GNTM 2016: Fade Stöckelei zum Staffelstart - DER SPIEGEL
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"Germany's next Topmodel" Schein-Battle mit Hasenfäustchen

Heidi isst keine Döner mehr, die Jury hat keine Ahnung von Konfro, und Wolfgang Joop fehlt schmerzlich: Der Staffelauftakt von "Germany's next Topmodel" war eher fade Stöckelei.
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Wie - Heidi mampft nicht mehr? Die Enttäuschung saß mindestens so tief wie der Schock des kleinen Jungen in diesem historischen Werbespot, als er feststellen muss, dass ihm seine Großmutter statt sattbuttrigem Kartoffelbrei nun bleichen Fraß aus der Instant-Tüte vorsetzt.

Natürlich waren sie auch bis in den letzten Lippenlecker gescriptet, die Passagen aus früheren "Germany's next Topmodel"-Staffeln, in denen Heidi Klum ihre Zähne extra-natürlich in einen Döner oder ein Stück Donauwelle schlug - hmnjam, seht her, ein Model muss nicht hungern, ich esse TOTAL viel! Aber sie versuchten zumindest, die Künstlichkeit der GNTM-Welt ein bisschen menschlicher zu machen. Nun aber, zum Auftakt der elften Staffel, wirkt die Modelsuche kühler und kalkulierter denn je.

Oma stampft nicht mehr, Heidi mampft nicht mehr. Sie platzt nicht mehr mit sorgfältig zusammengeschabter Hallöle!-Restpatentheit in Kuhställe, Tretbootverleihe und Wäschereien, um ihre neuen Kandidatinnen mitten aus dem Alltag heraus zu schanghaien: Die erste Sendung, die die vorausgewählten Top 50 auf handlichere 23 Mädchen reduzierte, war ein einziges, sehr langes Vorlaufen. Wie oft kann man jungen Frauen dabei zusehen, hin und her zu gehen, ohne vor Fadheit vornüber ins Abendessen zu kippen? Gewürzt wurde der extrem zähe Pamp nur mit künstlichen Geschmacksverstärkern wie einer lasch inszenierten "Battle" zwischen Klums Mitjuroren.

Michalsky als brachialer Protzo

Leider ist Wolfgang Joop nicht mehr Teil des klumschen GNTM-Gremiums, er wurde durch Designer Michael Michalsky ersetzt - schmerzlich vermisste man in der ersten Folge den verwitterten Modemann, dessen Gedanken stets wie ein flinkes, leicht überreiztes Windspiel von Hölzchen auf Stöcken huschten und der mit seinen mitunter schwer erratischen Einlassungen ein echtes unberechenbares Moment in die strenge Spielwelt einbrachte.

Michalsky dagegen präsentierte sich als eher brachialer Protzo: Er übernahm die klassische Dramenrolle des Bramarbas, der gerne mit seinen Werken und Künsten prahlt - und sich rechtschaffen unsympathisch erst einmal als Entdecker von Lady Gaga, Toni Garrn und praktisch ALLER irgendwie relevanter Menschen überhaupt polierte. Seine Fachkundigkeit erschöpfte sich bislang allerdings in Aussagen wie: "Die ist so ein bisschen katemossig."

Michalskys Scout-Rohmaterial ist bei GNTM die erwartbare Mischung aus Naivchen ("Mein Hobby ist Sport und meine Persönlichkeit ist pink", "Ich bin Lisa, ich hab gern Spaß") und "extremen" Kandidatinnen, die durch Castingsätze wie "Ich habe einen Haussklaven, der macht mir den Haushalt und finanziert mir das ein oder andere", unerwartete Surprise-Sturzgeburten oder schon jetzt anstrengender Huch-bin-ich-verrückt-Attitüde punkteten: "Ich bin Fred und das ist meine Glückshose."

Reichlich morsch

Nur gelegentlich werden die klassischen Model-Disziplinen wie etwa Posing abgefragt. "Diese Pose heißt: Ich steh im Klub, und es kommt gerade ein Partyfotograf", macht eine Kandidatin vor. Und zu Hause hängt man mit einer Pose auf dem Sofa, die heißt: Ich bin ein bisschen underwhelmed und wüsste jetzt lieber, was Helena Fürst zur gleichen Zeit auf dem Opernball treibt.

Man muss "Germany's next Topmodel" inzwischen nicht einmal mehr ideologische Vorwürfe machen, das vermittelte Schönheitsbild oder die klumsche Autokratie kritisieren - schon rein showhandwerklich betrachtet scheinen Konzept und Umsetzung langsam reichlich morsch zu sein. In der amerikanischen Urversion ließ Tyra Banks seit drei Jahren auch männliche Kandidaten zu, um die Innenspannung zu erhöhen - selbst diese radikale Veränderung konnte die Absetzung des Formats nicht abwenden.

Bei GNTM hat man sich vom Prinzip Spannung ohnehin längst verabschiedet: Wenn zwei Kandidatinnen vor der Jury stehen, die dramatisch ankündigt, nur eine käme in die nächste Runde - wird das wohl das völlig unbekannte Gesicht links sein, oder doch eher das Mädel rechts, das zuvor in einem kleinen Einspieler samt Schrumpf-Homestory vorgestellt wurde? Mitunter rutscht der Auftakt zudem in reinste Selbstparodie ab, wenn bedeutungsschwer ein Entscheidungswalk vor wichtigen Branchenkennern angekündigt wird. Die dann in erster Linie aus Jimi Blue Ochsenknecht und mutmaßlichen Influenzern bestehen, die man willkürlich an einem beliebigen Samstagabend aus der Berliner U8 gezogen zu haben scheint.

"Weil: Ich will halt!"

Die große Neuerung in der Dramaturgie - Jury-Veteran Thomas Hayo und Michalsky müssen sich um die Mädchen "battlen" und eigene Teams aufbauen, die dann gegeneinander antreten - ist dann leider ein Kampf mit intellektuellen Hasenfäustchen. Bei "The Voice of Germany" gelingt die Coach-Rangelei oft recht gut, weil die Beteiligten schlau und lustig genug dafür sind, verbal um die Kandidaten zu ringen.

Bei GNTM steht Hayo in Schwarz auf der einen Seite, Michalsky in Weiß auf der anderen, Trottelmetaphorik wie aus einem Wham!-Video, und beide kämpfen mit einer extrem schlichten Argumentationstechnik, die sich mit "Ich will dieses Mädchen in meinem Team, weil: Ich will halt!" zusammenfassen lässt. Das wird nicht spannender, wenn man es sich bei 17 Mädchen hintereinander anschaut. Zumal die Entscheidung, wer nun in wessen Team landet, ohnehin komplett mysteriös von Heidi Klum entschieden wird, die wie ein semisalomonischer Richter quasi die Funktion des Sortier-Hutes von "Harry Potter" übernimmt: Pontius Pilates, sozusagen.

Beide Teams, das ist neu, werden fortan nicht mehr in einer Luxusvilla, sondern in echten Model-WGs wohnen, die wie der Schlafsaal einer Jugendherberge aussehen. Selbst dieser vermeintlich neue Dreh ist schon leicht oll: Model-Batteriehaltung und den Kampf um "real Jobs" gab es schon in der jüngsten Staffel von "Austrias next Topmodel". Bislang war die österreichische Ausgabe eher eine Art Bauerntheater-Version von GNTM, bei der herzerfrischend tölpelhaft mit Produktplatzierungen hantiert wurde - und bei der auch längst Jungs gegen Mädchen antreten.