"Germany's Next Topmodel"-Casting: Wer wird denn wegen Heidi heulen - DER SPIEGEL
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"Topmodel"-Casting: "Hach, seid ihr alle hübsch"

Foto: Vanessa Steinmetz

"Germany's Next Topmodel"-Casting Wer wird denn wegen Heidi heulen

Ein Star dank Heidi Klum? Daran glauben nach sechs Staffeln "Germany's Next Topmodel" selbst naive Möchtegern-Mannequins kaum noch. Das Casting in Hamburg dominierte daher ein erstaunlich abgeklärter Bewerberinnentyp: Hauptsache, mal ins Fernsehen!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Geld verspricht sie sich davon. Wie viel genau, kann sie nicht sagen. Aber mehr, als sie jetzt in ihrer Lehre verdient: In glänzenden Leggings ist Cindy Reuleke mit rund 500 anderen Mädchen am Mittwoch in Hamburg dem Aufruf zum Casting für die siebte Staffel von "Germany's Next Topmodel" gefolgt. Überzeugen will die 19-Jährige so: mit Mut zur Hässlichkeit. Vor der Kamera Grimassen ziehen? Kein Problem. "Mache ich sowieso immer auf der Arbeit." Sich auch mal blamieren, das gehört dazu, wenn die Jury das sehen will, sagt sie. Trotz Allergie würde sie sogar einen Schwarm Bienen an ihr Gesicht lassen - für ein gutes Foto, versteht sich.

Bloß nicht nein sagen und auch mal Spott und Hohn ertragen: Diese Aussicht schreckt offenbar wenige. Wenn in Deutschland ein neues Supertalent, ein mittelmäßiger Sänger oder eben ein Mannequin gesucht wird, können sich die Produzenten auf eine Sache verlassen: Frischfleisch-Nachschub. Unverbrauchte Gesichter, die es vom heimischen Sofa ins Kameralicht und damit auf die Bühnen der zahlreichen Castingshows zieht. Die Quelle der Bewerber scheint seit Jahren unerschöpflich.

Die jungen Mädchen mit ihren Röhrenjeans, glatt geföhnten Haaren und Zehn-Zentimeter-Highheels werden in Hamburg aber noch vor dem Casting-Gelände auf den Boden der Tatsachen geholt: "Die meisten fliegen ja eh hier schon raus" schmettert ein etwas dubios erscheinender Mann mit zerknittertem Hemd und zauseligen Haaren den Model-Aspirantinnen entgegen. Anschließend drückt er ihnen einen Zettel für eine Misswahl in die Hand. Aha, die Resterampe.

"Und dazu ruft ihr: 'Hamburg!'"

"We love to entertain you" - der Slogan des Klum'schen Haus- und Hofsenders ProSieben prangt rechts und links neben dem Eingang des Hotels, in dem die erste Auswahl getroffen wird, auf aufgepumpten Plastikrollen. Der Spruch ist symptomatisch für das Casting-Areal der deutschen Fernsehlandschaft geworden. Längst ist die Erfolglosigkeit der Super-, Mega- und "wow wow wow"-Talente ausgemachte Sache. Wichtiger sind eine anrührende Story, eine Familientragödie und Lacher auf Kosten der Bewerber. So wie bei der sechsten Staffel, als die sich eher ungelenk räkelnde Marie-Luise Schäfer immer und immer wieder ihr fehlendes Körpergefühl zur Schau stellen musste.

Die Schlange der Anwärterinnen für "Germany's Next Topmodel" allerdings ist in Hamburg gar nicht so furchtbar lang. Beim Casting am Mittwoch reicht sie nicht um die nächsten fünf Häuserblocks, ja nicht einmal bis zur nächsten Kreuzung. Auf dem Bürgersteig ist Schluss.

Dennoch: Die Crew animiert die aufgerüschten jungen Mädchen unbeirrt. "Und jetzt machen wir eine La-Ola-Welle und dazu ruft ihr: 'Hamburg!'. Haben das alle verstanden?", versucht ein Mann im schwarzem T-Shirt die Mädchen einzupeitschen, von denen einige nur widerwillig die Arme in die Luft schwingen. Als Bonbon tritt Juror Thomas Rath vor die Truppe. "Hach, seid ihr alle hübsch" und "Schau mal, die Schuhe!" quietscht er in die Kameras.

"Eine Dose mit Ölsardinen"

Am Rande der Szenerie stehen ein paar Model-Scouts, die hoffen, vielleicht doch das ein oder andere Mädchen für ihre Agenturen abgreifen zu können. "Alle 'n bisschen dick", lästert einer von ihnen. Viele verteilen an diesem Tag nicht eine einzige Visitenkarte. Dass ihm die TV-Show den Modelnachwuchs abspenstig macht, davor hat Ted Linow, Chef einer Hamburger Modelagentur, keine große Angst. "Was da geschnappt wird, würde bei uns durchs Sieb gehen," sagt er. Das Casting sei halt eine reine Unterhaltungssendung. "Keine, die es ernst meint, würde sich so vorführen lassen." Die Mädchen wollten einfach mal ein bisschen vom Ruhm kosten, das eigene Gesicht im Kasten sehen. "Und wenn eine Dose mit Ölsardinen geöffnet wird, stellen sie sich auch noch davor", frotzelt Linow.

Mit dem Titel direkt durchzustarten und auf den großen Schauen laufen - diese Illusion sollten die vergangenen Staffeln den Mädchen schon genommen haben. Vor Aufregung zitternde Nervenwracks sucht man unter den meist sehr jungen Anwärterinnen am Mittwoch in Hamburg vergebens. Auch nach dem Rausschmiss muss die Mascara nicht verlaufen. Hasstiraden auf die Jury, Heulattacken? Fehlanzeige. Viele geben sich abgeklärt: Wenn es jetzt nicht klappt, dann eben beim nächsten Mal, ist die Devise.

So geht auch die 15-Jährige Hanna Kraverts an das Casting mit realistischen Zielen heran. Erst in ein paar Wochen erreicht sie das geforderte Mindestalter, trotzdem hat sie schon auf Laufstegen und einer Misswahl Erfahrung gesammelt. Auf dem Hamburger Dom wurde sie von einer Modelagentin entdeckt, hat sich aber noch nicht auf eine Agentur festgelegt. Durch das TV-Format sollen weitere Agenturen auf sie aufmerksam werden. Um den Sprung in die nächste Runde zu schaffen, ist sie schon früh morgens gejoggt und hat - ganz nach Modelklischee - den ganzen Tag nichts gegessen.

Ob die Rechnung um Mutproben und kleine und große Tragödien auch ein siebtes Mal aufgeht, ist fraglich. "Irgendwann nutzt sich auch das beste Konzept ab", sagt Linow. Längst ist der deutsche Exportschlager Heidi Klum selbst zum Störfaktor avanciert. "Heidi, du nervst!" war auf einem Zeitschriftencover zu lesen. Auch der Streit um die Gewinnerin der sechsten Staffel, Jana Beller, kratzt am Image. Nur zwei Monate nach dem Sieg der 20-Jährigen platzte ihr Vertrag mit One-eins. Chef der Model-Agentur: Heids Vater, Günther Klum.

Für Cindy Reuleke ist der Modeltraum übrigens nach dreimal auf und ab laufen vor der Jury vorerst geplatzt. Woran es lag, weiß sie nicht. Im nächsten Jahr will sie trotzdem wieder mitmachen.