Holocaust-Film: Dem KZ entronnen, im Leben nie angekommen
Holocaust-Drama in der ARD Ein Leben mit Buchenwald
Lässig, entspannt und attraktiv sieht er aus, wie er rauchend vor dem Tor zu dem gerade befreiten KZ Buchenwald steht: Manuel (Loic Corbery), der von den Nazis inhaftierte Spanienkämpfer. Im April 1945 bewacht er, der ehemalige Häftling, den Schreckensort oberhalb von Weimar, damit niemand die Spuren der SS-Mörder beseitigt.
Aber schon die ersten Szenen dieses eindringlichen und hochsensiblen TV-Movies, das der französische Drehbuchautor und Regisseur Franck Appréderis, 70, inszeniert hat (von dem Sohn in Auschwitz ermordeter Eltern stammen fast 60 Fernsehfilme) beweisen, dass Manuel, der Befreite, noch immer in einem inneren Gefängnis lebt und eine lange qualvolle Lebensreise vor ihm liegt, um in das ihm noch ferne Land zu gelangen, das man Normalität nennen könnte.
Was "Die Zeit der Stille" nach den Lebenserinnerungen des heute 88-jährigen Jorge Semprúns - er arbeitete am Drehbuch mit - so grandios macht, ist der Verzicht auf alle dokumentarische Hektik. Der Held Manuel wandert als heimatloser Heimkehrer durch eine nostalgisch aufgeschönte Welt, oft riecht es nach Parfüm. Durch ein Paris zwischen Jazz und Chanson, voller wunderschöner Frauen, die Laurence (Audrey Marnay) oder Lorène (Barbara Cabrita) heißen, umgeben von intellektuellen Diskussionen über Camus und die Atombombe.
Gräuel in der Goethe-Stadt
Aber der Tod ist immer mit Manuel unterwegs, der Gestank aus dem Buchenwald-Krematorium, der Leichengeruch, der die Vögel über der Goethe-Stadt zum Verschwinden gebracht hat.
Mit welcher Frau könnte es Manuel schaffen, seelisch wieder an die Schwelle zur Gegenwart zu gelangen? Und welcher Frau wäre das zuzumuten? Laurence letztlich nicht, bei der Manuel als Liebhaber die Vertretung eines todgeweihten Kameraden mit dessen Segen anzutreten versucht - aber ebenso scheitert wie bei Lorène, der Göttin des Vergessens, die von der KZ-Vergangenheit ihres Lovers nichts weiß und die seinen "leidgeprüften Blick, der mit dem Licht des Todes gefüllt ist", nicht lesen kann.
Der Buchenwaldhäftling lebt, das macht der Film mit dem Kontrast von betörender Lebensfeier und hamletartiger Verzweiflung sehr anschaulich, wie ein Gespenst am Rande des Suizids. Er weiß oft nicht, ob er den Traum eines im KZ Ermordeten lebt, aber er erkennt an den Reaktionen seiner Umwelt, dass Gespenster Angst machen.
Die "Rettung" für Manuel kommt auf medial geradezu rührend altmodische Weise. Nicht durch Bilder, sondern die Magie der Literatur. Es ist ein Gedicht von Louis Aragon (1897-1982), das mit der Zeile "Niemand wird heute Nacht die Schlafenden wecken" beginnt und das für die aus allen Bezügen gefallenen KZ-Opfer die richtigen Worte findet. Von Menschen ist da die Rede, für die jede Milde seltsam geworden ist, von Menschen, die ihre Kinder nicht mehr verstehen werden können.
Eine Lüge rettet das Leben
Manuel aber fühlt sich verstanden - zum ersten Mal nach Buchenwald. Es ist der Retter Dichtung. Ein Retter, der nichts beschönigt. Der nichts bewältigt, aber das Weitersuchen beflügelt und die Frage offenhält, die Manuel und seine Kameraden schon gleich nach der Befreiung von Buchenwald im Blick auf die Nachwelt umtrieb: "Wie sollen wir erzählen?"
Dieser Suche nach dem Nichterzählbaren stellt sich auch "Die Zeit der Stille" und verweigert sich dem medialen Lärm, der sonst bei diesem Thema gerne veranstaltet wird.
So wenig, wie es einen verstehbaren Anfang für die KZ-Gräuel gibt, kann es ein abrundendes Ende geben. "Die Zeit der Stille" hört mit einem Epilog auf: Manuel (nun gespielt von Bernard Le Coq) besichtigt als hochgeehrter Schriftsteller mit seinen Enkeln Buchenwald. Er erfährt, dass er sein Überleben der Umsicht eines kommunistischen Lagerschreibers verdankt, der bei Manuels Erfassung nicht, wie der Häftling wollte, "Philosophiestudent" eintrug, sondern Stuckateur. So blieb dem zornig-stolzen Mann der todesgewisse Einsatz in dem von Speer eingerichteten Fabrikationsstollen für V2-Raketen, Dora, erspart. KZ-Bonzen wollten für ihre Prunkbauten nicht auf Stuckateure verzichten, vielleicht würden sie später noch zu gebrauchen sein. Manuel, der wahrheitssuchende Philosoph wurde ausgerechnet von der Lüge gerettet, denn von Stuck hatte der Antinazikämpfer keine Ahnung.
Auf der Tonspur des Films ist vernehmlich Vogelgezwitscher zu hören. Symbol, Symbol: Die Tiere sind zurück. Die Milde nicht. Aber Kinder können nach diesem Film etwas von der Geschichte der Eltern verstehen. Da hat Aragon nicht recht behalten.
"Die Zeit der Stille": Sonntag, 23.30 Uhr, ARD