Günther Jauch: Stromausfall verzögert Talk zu Griechenland - DER SPIEGEL
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Griechenland-Talk bei Günther Jauch Wutgriechen in bleischweren Rettungswesten

15 Minuten lang saßen Günther Jauch und seine Gäste im Dunkeln, dann floss in Berlin der Strom wieder - doch die Runde blieb konfus. CDU-Mann Bosbach flüchtete sich in wirre Metaphern, und Börsenfrau Anja Kohl machte den Reserve-Gysi.
Zu Gast bei Günther Jauch: Wolfgang Bosbach (CDU)
Zu Gast bei Günther Jauch: Wolfgang Bosbach (CDU)

Zu Gast bei Günther Jauch: Wolfgang Bosbach (CDU)

Foto: Britta Pedersen/ dpa
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Geradezu "griechische Verhältnisse" hätten im Studio geherrscht, frotzelte Günter Jauch zum verspäteten Beginn der Sendung. Der Moderator und seine Gästen hatten eine Viertelstunde im Dunkeln sitzen müssen, ein Stromausfall in Berlin war Schuld. Der Scherz wirkte wie aus fernen Tagen.

Was so eine Wahl alles kann! Eine kräftige Brise Zeitenwende wehte durch den sonntäglichen Talk. "Der Euro-Schreck - wohin führt die Griechen-Wut?", lautete das Thema. Vom Pleite- zum Wutgriechen: Eine erstaunliche Blitzkarriere im Urteil der deutschen Medien hat das hellenische Volk in den letzten Wochen hingelegt.

Selbst Wolfgang Bosbach, einer der profiliertesten Griechen-Mahner der Union, steuert mit seiner Aufregung über die Wahlversprechen von Syriza bloß in einen metaphorischen Auffahrunfall. "Wir haben den Menschen Rettungsringe zugeworfen, und sie empfinden sie als Bleiweste", erklärte der CDU-Politiker. "Wenn sie einmal die Jacke falsch zumachen, sie können immer weiterknöpfen, es wird nicht helfen."

Immer diese Griechen: Halten unsere Rettungs- für Bleiwesten. Und knöpfen sie dann auch noch falsch zu! Die Bosbachsche Bildsprache stand stellvertretend für die deutsche Konfusion angesichts des griechischen "Njet!" zum Spar- und Verschuldungsdiktat.

Weil der Stromausfall die Studiotechnik durcheinandergebracht hatte, konnte Jauch ein Zitat des griechischen Finanzministers Varoufakis nicht einblenden. Wahrscheinlich war's die inzwischen zum YouTube-Hit gewordene Interviewpassage mit der BBC , in der Varoufakis erklärt, warum die neue griechische Regierung die nächste Milliardentranche der EU gar nicht haben will: Das wäre so, als würde man einer insolvent gegangenen Freundin raten, einfach mit einer Kreditkarte weiterzumachen.

Der deutschgriechische Journalist Michalis Pantelouris erklärte der Runde den neuen ökonomischen Sachverstand von Syriza: Deutschland und die EU hätten Griechenlands Insolvenzproblem so behandelt, als wäre es eine Liquiditätskrise. "Was Bosbach sagt, ist zu 95 Prozent Programm der Syriza", entgegnete Pantelouris, als der Unionspolitiker Strukturreformen anmahnte und forderte, auch die Reeder-Oligarchen müssten endlich Steuern zahlen.

Das Verwirrende an der Zeitenwende ist nämlich, dass die frischgewählten Wutgriechen die milliardenschweren Schuldentranchen, für die die abgewählten Spargriechen ihre Bevölkerung haben verarmen lassen, nicht mehr haben wollen. Weil sie festgestellt haben, dass der Deal "Kredite gegen Austerität" einfach bloß noch mehr Pleitegriechen produziert.

Was ein fundamentaler Angriff auf das ist, was man im Merkel-Deutschland für den Inbegriff ökonomischer Vernunft und europäischer Vertragstreue hält. Jedenfalls wenn es um Griechenland geht, wie Anja Kohl in einer Art fiskalpolitischem Wutausbruch feststellte: Deutschland habe schließlich von den Maastricht-Kriterien bis zum Rettungsschirm so ziemlich jeden Vertrag im Euroraum gebrochen. "Wir biegen uns die Verträge, wie sie uns gerade passen!" schimpfte Kohl, die zwar im Hauptberuf nach wie vor ARD-Börsenexpertin ist, bei Jauch aber so wirkte, als plane sie die revolutionäre Beseitigung des Finanzkapitals.

Hätte nicht noch Parteivorsitzende Katja Kipping in der Runde gesessen, man hätte meinen können, Anja Kohl sei als weibliches Gegenstück zu Gregor Gysi bei den Linken eingestiegen. So konnte sich Kipping entspannt zurücklehnen, ab und an auf die soziale Verelendung Griechenlands verweisen und ein wenig mit Bernd Lucke keilen.

Der AfD-Vorsitzende fand es "schön", dass die Griechen einen gewählt haben, "der sagt: So kann es nicht weitergehen". Und war ansonsten wie immer der Meinung, jetzt müsse ein "Schlussstrich" her: Griechenland raus aus dem Euro. Der Grexit, das gute alte "Carthaginem esse delendam" der AfD.

Das war auch schon fast alles, was Lucke zur Debatte beizutragen hatte. Einen bizarren Streit mit Bosbach mal ausgenommen. Auf der Suche nach Argumenten, warum der Sparkurs für die Griechen nicht nur ökonomisch geboten, sondern auch sozial zumutbar sei, war dem CDU-Mann ein Griechenland-Debattenklassiker eingefallen: In der Eurozone gebe es Länder, die nur "einen Bruchteil des Lebensniveaus" der griechischen Bevölkerung hätten.

"Der estnische Rentner soll nicht dafür bezahlen, dass es Weihnachtsgeld in Griechenland gibt", so Bosbach. Das sei "doppelzüngig", so Lucke. "Wer hat den estnischen Rentner in den Haftungsverbund reingeführt?" fragte der AfD-Mann. "Ihre Partei hat das doch beschlossen."

Ausgerechnet die Esten. Tatsächlich war Estland im Jahre 2012 - also zum Höhepunkt der Griechenland-Krise - der größte Nettoempfänger der EU. Pro Kopf gerechnet entfielen auf jeden Bürger und jede Bürgerin des Baltenstaates 589 Euro aus der EU. Der estnische Rentner zahlt griechisches Weihnachtsgeld? Man hätte sich ein bisschen Faktencheck im "Hart aber fair"-Stil gewünscht.