TV-Drama "Der andere Junge": Der Alptraum vom Eigenheim
Gewaltdrama in der ARD Junge, wehr dich!
Dieser Mann verkauft Mittelstandsträume: Vor den Toren von Hamburg versucht Winnie Morell (Peter Lohmeyer), in einer Musterhaussiedlung Eigenheimparadiese als Komplettpakete an die Menschen zu bringen. Er selbst lebt schon länger in einer Art Fertigbauversion des Garten Eden. Sein Haus besitzt alle Extras, die Frau singt im Chor, der Arbeitskollege erscheint samt Gattin zu regelmäßigen Doppelkopfpartien. Nur der Sohn macht Ärger, andauernd lässt er sich von Gleichaltrigen abziehen.
Was Winnie nicht weiß: Robert (Willi Gerk) wird ausgerechnet von dem Sohn seiner Doppelkopfpartner drangsaliert und ausgenommen. Was zwischen ihm selbst und seinem Kollegen Jakob (Christian Berkel) beim Hausverkauf als subtiler Konkurrenzkampf abläuft, entlädt sich zwischen den Halbwüchsigen in Form enthemmter Demütigungen. Das bringt den Vater, der zeitweise selbst Probleme hat, seinen Status in der Firma zu halten, nun wirklich auf die Palme: Junge, wehr dich!
Und das tut Robert dann auch: Nachdem sein Peiniger ihn mal wieder mit einer Pistole aus Papas nicht wirklich gut verschlossenen Waffenschrank bedroht hat, dreht er den Spieß um - und streckt ihn mit zwei Schüssen nieder.
In der Umlaufbahn der Beton-Satelliten
Trotz dieser tödlichen Wendung: Das Familiendrama "Der andere Junge" ist kein plakatives Statement zum Thema Jugendkriminalität geworden, es ist vielmehr eine genaue Studie über die subtilen Gewaltkreisläufe im wirtschaftlich wackeligen und sozial unterkühlten Vorstadt-Deutschland. Und im Osten Hamburgs haben die Filmemacher (Buch: Lothar Kurzawa, Regie: Volker Einrauch) denn auch ein wahrlich frostiges Suburbia vorgefunden.
Hier, irgendwo zwischen Moorfleet und Bergedorf, legt die S-Bahn von Station zu Station enorme Strecken in grüner Landschaft zurück. Doch wenn sie die Passagiere ausspuckt, dann stehen da Beton-Satelliten herum, die in ihrer urbanen Tristesse sämtliche Innenstadtghettos lässig übertrumpfen. Eigenheimsiedlungen stehen neben Hochhausburgen. Weshalb man dahin zieht? Entweder man fühlt sich vom günstigen Baugrund angelockt - oder man kann sich einfach nur noch die Mieten in dieser eher unwirtlichen Gegend leisten.
Eigenheimtraum und Hartz-IV-Elend liegen in solchen Ecken also übersichtlicher beisammen als anderswo. Vielleicht verfallen Winnie und seine Ehefrau (Andrea Sawatzki) ja gerade deshalb in einen solch trockenen Aktionismus, als sie ihren Sohn vor der zerlöcherten Leiche des Nachbarjungen knien sehen. Die Vertuschung des Mordes wird von ihnen jedenfalls organisiert wie der familiäre Frühjahrsputz im Garten: Jeder packt mit an. Am nächsten Morgen sagt der Vater zum Sohne: "Du gehst jetzt zur Schule. Es ist ein Tag wieder jeder andere."
Alles nur eine Frage von Wehr und Gegenwehr
Dass der Junge Probleme mit der Verarbeitung der Bluttat haben könnte, fällt dem Alten nicht ein. Hinzu kommt, dass Winnie kurz vor der Beförderung steht; da müssen psychologische Zipperlein mal kurz dem Gesamtprojekt untergeordnet werden. Schließlich arbeitet Papa dafür, dass es allen in der Familie besser geht.
So lautet die brutale Erkenntnis dieses präzise gespielten und schnörkellos inszenierten Mittelstandspsychogramm: Das mit dem Erschießen ist dumm gelaufen, die wahre Katastrophe aber wäre der gesellschaftliche Abstieg. Dieser Logik wird die Handlung von "Der andere Junge" gnadenlos untergeordnet, die Figuren sind dabei gar nicht mal besonders unsympathisch. Sie handeln eben, wie sie handeln müssen.
Die Verteidigung der gesellschaftlichen Mitte, wie sie zurzeit häufiger mal in Talkshows mit dem Verweis auf ihre schicksalhafte Bedeutung für das Land beschworen wird, erscheint auf diese Weise tatsächlich nur eine Frage von Wehr und Gegenwehr: Spiel uns das Lied vom Tod, deutscher Mittelstand!
"Der andere Junge", 20.15 Uhr, ARD