Kriegsserie "The Pacific": Morden unter Palmen
Kriegsepos "The Pacific" Napalm im Paradies
Krieg sieht manchmal wie Urlaub aus, alles nur eine Frage der Perspektive. Aus dem Blickwinkel eines amerikanischen Soldaten, der 1944 im Landungsboot auf die brennende Festung Europa zurast, muss das "Island Hopping" der Kameraden im Pazifik zur gleichen Zeit natürlich als reinste Ferienmaßnahme erscheinen.
Wie raunt doch ein US-Soldat in "Band of Brothers", Steven Spielbergs und Tom Hanks' ausladendem Fernsehzehnteiler über die alliierte Invasion Europas aus dem Jahr 2001, einem anderen zu: "Irgendein glücklicher Bastard wird gerade in den Pazifik verschifft. Da sitzt er dann auf einer Insel, wo ihm sechs nackte Schönheiten dabei helfen, Kokosnüsse aufzuschlagen, damit er sie den Flamingos direkt in den Mund füttern kann."
Gleich in der ersten halben Stunde von "The Pacific", dem jetzt von Spielberg und Hanks nachgelegten Zehnteiler über den Krieg im Pazifik, gibt es tatsächlich eine Szene, die wie die oben zitierte Soldatenphantasie daherkommt: Ohne auf japanischen Widerstand getroffen zu sein, haben die US-Marines den Strand eines Archipels erobert. Nun hocken sie da zwischen ihrem Sturmgepäck unter Palmen, hämmern Kokosnüsse auf und pressen sich den Saft frischer Orangen in den Mund: Kombattanten im Paradies.
Gewaltige Erdmassen für ein monströses Filmprojekt
Einen ähnlich sonnigen Moment wird es die restlichen neuneinhalb Stunden von "The Pacific" nicht mehr geben. Stattdessen folgen wir den Männern der First Marine Division von einem obskuren Eiland aufs nächste, hocken mit ihnen stundenlang in ihren Fuchslöchern. Nachts schießen sie blind Maschinengewehrsalven auf den gesichtslosen Feind; tagsüber starren sie auf die in der Sonne faulenden Leichenberge, die sie selbst produziert haben. Zusätzlich werden sie von Malaria und Durchfall, von Wahnvorstellungen und Hunger gequält.
Rekordverdächtige 200 Millionen Dollar haben Spielberg und Hanks für ihr in Australien gedrehtes Hölleninferno zusammengebracht. Unter den vielen Superlativen, die diese Produktionsgeschichte flankieren, könnte man zum Beispiel nennen: 4000 Tonnen Schlacke wurden zermahlen, um am Strand von Queensland den schwarzen Sand der im Zweiten Weltkrieg verlustreich umkämpften Vulkaninsel Iwo Jima nachzuahmen; 62.000 Tonnen Erde insgesamt sollen zur Simulation der verschiedenen Schlachtfelder bewegt worden sein. Es gibt in der fertigen Serie durchaus Momente, in denen die US-Marines Japaner sterben sehen, meistens aber fliegt ihnen (und den Zuschauern) nur schwarzer, brauner und grüner Dreck in die Augen.
Das Kompositionsprinzip von "The Pacific" - wie sein Vorgänger für den amerikanischen Bezahlsender HBO produziert und ab Donnerstag auf Kabel 1 zu sehen - lautet erst mal ganz schlicht: viel Logistik, wenig Drama. Und das erscheint zugleich als Stärke und Schwäche dieses monströsen Fernsehprojekts.
Konturloser Gegner, ewiger Stellungskrieg
Die fein ausgearbeitete Gruppendynamik in "Band of Brothers", mit deren Hilfe die Fallschirmjäger der Easy Company zu komplexen Charakteren erwachten, findet man bei den Marines nicht. Die drei (nach realen Vorbildern modulierten) Hauptfiguren Sledge (Joe Mazzello), Leckie (James Badge Dale) und Basilone (Jon Seda) drohen zuweilen hinter ihren schlammverkrusteten Gesichtern ihre Persönlichkeit zu verlieren. Das Subjekt, es wird zur reinen militärstrategischen Verschiebemasse. Denn was ist eigentlich der strategische oder moralische Zweck der Marines im Dschungel? Die meisten von ihnen kennen ihn selbst nicht.
Die Fallschirmjäger in "Band of Brothers" kämpften ja bei aller Grausamkeit, der sie ausgesetzt waren, in einem üppigen sozio-historischen Resonanzraum: Sie befreiten Europa vom Dämon Hitler und brachten Frieden - dorthin, woher zum Teil auch ihre Vorfahren stammten. Die Marines in "The Pacific" indes hüpfen nun von einer namenlosen Insel zur nächsten. Konfrontiert mit einem propagandistisch verteufelten, ansonsten aber konturlosen Gegner wird der Stellungskrieg vor allem zum Kampf mit sich selbst.
Gelegentlich wurde diese Vereinzelung im pazifischen Nirgendwo bereits beschrieben; so in Norman Mailers 1948 veröffentlichtem Kriegsroman "Die Nackten und die Toten" oder in Terrence Malicks 1998 gedrehter Gewaltmeditation "The Thin Red Line". Doch während es über die Befreiung Europas Unmengen von Erzählungen in Wort und Bild gibt, sucht man nach einer universalen filmischen Geschichtsschreibung über die Mitglieder der "Greatest Generation" im Pazifik vergeblich - jedenfalls jenseits von Schlachtplatten wie der 1949 entstandenen mit dem Titel "Sands of Iwo Jima", wo John Wayne junge Marines über die Vulkaninsel peitscht. Erst Clint Eastwood eröffnete 2006 mit dem (von Spielberg co-produzierten) Double-Feature "Flags of Our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" einen offeneren, komplexeren Blick auf das Sujet.
Überlebende Japaner als Zielscheiben
Spielberg und Hanks (und mit ihnen ein Dutzend angeheuerter Drehbuchautoren und Regisseure) zeichnen fast die gesamte Invasion zwischen 1942 und 1945 nach: Guadalcanal, Cape Gloucester und Okinawa heißen die Etappen, bei denen sich fast immer der identische Stellungskrieg wiederholt. Dabei wird allerdings nicht darauf geachtet, dass alle Kampfplätze paritätisch ausgeleuchtet werden. Die schon vielfach thematisierte Schlacht auf Iwo Jima im Februar und März 1945 etwa bekommt nur eine halbe Stunde Sendezeit eingeräumt, die weniger bekannte auf Peleliu im Herbst 1944 dafür fast ganze drei.
Hier, auf einem grünen Felsen weit vor der Küste Neuguineas, setzten die Amerikaner Napalm ein. Insgesamt starben mehr als 10.000 Japaner in der Schlacht. Als patriotisches Projekt taugt "The Pacific" deshalb nur sehr begrenzt; die Gräuel des US-Militärs werden mit logistischer Grausam- und Genauigkeit ins Bild gesetzt.
Und was bedeutet das für den Einzelnen? Gleich im ersten Teil, kurz nachdem man unter den Palmen noch Kokosnüsse geköpft hat, mähen die Marines in der Nacht japanische Angreifer mit dem MG nieder. Am nächsten Morgen werden die überlebenden Japaner zum Spaß als menschliche Zielscheiben benutzt. Man schießt ihnen in Beine, Arme oder Schulter. Es ist eine der wenigen Szenen, wo den ansonsten gesichtslosen Angreifern in die Augen geguckt wird. Einer der amerikanischen Soldaten erschießt den schreienden Japaner schließlich.
Das kollektive Töten, es wird für einen Moment eine individualisierte Handlung. Aus diesem Südsee-Paradies geht niemand ohne Schuld heraus.
"The Pacific", donnerstags 22.10 Uhr, Kabel 1