aber mit den Dreien noch ein bisschen zu feiern, macht hundertprozentig mehr Spaß.
Moldau - Türkis marschiert die Blechbüchsenarmee
In Moldau scheint die Sonne besonders schädlich zu sein: Sunstroke Project und Olia Tira
Foto: BOB STRONG/ REUTERSTürkis, die eisige Mischfarbe, spielt auch beim moldauischen Beitrag von Olia Tira eine Rolle: Der Teil des Gesichts, der sich unter einem Helm befinden würde, wurde mit grünblaustichigem Lidschatten angepustet, an die Finger klebte man Eisbonbons in "Mint", und da, wo der General seine Schulterstücke hat, wippt frech ein türkisfarbenes Stückchen Petticoat. Zusammen mit dem silbermetallenen Tutu und dem gleichfarbigen, an die Blechbüchsenarmee der Augsburger Puppenkiste gemahnenden Korsett ist eine betont militaristische Note nicht zu übersehen, zumal die beiden Kanonenkugeln der Sängerin rumpfoberhalb fast aus dem Panzer zu fallen scheinen. Plant Transnistrien, der nicht anerkannte souveräne Teil Moldaus östlich des Dnister, wieder einen Aufstand? Oder hat man dort einfach nur Jean Paul Gaultier falsch verstanden?
Griechenland - Göttergewänder für sieben Euro
Raffaello-Werbung oder Mehrpersonen-Yoga? Nein, Giorgos Alkaios für Griechenland
Foto: GORM KALLESTAD/ AFPGriechenland hat für seinen Beitrag von Giorgos Alkaios einen ganzen Sack voll Hubba Bubbas mit Tribaltattoos gekauft und sie den Tänzern auf die Oberarme geklebt. Damit erreicht man vor allem eine ausgewogene, mittige Korrespondenz zu den schwarzen Armeestiefeln unten und den schwarzen Kajalstrichen, Zöpfchen und Boxbandagen oben, die die weißen, flatterigen, durchsichtigen Gespensterkleidzipfel am Körper der muskulösen Gruppe ansonsten so unschön wie zusammenhangslos einrahmen würden. Durch den Kontrast ergibt sich ein Bild, das die Folklore Griechenlands - Weiß ist die Farbe der Götter und Titanen - liebevoll und clever mit der aktuellen Situation verbindet - die Outfits haben zusammen garantiert nicht mehr als sieben Euro gekostet und lassen sich hervorragend als Putzlumpen recyceln.
Albanien - Funky Waffenrock
Juliana Pasha ist Albaniens blonde Rüstungsoffensive
Foto: CORNELIUS POPPE/ AFPAlbaniens modisches Stichwort ist so mutig wie provokant, so vorausschauend wie trotzig: Juliana Pasha trägt einen schwarzen Anzug aus Velours, die körperbetonte Hose steckt in Overknee-Stiefeln, mit denen man durch die Gosse marschieren könnte, ohne dass das Elend einen berührt. Das Oberteil ist schlicht, aber effektiv, die abstehenden Schulterpolster und der Abschluss an der Hüfte gemahnen an einen Waffenrock - auf den ersten Blick scheint Albanien sich gerüstet zu haben! Doch das Thema Krieg wird gebrochen von den Applikationen, die sich wie Ketten um Julianas Ausschnitt und die Schultern winden und ihre Unterarme hinauflaufen: Das Land hat sich mit Nieten geschmückt. Und wenn es damit eine self-fulfilling prophecy erschaffen hat, dann ist das immerhin ein Untergang in style. In Gucci-Style, oder was man dort dafür hält.
Weißrussland - glänzend flattern die Schmeißfliegen
Drei Fünftel der Gruppe "3+2", die für Weißrussland singen bzw. flattern
Foto: BOB STRONG/ REUTERSO du zauberhaftes Belarus, mit deinen Hügeln, in denen sich Fuchs und Hase, Wisent, Elch und Auerhahn "spokojnoj notschi" sagen, deinen Mooren voller Geheimnisse aus alten Zeiten, deinen Sümpfen voller Bremsen, Schnaken, Stechmücken und Kriebelmücken. Die Königin des Sumpfes aber ist ein friedliches Insekt: Das bodenlange Kleid der Sängerin von 3+2 steht für die Fauna des Landes, es schillert wie ein Moor voller dicker, glänzender Schmeißfliegen in der Abendsonne, fließt um die Hüften schmal und unten breiter werdend wie der von glücklichen Fischen bevölkerte Pripjat dort, wo er am wenigsten begradigt ist, und es kann sogar fliegen! Mit großen, einer Fee aus einem weißrussischen Kindermärchen entwendeten, dunkel durchwirkten Flügeln. Es muss nur aufpassen, dass es am Samstag nicht zu nah ans Licht getanzt wird. Man weiß ja, was sonst mit Motten passiert.
Bosnien-Herzegowina - der rote Baron
Feuriger Blick, knallige Kellnerjacke: So tritt Vukasin Brajic (Bosnien-Herzegowina) an
Foto: Cornelius Poppe/ dpaBosnien-Herzegowina zeigt mit Vukasin Brajic, dass es auf dem Weg vom Ostblock-Krisenherd zum europäischen Urlaubsland entschlossen die letzte Etappe passiert: In gechoppten Skinny Jeans mit besonders langer Schlüsselkette, die subtil und hintergründig an den langen Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens erinnert, dazu rote Sneakers, die in Richtung Westen gucken, und ein marienkäferrotes Kellnerjackett, das eine ganz zarte Dienstleistungsnuance über den Beitrag streut, gibt es sich modern, jugendlich und schwulenfreundlich. An Brajic sieht man, dass auch Sarajewo von lactosefreier Latte Macchiato Grande, Bagels mit Cream Cheese und Lox und H&M-Einkaufsbunkern überquillt. Nicht mehr lange, und sogar der reizende Akzent beim Song "Thunder and Lightning" ist passé. Wartet, wartet noch ein Weilchen.