Eurovision Song Contest: Was Israel beim ESC jetzt droht - DER SPIEGEL
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Kampfabstimmung über Teilnahme Was Israel beim ESC jetzt droht

Der Krieg im Nahen Osten belastet den Eurovision Song Contest: Mehrere Länder wollen den ESC 2026 boykottieren, falls Israel dabei ist. Im November soll über die Teilnahme abgestimmt werden. Die wichtigsten Antworten.
Israelische Sängerin Yuval Raphael beim ESC 2025: »Nie dagewesene Meinungsverschiedenheit«
Israelische Sängerin Yuval Raphael beim ESC 2025: »Nie dagewesene Meinungsverschiedenheit«

Israelische Sängerin Yuval Raphael beim ESC 2025: »Nie dagewesene Meinungsverschiedenheit«

Foto: Georgios Kefalas / EPA

Anfang November soll die Entscheidung fallen, ob beim Eurovision Song Contest (ESC) 2026 eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer für Israel dabei sein darf. In einem Brief an die Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion (EBU) kündigte Verbandspräsidentin Delphine Ernotte-Cunci eine Abstimmung bei einer außerordentlichen EBU-Generalversammlung an.

Über die Teilnahme Israels gab es bei beiden ESC-Ausrichtungen seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg im Gazastreifen heftige Diskussionen. Nun spitzt sich die Debatte zu.

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Wie kam es zum Abstimmungsbeschluss?

Der slowenische Rundfunk hatte als erster Mitgliedssender bereits im Dezember 2024 in einem Brief an die EBU eine Debatte über den Ausschluss Israels gefordert. In der Folge schlossen sich mehrere andere Länder an und brachten das Thema auf die Tagesordnung der regulären EBU-Generalversammlung im Juli 2025 in London. Dort konnte der israelische Rundfunk Kan eine Abstimmung verhindern. Die EBU beauftragte einen erfahrenen Medienfunktionär damit, ein Stimmungsbild der einzelnen Mitglieder einzuholen und mögliche Auswege aufzuzeigen.

Parallel wurde die Frist, innerhalb derer der Teilnahmewunsch am ESC bestätigt werden muss, von Oktober auf Mitte Dezember verlängert, um Zeit zu gewinnen. Dennoch kündigten bereits im September mehrere nationale Rundfunkanstalten an, im Falle einer Teilnahme Israels den Eurovisionswettbewerb 2026 zu boykottieren. Die 70. Ausgabe des ESC wird nach dem Sieg des österreichischen Sängers JJ im Mai in Wien stattfinden.

ESC-Sieger JJ: Regte auch Ausschluss Israels an

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Foto: Denis Balibouse / REUTERS

Am Donnerstag wurde nun der Brief von EBU-Präsidentin Ernotte-Cunci in der österreichischen »Kronen Zeitung« öffentlich , der das Scheitern der Reisemission des ehemaligen EBU-Funktionärs Petr Dvořák dokumentierte. Aus seinem Bericht gehe eine »beispiellose Meinungsvielfalt« der EBU-Mitglieder bezüglich der Teilnahme Israels hervor, der EBU-Vorstand müsse anerkennen, dass eine Konsenslösung in der Frage nicht möglich sei. Deshalb sollen nun die Mitglieder abstimmen.

Wer ist in der EBU? Wer darf beim ESC teilnehmen?

Die Europäische Rundfunkunion besteht nach eigenen Angaben aus 68 Mitgliedern, die 113 Organisationen in 56 Ländern vertreten. Aus Deutschland gibt es zwei Mitglieder, das ZDF und die ARD, die wiederum die neun Landesrundfunkanstalten, die Deutsche Welle und das Deutschlandradio vertritt. Alle europäischen Nationen (außer Liechtenstein, das seinen Sender 2025 einstellte) sind in der EBU mit ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern vertreten. Allerdings sind die Sender aus Russland und Belarus suspendiert – wegen mangelnder Staatsferne.

Aber es gibt auch mehrere nichteuropäische EBU-Mitglieder. Dazu zählt Kan aus Israel, aber auch Sender aus Algerien, Ägypten, Jordanien, Libanon und Tunesien. Die Rundfunkgesellschaft aus Marokko war sogar ein Gründungsmitglied der EBU, die 1950 entstand. Ihre geografische Ausdehnung erklärt sich daraus, wie die Internationale Fernmeldeunion damals den Europäischen Rundfunkbereich definierte – da gehörte der gesamte Mittelmeerraum dazu. Ursprünglich gab es parallel auch noch eine Dachorganisation der Ostblock-Rundfunksender, die aber 1993 in der EBU aufging.

Flaggenschwenkende Fans beim ESC 2014: Sogar Marokko war einmal dabei

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Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Alle aktiven EBU-Mitglieder dürfen die Teilnahme am Eurovision Song Contest beantragen. Wenn dadurch zu viele Länder repräsentiert sind, gibt es – wie seit den Neunzigerjahren üblich – Halbfinalshows. Ein Sonderfall ist Australien: Der australische Sender SBS ist zwar nur ein assoziiertes Mitglied der EBU, wurde aber 2015 ausdrücklich zur Teilnahme eingeladen, weil es eine große ESC-Fangemeinde Down Under gibt.

Mehrere EBU-Länder nahmen bisher am ESC nicht teil, weil Israel dabei ist. Marokko schickte 1980 einmal einen Vertreter – seinerzeit verzichtete Israel, weil der Showtermin auf den Nationalfeiertag fiel.

Wie wird das Votum ablaufen?

Ausdrücklich heißt es in dem Brief der EBU-Präsidentin, dass allen Mitgliedern eine Stimme verliehen werden soll. Auch Länder, die auf die Teilnahme am ESC verzichten, dürfen also über die Teilnahme Israels abstimmen. Wenngleich die formale Einladung mit den Details zu der außerordentlichen Generalversammlung den Mitgliedern erst in der kommenden Woche zugesandt werden soll, stehen einige Rahmenbedingungen schon fest. So wird die Zusammenkunft, anders als die regulären halbjährlichen Versammlungen, Anfang November online abgehalten werden.

Jedes Land hat in den Abstimmungen der EBU-Generalversammlung 24 Stimmen. Falls es in einem Land mehrere Mitgliedsorganisationen gibt (wie in Deutschland ARD und ZDF), werden die Stimmen unter ihnen aufgeteilt. Entscheidungen werden laut EBU-Statuten  mit absoluter Mehrheit der gültig abgegebenen Stimmen getroffen. Der israelische Sender Kan hatte zunächst angenommen, für diesen besonderen Fall werde eine Dreiviertelmehrheit benötigt. Dies gilt aber nur für den Fall der Auflösung der Union oder der Änderung der Statuten. Auf Anfrage der »Times of Israel«  bestätigte die EBU, dass für die anstehende Abstimmung eine 50-Prozent-Mehrheit ausreicht. Schließlich steht nicht die Mitgliedschaft von Kan in Frage, sondern nur die ESC-Teilnahme.

Welche Länder haben sich gegen eine Teilnahme Israels ausgesprochen?

Nach den ursprünglichen Ankündigungen aus Slowenien hatten im September auch die Sender aus Irland, den Niederlanden und Spanien ausdrücklich angekündigt, im Falle einer Teilnahme Israels am ESC 2026 ihrerseits zu verzichten. Besonderes Gewicht hat die Boykottdrohung aus Spanien, da RTVE zu den finanzstärkeren Mitgliedern der EBU gehört. Diese »Big Five« (zu denen auch Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien gehören) haben einen garantierten Startplatz beim ESC-Finale.

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Aus weiteren Ländern gab und gibt es Signale einer Ablehnung der Teilnahme Israels beim ESC, darunter Island oder Belgien. Selbst in Italien, das bisher eher zu den Unterstützern Israels gezählt wurde, forderten  drei der sieben Mitglieder des RAI-Direktoriums einen Rückzug für den Fall einer israelischen Teilnahme.

Welche Unterstützer Israels gibt es?

Am deutlichsten hat sich bisher der Gastgeber des ESC 2026, der ORF, positioniert. Dessen Generaldirektor Roland Weißmann sagte  Anfang September, er wünsche sich, dass Israel in Wien dabei ist – und bekam für diese Haltung auch Rückendeckung vom ORF-Stiftungsrat . Auch die österreichische Politik setzte sich gegen einen Boykott ein. Ein solcher Schritt würde »die Möglichkeiten für einen wichtigen Dialog zwischen Künstlern und der Bevölkerung verunmöglichen – ohne die Lage vor Ort in Israel und Gaza zu verbessern«, schrieb  Außenministerin Beate Meinl-Reisinger ihren Amtskollegen. Der konservativen Landeshauptfrau von Niederösterreich, Johanna Mikl-Leitner, ist es sogar  »lieber, Österreich trägt den Song Contest am Ende allein mit Israel aus – als ohne Israel«.

Im Sommer machten Gerüchte die Runde, wonach mit Deutschland und Italien zwei der Big-Five-Länder ihren Rückzug erklären würden, falls Israel ausgeschlossen würde. Doch eine öffentliche Absichtserklärung gab es nie. Der Südwestrundfunk (SWR), der in diesem Jahr die Federführung für den deutschen Beitrag vom NDR übernommen hat, betont, der ESC verbinde »Menschen in Europa und darüber hinaus«, und zwar »durch Vielfalt, Respekt und Offenheit, unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung«. Erste Informationen über einen deutschen Vorentscheid zum ESC 2026 sind bereits durchgesickert.

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Die Hoffnung des SWR, »eine fundierte, nachhaltige Einigung zu finden, die mit den Werten der EBU im Einklang steht«, dürfte aber in weite Ferne gerückt sein. Deutschlands Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagte, ein Ausschluss Israels würde den Grundgedanken des ESC auf den Kopf stellen und »aus einem Fest der Verständigung ein Tribunal« machen. Der ESC lebe davon, dass Künstlerinnen und Künstler nach ihrer Kunst, nicht nach ihrer Nationalität beurteilt würden. »Cancel-Culture ist keine Antwort – die Antwort sollte Vielfalt und Zusammenhalt heißen«, so Weimer.

Das französische Fernsehen bestätigte Mitte September seine Teilnahme – nach den Boykottankündigungen anderer Länder. Australiens SBS bestätigte im September, man wolle teilnehmen, welche Entscheidung die EBU in Sachen auch immer treffen werde. Darüber abstimmen können die Australier nicht.

Gibt es historische Vorbilder für einen ESC-Ausschluss?

Der ESC will seinem Regelwerk zufolge zwar neutral und unpolitisch sein. Er konnte sich aber nie ganz von der Weltpolitik abkoppeln. Infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine darf Russland mittlerweile nicht mehr teilnehmen. In diesem Fall waren die russischen Mitgliedssender von der EBU suspendiert worden, weil gegen das Gebot der Staatsferne verstoßen worden sei. Ein Jahr zuvor bereits war der belarussische Rundfunk BTRC suspendiert worden, weil er sich von der Regierung gegen die Proteste im Land hatte instrumentalisieren lassen. Damit war Belarus seither auch beim Song Contest außen vor.

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Seit Kriegsausbruch in Nahost haben EBU-Sprecher immer wieder einen Unterschied des Falls Israel zu dem in Russland betont: Israels Kan sei ein von der Regierung unabhängiger Sender in einem demokratischen Staat. Und am ESC nähmen nun mal Rundfunkanstalten und keine Regierungen teil.

Dieser Unterschied wurde nicht immer so klar betrachtet: 1975 führte der Zypernkonflikt zum Boykott Griechenlands. 1979 verzichtete die Türkei auf die Finalteilnahme, aus Protest gegen Israels Vorgehen im Nahen Osten. Im Zuge der Balkankriege ging die EBU insbesondere gegen Serbien mit dessen damaligem Präsidenten Slobodan Milošević vor.

Wie fallen die Reaktionen in Israel aus?

Das EBU-Mitglied Kan äußerte in einer ersten Reaktion auf die Abstimmungsankündigung die Hoffnung, »dass der Eurovision Song Contest weiter seine kulturelle und nicht politische Identität aufrechterhalten wird«. Eine potenzielle Disqualifikation von Israels Sender wäre »besorgniserregend« für den Wettbewerb, der »als Symbol für Einheit, Solidarität und Gemeinschaftlichkeit« gegründet worden sei. Man sei zuversichtlich, dass die EBU den Charakter des Wettbewerbs bewahren werde, schrieb Kan in einem über X verbreiteten Statement .

Das israelische Nachrichtenportal Ynet hörte  hinter den Kulissen von Verantwortlichen allerdings andere Einschätzungen. Eine Mehrheit der EBU-Mitglieder davon zu überzeugen, für Israel abzustimmen, würde »schwierig, vielleicht zu schwierig«.

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Foto: Jens Büttner / dpa

Anfang der Woche hatte Ynet noch berichtet , dass es diplomatische Bemühungen gebe, das Meinungsbild der EBU-Partner zu beeinflussen. Ein Dilemma dabei sei, dass das israelische Außenministerium nicht allzu aktiv werden könne – um die Staatsferne von Kan nicht zu gefährden. Alternativ sei beim überwiegend repräsentativ tätigen Präsidenten Isaac Herzog eine »Eurovision Task Force« eingerichtet worden.

Es gab zwischenzeitlich Hoffnungen, dass Israel womöglich von sich aus verzichten könnte oder vorübergehend als neutraler Starter nicht unter israelischer Flagge teilnimmt. Doch die israelische Rundfunkanstalt zeigte sich für solche Ideen nicht offen. Ein Ausschluss Israels könne »weitreichende Folgen für den Wettbewerb und die Werte haben, für die die EBU steht«, schrieb Kan jetzt.

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa