Sandra Maischberger zum Brexit: Düstere Warnungen - DER SPIEGEL
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"Maischberger"-Talk: Wenn der Brexit kommt

Foto: WDR/ Max Kohr

"Maischberger"-Talk zu Brexit "Dann sind sie draußen"

Fliegt Europa auseinander, wenn die Briten gehen? Die Runde bei "Maischberger" erging sich in düsteren Warnungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Brexit. Allein das Wort schon! Der britische Rockstar Noel Gallagher sagte jüngst in einem Interview: "Mir gefällt, dass es nach Cerealien klingt - eine Schüssel voller Brexit!" Aber gut, das Problem ist ernst, und man kann die Frage auch auf ihren Ernst zuspitzen, wie es bei Maischberger geschieht: "Sprengstoff Brexit: Fliegt Europa auseinander?"

Francis Fulton-Smith, Schauspieler angelsächsisch-bayerischer Provenienz ("Familie Dr. Kleist"), ist als britischer Bürger geladen und hat das Referendum "lange für einen Scherz" gehalten. Die "Irrationalität" seiner Landsleute kann er sich nicht erklären, einen Ausstieg hielte für "Hochverrat" und großen Unsinn. Dächte man weiter und beispielsweise an Schottland, das sich entscheiden könnte, mit seinen Ölfeldern in der EU zu bleiben, dann gingen "in England die Lichter aus".

Ohne Briten keine Lust auf EU

Auch Wolf von Lojewski, langjähriger ARD-Korrespondent in London und "Kenner der britischen Seele" (Maischberger), betreibt launige Temperamentforschung. Er hält es für ein "unglückliches Ereignis, dass es diese Abstimmung überhaupt gibt" und droht: "Wenn die Briten aussteigen, verliere auch ich die Lust auf die EU". Die Briten seien nämlich "Realisten", mit denen bekomme man Dinge erledigt, und nicht solche "Wolkenschnitzer" wie die metaphysisch angekränkelten Deutschen.

Zugeschaltet aus London und bewehrt mit "Women for Britain"- und "Vote Leave"-Buttons am Revers wird Anna Firth zugeschaltet, konservative Befürworterin des Ausstiegs. Sie erklärt ganz realistisch, warum sie raus will. Es sei für "Großbritannien, das eine wachsende Wirtschaft hat, sinnlos, in einem herabsinkenden Block" wie der EU zu verweilen.

Lächelnd trägt sie schwer nachprüfbare Zahlen vor, wofür die Briten wieviel bezahlt hätten, und argumentiert mit einem "verlorenen Handelsumfang". Im Übrigen gebe es "eine stolze demokratische Tradition in diesem Land". Es störe die Briten, dass die EU-Kommission nicht abzuwählen sei. Nach ihrer Rechnung ginge es dem Vereinigten Königreich nach einem Ausstieg besser. Die Frau macht einen heiteren Eindruck.

"Es wird Turbulenzen geben"

Zumindest ihren Argumenten, und zwar allen, widerspricht die Runde bei Maischberger sogleich vehement. Jean Asselborn, luxemburgischer Außenminister, stört die Behauptung, die Kommission mache die Gesetze - dafür sei noch immer das europäische Parlament zuständig. Selbst Anja Kohl, ARD-Börsenexpertin und EU-Skeptikerin, korrigiert die Zahlen von Miss Firth.

Aus Marktperspektive prophezeit Kohl: "Es wird Turbulenzen geben, das Pfund wird wahrscheinlich abstürzen". Zwar redete man "über die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union", deren Ausscheiden nicht ohne Folgen für Deutschland und die übrigen EU-Länder bleiben werde. Allerdings würden sich auch zahlreiche internationale Unternehmen, für die London bisher ein "Brückenkopf" in die EU gewesen sei, "die Standortfrage stellen" müssen.

Asselborn assistiert, 430.000 englische Betriebe mit mehr als zwei Millionen Gehaltsempfängern würden allein in die EU exportieren. "Wenn die Briten morgen sagen, sie treten aus, dann sind sie draußen". Dann wäre das Vereinigte Königreich "ein Drittstaat" und müsse mit jedem EU-Land neue Verträge aushandeln.

Der Wirtschaftsjournalist Roland Tichy widerspricht und zeigt sich überzeugt, dass die Briten schon Lösungen finden würden, vor allem im Finanzsektor. Auch sieht er keine Gefahr von Zöllen - dass die nicht kämen, dafür würden BMW, Mercedes und VW schon sorgen. Ihn gruselt aber vor allem, dass Deutschland bei einem Wegfall des "marktwirtschaftlich denkenden" Großbritannien mit einem planwirtschaftlichen Frankreich alleine in Europa wäre.

Tichy kann nachvollziehen, dass "Brexisten" die EU als "undemokratisch" empfinden, und Wolf von Lojewski kann das auch: "Es ist nicht die perfekte Demokratie", und er wisse doch auch nicht, "wer mein Europa-Abgeordneter ist". Bevor er anheben und die Geschichte der britischen Entfremdung "bei Heinrich VIII." und dessen Ausstieg aus der katholischen Kirche beginnen lassen kann, bricht Asselborn eine Lanze für Europa.

"Die europäische Union ist kein Staat", sagt er, und auch kein "Föderalstaat mit Präsident" und allem drum und dran. Die Gemeinschaft habe es aber fertig gebracht, dass wir "70 Jahre Frieden haben in Europa". Der Euro und Schengen seien beispiellose Errungenschaften, erarbeitet auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs: "Wir haben den Nationalismus bekämpft!", und der komme gerade wieder.

Noch mehr Referenda?

Zwar ist sich die Runde einig, dass die Briten einen Kontrollverlust zugunsten der Brüsseler Bürokratie befürchten. Fremdenfeindliche Ressentiments unterstellt aber niemand einem Land, das Menschen aus allen Ländern seines zurückflutenden Empires aufgenommen hat - ganz unabhängig von deren Qualifikation.

Wirklich problematisch, unterstreicht Kohl, sei der dürftige Reformwillen der EU: "Europa hat Probleme, die immer wieder mit Pathos überkleistert werden". Womit die Frage der Sendung endlich aufs Tapet kam. Wenn die Menschen nicht mehr das Gefühl hätten, Europa löse ihre Probleme und mehre ihren Wohlstand, dann wählten sie den Ausstieg. Zumal, wie Tichy einwirft, die Regulierungswut der Gemeinschaft schade. Sie solle sich um die großen Probleme kümmern und "den Kleinscheiß" den Regionen überlassen.

"Wenn wir Europa zerstören wollen", seufzt Asselborn irgendwann, "müssen wir nur mehr Referenden abhalten" - "Kommt noch!", kündigt Kohl knapp an.

Womit wir wieder bei Noel Gallagher wären, dessen robuste Ausdrucksweise die zukunftsschwere Sendung ein wenig aufgelockert hätte. Politiker sollten tun, "wofür wir sie bezahlen, also das Land regieren und sich entscheiden. Was fragen sie denn das Volk? 99 Prozent der Leute sind dumm wie Schweinescheiße".