Gotik-Doku: Fleißige Handwerker
Gotik-Doku im Ersten Kathedrale to go
Zugegeben: Die Gotik des Mittelalters ist ziemlich undankbarer Fernsehstoff. Hohe Kirchenräume, spitze Bögen, schwer verstehbare Zeitgenossen ohne modernen Sinn für Anekdoten und Starkult. Zum Glück gibt es Computeranimation und den plauderseligen Bestsellerautor Ken Follett (" Die Säulen der Erde ") - mit deren Hilfe versucht der Produzent Hans-Hermann Stein, mit seiner Kölner Firma die Gotik zu erzählen.
Ohne ganz sichere Quellengrundlage sehen wir in der Dokumentation "Giganten der Gotik" den Lebenslauf von Wilhelm von Sens, Held des Romans "Die Säulen der Erde", und dessen Erben, denen wir die immer kühner werdenden Kathedralenkonstruktionen von Chartres, Amiens und schließlich Köln verdanken. Da ist das Fernsehen in seinem Element: Biopic geht immer.
Alle Handwerker sind verehrungswürdig
Rührende und dramatische Geschichten deutet der Sechzigminüter in seinen Spielszenen an: Wie sich der Handwerkersohn Wilhelm mit einem Straßenjungen zusammentut, dessen Vater bei einem Kreuzzug umgekommen ist, wie dieser Freund Wilhelm das Leben rettet, wie er aus Dank an Kindes statt in Wilhelms Handwerkerfamilie aufgenommen wird.
Ein jeglicher aus der Handwerkerzunft ist hier verehrungswürdig, es entsteht das Bild einer verschworenen, geheimen Dombaugemeinschaft. Mit manchmal schwerem Schicksal: Zwei Dombaumeister stürzen vom Gerüst, einer stirbt, der andere gibt querschnittsgelähmt Anweisungen bis zuletzt.
Der Film (Buch und Regie: Martin Papirowski) kommt zwar als Doku daher, doch für eine Erklärung der Epoche bleibt bei all der illustrierenden Handlung viel zu wenig Zeit. Warum mögen die einflussreichen Figuren der Kirchenbaubranche jener Epoche plötzlich den Spitzbogen lieber als den römisch-bäuerischen Rundbogen der Romanik? Warum werden Gott und sein Sohn in himmlisch-lichtdurchflutete Sphären entrückt? Warum liebt man es in der Kirche auf einmal elegant, schlanker, verspielter? Worauf beruht die Begeisterung für ein himmlisches Jerusalem?
Zu selten stellt sich "Giganten der Gotik" den Gründen, der Magie und der Schönheit der neuen Architektur. Stattdessen herrscht im Film moderner Zeitdruck. Kaum hat sich der Zuschauer auf eine Kathedrale eingelassen, muss er schon wieder mit den Helden auf deren Karrierewegen weiterziehen, damit bloß das Geschichtenerzählen weitergehen kann.
Zwar malerisch, aber nicht besonders glaubwürdig
Mit dieser Gotik-Revue möchte das Fernsehen den Menschen des Mittelalters auf die Schulter klopfen, mit ihnen ins Plaudern kommen, die fremdartige Epoche unserer Zeiterfahrung angleichen. Die Übersetzung aber gelingt nicht recht. Die Steinbrüche, aus denen die roh zurechtgehauenen Blöcke für den Dombau stammen, sehen in der Simulation wie Landschaften nahe fernen Hochgebirgen aus. Das wirkt malerisch, aber nicht besonders glaubwürdig.
Die Gotik ist mit dem kollektiven Inneren, den Träumen der damaligen Menschen vom Heiligen verbunden. Die Epoche will ihre Gotteserfahrungen in Raum, Licht und Stein ausdrücken, nicht mündlich ausplappern. Gotik braucht keine Helden, nur stumme und verschwiegene Entschlossene. Kein Wunder, dass von den meisten Baumeistern wenig Persönliches überliefert ist. Da kommt das auf Protagonisten abgerichtete Fernsehen ins Schleudern.
"Giganten der Gotik": Ostersonntag, 12.30 Uhr, ARD