Germany's Next Topmodel 2015: Es hat sich ausgelaufen
Schau mal, Schaum! Das finale Finale von GNTM gerät zur Bombendrohungs-Retrospektive und vor allem zur großen Entzauberung des Formats. Gewonnen hat Vanessa, falls es interessiert.
Es ist schön, wenn eine Fernsehsendung noch Mädchenträume befördern kann. Während der jüngsten, zehnten Staffel von "Germany's next Topmodel" beispielsweise wurde nicht sonderlich viel genährt, aber immerhin der dringende Wunsch, innig mit Wolfgang Joop befreundet zu sein. Wie gerne säße man mit ihm regelmäßig Sahnetorte verschlingend im Café und machte sich gemeinsam gemeine Ein-Wort-Notizen über Passanten: "Gewöhnlich!", "Boring!", "Schlecht!".
Jurymitglied Joop nämlich trägt nicht nur aus dem rosaroten Panther gefertigte Socken, sondern fungierte auch bei dieser Version der alljährlichen Keulenbeschau als großer Sympathieträger. Ein nimmer versiegender Quell wunderlicher Wahrheiten war er, das zog er bis ins Finale durch: Wenn so eine Endshow losging, sagte er, befinde er sich immer "irgendwie im Wachkoma". Der erste, einzige Moment, in dem man sich in diesem finalen Finale als Zuschauer eingebunden und verstanden fühlte.
Vor zwei Wochen musste die große Liveentscheidungsshow in Mannheim wegen einer Bombendrohung abgebrochen werden. Der aufgezeichnete Nachholtermin in New York geriet nun vor allem zur einschläfernden Entzauberung des Formats. Das fing schon damit an, dass die Show offensichtlich log: "Nur eine" kann Germany's next Topmodel werden, nur darum käme auch "nur eine" auf das Cover der deutschen "Cosmopolitan", wie oft hatte man Heidi Klum seit Anbeginn der Show diese Ausschließlichkeitsfloskel menetekeln hören.
Nur eine? Äh, nein. Nach dem bombenbedingten Abbruch vor zwei Wochen schafften es notgedrungen aus Produktionsgründen alle drei Kandidatinnen auf das Titelbild. So dringlich wurde die Unmöglichkeit dieses Umstands in den vergangenen zehn Jahren gepaukt und eingehämmert, dass die Show an diesem Punkt, als das Unmögliche möglich wurde, eigentlich selbstständig durch irgendeinen Logikschnüdel im Universum in sich hätte zusammenschnurzeln müssen.
Doku über ein nicht stattgefundenes Ereignis
Um davon abzulenken, wurde in der zweiten Finalsendung die Bombenthematik in Rückblenden, Redundanz-Interviews und mit Ausschnitten aus der Generalprobe aufs umständlichste noch einmal aufgerollt. "Wir waren gerade in der Pause gewesen", erklärte Klum in ihrem unverwüstlichen Plusquamperfekt, das es ohnehin nicht immer leicht macht, die Zeitenfolge des Geschehens einwandfrei nachzuvollziehen. Nun geriet die Show also für eine Stunde zur Doku über ein nicht stattgefundenes Ereignis. Gezeigt wurde, zeitlich anspruchsvoll, was hätte gewesen sein sollen. Und das Raum-Zeit-Gefüge kriegt ernsthafte Cellulitis-Dellen.
Abwechselnd durften alle möglichen Leute erzählen, wie ärgerlich das doch war, dass die Show abgebrochen wurde. "Kiki ist geschockt", sagt Kandidatin Kiki, und dann, in breitem Dialekt: "Heit wär das große Finale gwen. Es ist füan Oarsch." Man sah die Hallen-Evakuierung aus allen denkbaren Perspektiven, Interviews mit Evakuierten ("Die Securitys waren offenbar trainiert."), selbst Ausschnitte aus Nachrichtensendungen anderer Sender.
Und dann also sah man, was hätte gewesen sein können, Vorbereitungen und Proben-Aufnahmen. Man sah Jurymitglied Thomas Hayo angestrengt backstage seine Moderationskarten studieren, umständlich coolisierend erklärte er, gelegentlich noch ein paar "last minute changes" vorzunehmen. Man sah die ihren Laufsteg-Gang übenden Mädchen, die wie eine Herde müder Zirkuspferde auf dem Gnadenhof ihre Formationen abliefen. Man erfuhr unappetitliche Details wie den Umstand, dass Heidi Klum kurz vor Showstart immer ihren ausgezutzelten Kaugummi irgendwohin pappen muss.
Diese unfassbar in die Länge gezogene Endlos-Bombennacherzählung ließ sich zu Hause vor dem Fernseher eigentlich nur mit der schlimmen Vorstellung erklären, dass aktuell in New York schon wieder das Studio geräumt werden musste und beim Sender gerade kein Ersatz-Baseballfilm zur Hand war. Und warum überhaupt New York? Hätte alles auch in einer beliebigen deutschen Mehrzweckhalle stattfinden können. Nur wären einem dann freilich die Interviewbilder verloren gegangen, die Kandidatinnen und herangekarrte Jubelverwandte am Flughafen und bei der Anreise zeigten - eine schöne Gelegenheit, sie endlich einmal dazu zu befragen, wie sie das eigentlich so fanden, mit der Bombendrohung. Voll blöd nämlich, gut, dass mal drüber gesprochen wurde.
Unüberschminkbare Risse im Konzept
So zermürbend war die große, einstündige Bombenretrospektive, dass einen die eigentliche Entscheidung schon gar nicht mehr interessierte, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Man sah, vielleicht zum ersten Mal, sichtbare, klaffende, unüberschminkbare Risse im Konzept. So heftig die Kritik an GNTM auch dieses Mal war, die Show würde unrealistische, unzeitgemäße und vor allem ungesunde Schönheitsideale propagieren, so sehr manche Menschen die Absetzung fordern: Diese Show kann sich nur selbst zerstören. Indem sie so offenkundig langweilig und banal wird, dass der sichtbar mühsam aufgeschlagene Glamourschaum zum Labberpamp gerinnt.
Ein bisschen gelang das schon gestern bei einem Treffen der bisherigen neun Siegerinnen, im Halbbackensitz mit Klum auf einem Sofa zusammengepfercht, aufgezeichnet ebenfalls bei der Generalprobe für das Original-Finale: Nur zwei von neun konnten so richtig mit ihren Modelerfolgen überzeugen, andere lobte Klum überschwänglich für soziales Engagement, ihre Mutterschaft oder die Entscheidung, doch erst einmal das Abi fertig zu machen.
Die eigentliche Kür der Siegerin schließlich wirkte willkürlich wie nie. Auch in den vergangenen Folgen waren die teils sehr konstruiert wirkenden Begründungen und Expertenurteile, warum es nun diese und nicht jene junge Frau sein sollte, nicht immer nachvollziehbar - dieses Mal tat die Jury erst gar nicht so, als folge sie irgendwelchen objektiven Kriterien. "Ein Bauchgefühl", sagte Klum, und an dieser Stelle kann jeder seinen eigenen Wampenwitz einfügen.
Nachdem die auf eigenartige Weise schöne Ajsa wie erwartet als erste aus der Konkurrenz flog, gerieten die langgezogenen Laudationes auf die verbliebenen Vanessa und Anuthida vor der Verkündigung wie immer zum Debakel. So wenig Inhalt wurde hauchdünn und rissgefährdet auf so viel Zeit gewalzt, dass Kandidatin Anuthida allen Ernstes unter anderem dafür gelobt wurde, immer nett zu den Leuten vom Catering gewesen zu sein. "Du hast zugelegt, in jeder Beziehung", sagt schließlich Joop zu Vanessa, und es fällt sehr schwer, das nicht als maliziösen Zunahme-Diss zu verstehen. Trotzdem gewinnt die Kandidatin aus Bergisch-Gladbach, Klums Heimatstadt.
Vielleicht ist es wirklich Zeit für das Ende, und ganz vielleicht arbeitet jemand hinter den Kulissen da schon dran, mit Voodoo und selbsterfüllenden Prophezeiungen. Zum finalen Entscheidungs-Catwalk von Vanessa und Anuthida jedenfalls sang Kygo live sein Lied "Stole the Show", und dessen Text geht so: "Our debut was a masterpiece / But in the end for you and me / oh, the show, it can't go on." Glitterregen, Schnitt, Ende.
Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.