Kohl-Talk bei Anne Will Die Gardinen von Oggersheim
Bundeskanzlerin Merkel, Altkanzler Kohl: "Da haben Sie recht"
Foto: dapdEs war eine Denkmalsbesichtigung der besonderen Art und nicht unbedingt der weihevollsten. Denn das Denkmal lebt noch, wenn auch inzwischen krank und hilfsbedürftig, und heißt Helmut Kohl. Sein Amtsantritt als Kanzler vor 30 Jahren rückt ihn dieser Tage noch einmal groß ins Licht. Aber es gibt nicht nur den milden, verklärenden Schein, wie ihn die offizielle CDU, die ihm stets auch Familie war, heute so gern hätte. Nach wie vor steht sein Name trotz aller historischen Leistungen im Dienste Deutschlands und Europas ebenso für Streit, offene Rechnungen, Verbitterung und Unversöhnlichkeit. Das wurde auch bei Anne Wills Talkrunde deutlich, und zwar teilweise ziemlich grell.
Zunächst sah es allerdings so aus, als gebe es zumindest bei drei Anwesenden wenig Hemmungen, möglichst tief in den Schmalztopf der Rührseligkeiten zu langen und gleichsam eine eigene kleine Jubelfeier auf Unionsticket abzuhalten. Theo Waigel, Kohl-Freund seit eh und je trotz CSU-Parteibuch und einst sein Finanzminister, wusste sich kaum zu fassen vor Genugtuung darüber, wie gut es dem Altkanzler getan habe, endlich wieder in der Fraktion freundliche Aufnahme gefunden zu haben. Von "Verehrung" und "Liebe" sprach er gar, und ja, er glaube, dass Kohl inzwischen vergeben habe. Und noch mal: Das habe gutgetan, allen habe das gutgetan.
Dirk Metz, ehedem Regierungssprecher von Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch und tief in der CDU verwurzelt, pries feierlich den "befreiten Blick", den die Partei nun auf ihren einst verstoßenen Vorsitzenden habe - eine Partei, die jetzt mit sich im Reinen und im Frieden sei. Und selbst Rita Süssmuth, die schon einmal vergeblich gegen Kohl zu putschen versuchte und ihm in notorischer Parteifeindschaft verbunden ist, brachte mit leicht bebender Stimme etwas Positives hervor. Wenn es ihm guttue, wie jetzt mit ihm umgegangen werde, dann sei sein Auftritt bei der Fraktion auch würdig gewesen. Aber dann fand die Harmonie ein rasches Ende.
Kohl-Biografie soll in acht Jahren fertig sein
Jakob Augstein, "Der Freitag"-Herausgeber und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, stellte ganz trocken die berechtigte Frage, wieso denn eigentlich Kohl etwas zu verzeihen habe, da er es doch gewesen sei, der der Partei und dem Rechtsstaat durch sein Verhalten in der Spendenaffäre schweren Schaden zugefügt habe. Vor allem aber war da auch noch Heribert Schwan, intimer Kenner und Biograf sowohl Helmut als auch Hannelore Kohls, aus dem es förmlich herausbrach: Er habe gedacht, "das darf doch nicht wahr sein", als er die Szenen der angeblichen Versöhnung gesehen habe. "Kohl wurde vorgeführt." Keineswegs glaube er, dass es ein Verzeihen gebe. Im Grunde habe Kohl mit Angela Merkel längst abgeschlossen. Der Bruch sei irreparabel. "Was die Frau Merkel der Familie Kohl angetan hat, das wird er mit ins Grab nehmen - diesen Hass."
Dass er ihr, die ihm das politische Ende bereitete, gleichwohl jetzt noch ein Lächeln geschenkt habe, erkläre sich allein daraus, dass er zwischen Amt und Person stets trenne. Das Lächeln habe nicht Frau Merkel, sondern der Kanzlerin gegolten. Mit dieser Sicht der Dinge lieferte Schwan dem braven Theo Waigel eine Art Kriegserklärung. Der wurde nun jedesmal richtig giftig, sobald Schwan nur den Mund aufmachte. Dieser wiederum barmte: "Sagen Sie doch endlich mal ja, wenn ich etwas sage", und kündigte an, mit seinem ultimativen Kohl-Buch bis zu dessen 90. Geburtstag fertig zu sein, also in acht Jahren, wenn er all seine exklusiven Dokumente und die 600 Tonbänder ausgewertet habe. Er brauche keine Tonbänder, um zu wissen, welch ein bedeutender Kanzler Kohl gewesen sei, wetterte Waigel.
Schwan wiederum schimpfte auf Maike Kohl-Richter, die zweite Ehefrau, die den Altkanzler abschotte und ihm weiteren Zutritt in Oggersheim verwehre, woraufhin Dirk Metz einwarf, dass diese Frau sehr fürsorglich sei, und Waigel befand: "Er hat sich für Maike entschieden, und er braucht sie."
Spätestens hier durfte sich der TV-Zuschauer fragen, ob man solch eine Debatte braucht, bei der es nicht mehr um die Bewertung eines Politikers, sondern um seine privatesten Angelegenheiten geht. Rita Süssmuth fragte sich das auch, nachdem sie zuvor recht offen, aber auch nachdenklich über die "hässlichen Seiten" Kohls gesprochen hatte, über sein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken, über seinen harschen Umgang mit ihr, die sie immer noch vergebens auf eine Antwort warte, nachdem sie ihm geschrieben habe wegen "dieses alten, ungeklärten Konflikts." Jedoch: "Wir haben kein Recht, einen Menschen bis in jeden Winkel auszuleuchten."
Einigkeit über Griechenland
Augstein mokierte sich über boulevardesken Voyeurismus, was bei der Moderatorin Anne Will eine pikierte Reaktion hervorrief. Irgendwie hatte man das Gefühl, als wäre ihr das teils kleinliche, teils peinliche Hickhack um einen Blick hinter die Gardinen des Hauses Kohl gerade recht. Auf dem Umweg über die letztlich wohl weniger weltbewegende Frage, ob dem Altkanzler denn tatsächlich bereits eine eigene Briefmarke zu Lebzeiten gebühre, landete man dann aber gegen Ende hin doch noch einmal beim politischen Zeitgeschehen. Augstein räumte ein, dass der seinerzeitige linksliberale Hochmut gegenüber dem Pfälzer deplatziert gewesen, dass dieser ein bedeutender Kanzler gewesen sei, wenn auch aufgrund der besonderen Umstände.
Im Vergleich zu Willy Brandt und Helmut Schmidt schnitt er jedenfalls nach einhelligem Urteil der Runde sehr gut ab. Mit beiden hat er übrigens seinen Frieden gemacht, mit Brandt sogar auf fast anrührende Weise. Und als die Rede dann auf den Europäer Kohl und die Einführung des Euro kam, die, wie Schwan betonte, schon vor der deutschen Einigung beschlossen und mitnichten deren Preis gewesen sei, stand auch einem versöhnlichen Talk-Ende nichts mehr im Wege. Schwan: "Kohl war immer gegen die Aufnahme Griechenlands." Waigel: "Da haben Sie recht."