Eurovisions-Pleitegeier: OPA wird's schon richten - DER SPIEGEL
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ESC-Krisenkinder: Ouzo-Atmo in Oslo

Foto: BOB STRONG/ REUTERS

Eurovisions-Pleitegeier OPA wird's schon richten

Europas Krisenkinder gehen beim Eurovision Song Contest ganz locker mit ihrem miesen Ruf um: Die bankrotten Griechen präsentieren einen Mutmacher mit Ouzo-Atmo, die Spanier tanzen den Verdrängungswalzer - und die Portugiesen begreifen gar nicht, was all die Aufregung überhaupt soll.
Von Jan Feddersen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Handelt es sich um einen Flashmob der anklagenden Sorte? Oder ist das ein griechischer Sirenenchor, der da hoch im Norden um Erbarmen fleht - dort, wo norwegische Ölquellen ja jede Idee von Staatsbankrott quasi wegsprudeln? Zehn Männer, allesamt mit schwarzen Acrylwollmützen auf dem Kopf, auf denen "OPA" zu lesen steht: ein seltsamer Anblick, mitten in der Innenstadt von Oslo.

In Wahrheit betteln die zehn Hellenen natürlich nicht um Kohle, sondern sie sind Fans von Giorgos Alkaios. Und sie buhlen darum, dass ihr Kandidat beim 55. Eurovision Song Contest in Oslo eine prima Platzierung bei der Pop-Europameisterschaft erreichen möge. Das Halbfinale, immerhin, haben er und seine Freunde ja schon überstanden.

Griechenland speckte bereits im Januar, als die drohende Staatspleite ja bestenfalls den Priestern des Orakels von Delphi bekannt war, für den Song Contest (ESC) ab. Anders als im vergangenen Jahr Sakis Rouvas musste Alkaios ohne den geschätzt eine Million Euro teuren Entertainment-Consultant auskommen: Er hatte sich um Choreografie, Outfit und Look selbst zu kümmern.

An der Reiselust der griechischen Fans hat diese Sparmaßnahme nichts geändert - mit rund tausend Männern und Frauen ist die Delegation aus Athen angereist, neben der deutschen die größte beim ESC in Oslo. Auch an milden Gaben für Journalisten und Fans in Oslo wurde nicht gespart: Schwarze Wollmützen, eine opulente Promo-CD, Kugelschreiber und Aufkleber mit dem "OPA"-Logo wurden verteilt, als sei es eine letzte, hysterische Geste vor dem endgültigen Ruin.

Du hast keine Chance, nutze sie

Da ist es nur konsequent, wenn der griechische Song stolz in der Landessprache gehalten ist: "OPA", so sagt der Künstler, sei ein Ausruf des Frohsinns, des "Das schaffen wir doch!" Ja, man könne darin sogar einen Nachhall der Philosophie des Alexis Zorbas erkennen: Du hast keine Chance - nutze sie. Ein philosophisch untermauerter Überlebensschrei mit Ouzo-Atmo als letzter Versuch, dem Bankrott ins Gesicht zu lachen - in "OPA!" liest sich das so: "I set on fire / all pasts events / I'll change everything / and I will cry out: / the past is forgotton and everything is starting over - OPA." Übersetzt heißt das: Schummelbilanzen, Wohlleben und öffentlich geduldeter Steuerbetrug? Schwamm drüber.

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Eurovision Song Contest: Die Sieger des ersten Halbfinals in Oslo

Foto: SCANPIX NORWAY/ REUTERS

Spanien, das Land mit der größten ungeplatzten Immobilienblase der Welt, hat seinen Kandidaten dagegen gleich im preisgünstigen Internetverfahren ausgewählt. Daniel Diges serviert mit "Algo Pequenito" tatsächlich etwas Kleines - ein Walzerlein, das, so sieht es die Osloer Inszenierung vor, in einem putzigen Zirkus angesiedelt scheint.

Ein Krisenkommentar im engeren Sinne ist das Lied nicht - eher eine Beruhigungstonspur, die drohende Arbeitslosigkeit, Insolvenz und Bankrott nur indirekt erahnen lässt. Señor Diges singt: "Something tiny, something very small / A white rose, / A touch, a sweet kiss and a pardon / Something tiny, something very small / A tender gesture, a glance, / A hug or a flower."

So schlimm kann's nicht ja gar nicht sein!

Derlei Duselei ist natürlich typisch für einen Patienten, der nicht in die hässliche Fratze seines Leids blicken möchte: Man faselt von Niedlichkeiten, nicht von Geschwüren, die einen plagen; eine Glanzvorstellung in Sorgenverdrängung. Die Nation, die Ende der Sechziger zweimal gewann, wird mit diesem Auftritt kaum besser als in den vergangenen Jahren abschneiden; man verliert sich seit 2003 ja verlässlich im hinteren Tabellenfeld. Spanien muss freilich durch kein Halbfinale, keine Qualifikationsrunde - als einer der größten Einzahler in die Kassen der European Broadcasting Union, der Mutterorganisation des ESC, ist das Land stets für das Finale gesetzt. So schlimm kann's also mit der Krise noch nicht sein.

Andererseits: Spanische ESC-Fans werden in Oslo weitgehend vermisst - ins hochpreisige Norwegen, heißt es von Seiten des spanischen Fernsehens, mochten nicht sehr viele Fans und Medienvertreter reisen.

Anders als ihr spanischer Nachbar musste Portugal sich ins Finale erst kämpfen. Filipa Azevedo serviert eine zeitlos schöne, recht belangarme Hymne namens "Há dias assim" - "an einem Tag wie diesem". Ihr elegischer Gesang klingt durchaus nach Krisenbewältigung, einer drohenden oder einer existierenden: "It's one of those days / There's no need to hide / Don't fear any word, Babe! / Do you laugh or cry?/ No need to hide senses."

Herbe dazu die Intonation der jungen Frau, melancholisch die Aussage - letztlich geht es um Liebe und Kummer. Azevedo, so sagt ihr Management, würde ihre Landsleute schon allein mit der Finalteilnahme beglücken. Portugal schaffte dies in den vergangenen Jahren meistens gerade mal so eben - für mehr als Platz sechs hat es für das Land bei einem ESC niemals gereicht.

Delegationsleiter José Polares gibt sich da verständlicherweise schicksalsergeben: "Wir sind ohnehin auf das Schlimmste immer gefasst - daher der Fado, die Musik der Traurigkeit, die Balladen voller Schwermut." Die Portugiesen, so scheint's, sind also ohnehin bestens für alles gerüstet. In Oslo. Und auch anderswo.


Das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contest wird am Donnerstag ab 21 Uhr auf dem Digitalkanal Eins Festival übertragen. Der NDR zeigt die Show ab 0.55 Uhr.