Homo-Ehe: Anne-Will-Talk in der ARD - DER SPIEGEL
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Talk von Anne Will Auf der Hühnerfarm

Macht sich Deutschland endlich locker im Umgang mit gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften? Ein paar urkonservative Talkgäste stemmten sich bei "Anne Will" mit letzter Kraft dagegen - und ernteten "Pfui"-Rufe des Publikums.
Von Torsten Landsberg
Moderatorin Will: Debatte über Homo-Ehe
Moderatorin Will: Debatte über Homo-Ehe

Moderatorin Will: Debatte über Homo-Ehe

Foto: Jörg Carstensen/ picture alliance / dpa
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Schwarz-Gelb ist nicht die erste Bundesregierung, der das Bundesverfassungsgericht in die Parade gefahren ist. Selten aber hat eine Regierung die Umsetzung eines Urteils über ein mangelhaftes Gesetz so schnell in Angriff genommen wie in diesen Tagen. Was für die einen selbstverständlich ist, treibt anderen die Zornesröte ins Gesicht.

"Ich wundere mich, wie schnell das geht", sagt Hedwig von Beverfoerde am Mittwochabend bei "Anne Will". Einige Stunden zuvor hatte das Bundeskabinett die Gesetzesänderung gebilligt, am Freitag geht sie in den Bundestag - gerade mal eine Woche nach dem Richterspruch aus Karlsruhe. "Es ist eine sehr gute Lobbyarbeit gemacht worden, ich glaube, das ist ganz eindeutig", sagt Beverfoerde. Mit der Initiative Familienschutz kämpft sie für die Stärkung der traditionellen Familie. Die schnelle Umsetzung des Urteils findet sie "merkwürdig", "doof" und "ungerecht".

Eigentlich eine Steilvorlage für eine gallige Debatte. Doch Beverfoerdes Attacken verpuffen so überraschend wie letztlich wohltuend. Es wird nicht gekeift, die Atmosphäre ist nicht vergiftet, wie es bei den gegensätzlichen Positionen zu erwarten gewesen wäre. Nur bei einigen völlig abstrusen, mindestens ungelenken Formulierungen schallt gelegentlich ein "Pfui" aus dem Publikum. Beverfoerde würde die Ausrufer wohl als Lobbyisten bezeichnen.

Der FDP-Politiker Michael Kauch ist so etwas wie der ideale Test-Dummy zur Beruhigung all jener, die der Gleichstellung homosexueller Paare argwöhnisch begegnen. In der Bundestagsfraktion ist er für Schwulen- und Lesbenpolitik zuständig, und er spricht so gänzlich unaufgeregt und erhellend, wie es selten ist in den hiesigen Talkshow-Runden.

Kauch ist nämlich zugleich der bestmögliche Antagonist zu Beverfoerde, man könnte auch sagen: ihr personifizierter Satan. Kauch hat mit seinem Mann eine eingetragene Lebenspartnerschaft, gerade wurde seine Tochter geboren, mit deren lesbischer Mutter teilt er sich das Sorgerecht.

Für ihn sei das Urteil des höchsten Gerichts "völlig erwartbar" gewesen, denn die mit einer traditionellen Ehe identischen Unterhalts- und Einstandspflichten der Lebenspartnerschaft müssten sich im Steuerrecht widerspiegeln. Für Kauch ist es nicht mehr weit zur kompletten Gleichstellung mit der Ehe: "Ich trage keinen Lebenspartnerschaftring, sondern einen Ehering."

"Unpraktisch für den Staat"

Die überwiegende Zeit führt Erika Steinbach das Wort, die momentan allen Grund hat, mit ihrer Partei zu hadern. Die CDU-Politikerin sagt zwar, jeder müsse frei leben können, und sie kritisiert den Umgang mit Homosexuellen in Russland. Was der deutsche Staat aber fördere, das müsse "im Interesse einer Zukunft liegen". Homosexuelle Partnerschaften seien halt "unpraktisch für den Staat".

Was sie damit meint: Wer eine Partnerschaft eingeht, aus der keine Reproduktion resultiert, dürfe steuerlich nicht begünstigt werden. Dass es auch heterosexuelle Paare geben soll, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, klammert die CDU-Hardlinerin aus.

Das Gerede über die "Produktion von Kindern" regt sogar den sonst sehr zurückhaltenden Theologen David Berger auf. Bis zu seinem Outing 2010 war er Professor an einer Päpstlichen Akademie. Bei den Worten von Steinbach und Beverfoerde denke er an Hühnerzuchtfarmen - "so wie Sie über Sexualität sprechen".

Beverfoerde sitzt im Beirat eines erzkonservativen Blogs. Die steuerliche Gleichstellung der Homoehe hat sie vor einiger Zeit mit der Abschaffung des christlichen Menschenbilds in der Union gleichgesetzt, christliche Nächstenliebe hin oder her. Katholik Berger zählt die Katholikin Beverfoerde zum "Proporz an reaktionären Katholiken".

"Da merken Sie den Unterschied"

Als Gast der homosexuellen Moderatorin Will erklärt die Gescholtene im offensichtlichen Bewusstsein der inhaltlichen Kohärenz das Konzept der Ehe: Die sei ein auf Lebenszeit angelegter Bund zwischen Mann und Frau und als Bindung "exklusiv" - folglich ohne andere sexuelle Bindungen. "Da merken Sie schon den Unterschied zur Lebenspartnerschaft."

Dass gleichgeschlechtliche, rechtlich einer Ehe ähnliche Beziehungen vermutlich nicht das Ende der Welt bedeuten und es eine Zukunft nach der Homo-Ehe gibt, verkörpert Malte Czarnetzki, der später zur Runde stößt. Er hat zwei Brüder und zwei Mütter, sein Vater ist ein anonymer Samenspender.

Der junge Mann hat eine Schule für Hochbegabte besucht, mit 18 Jahren studiert er schon. In der Erziehung gehe es darum, gesellschaftlich verantwortliches Handeln zu vermitteln, das Gelingen sei unabhängig vom Geschlecht der Eltern. Fast könnte man meinen, es bestehe eine vage Chance, dass sich selbst Hardliner wie Steinbach und Beverfoerde belehren lassen. Doch dann verplappert sich Czarnetzki. Er sei zwar heterosexuell, aber: "Ich kann nicht ausschließen, das ich mit 50 vielleicht homosexuell werde." Schon unpraktisch so eine Ungewissheit.