Mauerfall-Ratestunde mit Plasberg: Hart, aber Quiz - DER SPIEGEL
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Mauerfall-Ratestunde mit Plasberg Hart, aber Quiz

Nacktbaden, Sexualkunde und Rübermachen - bei Frank Plasbergs "Quiz der Deutschen" mussten Prominente aus Ost und West ihr Wissen über DDR und alte Bundesrepublik testen. Eines machte der ARD-Moderator klar: Das Thema ist ernst, Herumalbern war nicht erlaubt.
Stargast Liefers, Moderator Plasberg: Wer verliert, wird bestraft
Stargast Liefers, Moderator Plasberg: Wer verliert, wird bestraft

Stargast Liefers, Moderator Plasberg: Wer verliert, wird bestraft

Foto: NDR
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sache ist endlich geklärt, hat ja auch lange genug gedauert, zwanzig Jahre fast. Aber jetzt, wenige Tage vor dem Mauerfalljubiläum ist klar: Die Ossis sind besser. Man sollte sich da im Westen nichts vormachen. "Das Quiz der Deutschen" hat entschieden.

Und das ist schließlich nicht irgendein schnell hinproduziertes Ratespiel eines dahergelaufenen Privatsenders, sondern das Quiz der Deutschen im ersten deutschen Fernsehen, moderiert vom seriösesten Journalisten des ersten deutschen Fernsehens, Frank Plasberg. Was der Mann sagt, muss stimmen. Ein zweites Salbendesaster kann er sich nicht leisten, es geht jetzt mehr denn je um Faktensicherheit, um Entscheidungen, um Gewinner und Verlierer. Und Frank Plasberg hat bewiesen, dass er es noch kann.

Leicht hat es ihm die Redaktion allerdings nicht gemacht. Offenbar war der Ost-West-Vergleich irrtümlich als Unterhaltungssendung konzipiert und als solche in den Fernsehzeitschriften angekündigt worden. Der knallharte Verhörer hatte viel zu tun, den Zuschauern diese Erwartung auszutreiben. Hart, aber Quiz.

Auf der linken Seite für die Ossis angetreten: Sat.1-Moderator Kai Pflaume, "Tatort"-Kommissarin Simone Thomalla und der amtierende Krawattenmann des Jahres, Henry Maske. Rechts die Wessis, vertreten durch Hans Peter Geerdes, dem Publikum möglicherweise bekannt als H.P. Baxxter von der Band Scooter, wo er Kurzwörter ins Mikrophon brüllt, als hätte er das Rappen bei der NVA gelernt. Neben ihm Judith Rakers. Die moderiert die Nachrichten im Ersten, sie ist die Blonde mit den langen Haaren. Nicht die vom Wetter, die andere. Na also. Und daneben der Schauspieler Walter Sittler, Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2005 für seine Darstellung des Dr. Schmidt in der 2005 eingestellten RTL-Serie "Nikola".

Kai Pflaumes Arschbombe

Und allen gegenüber, allein gegen Deutschland: Frank Plasberg, unerbittlich, ehrgeizig. Dass es nicht gut geht, wenn Plasberg auf Unterhaltung trifft, hatte er wohl schon selbst gemerkt. Vor einiger Zeit war Plasberg bei "Wer wird Millionär?" Promi-Gast und verzweifelt darum bemüht, lustiger zu sein als der Gastgeber. Es klappte nicht. Überhaupt nicht. Es war ein Wunder, dass Günther Jauch ihn nicht schon bei der 16.000 Euro-Frage vom Stuhl gemobbt hat. In dieser Nacht hat Frank Plasberg wahrscheinlich beschlossen, nie wieder lustig zu sein oder nett. Oder es auch nur zu versuchen.

Was wissen die Ossis über die Wessis? Und die Wessis über die Ossis? Und vor allem: was nicht? Diese Fragen waren zu klären, und diese Fragen wurden geklärt. Mit welchen Worten verbat sich die frühe DDR-Obrigkeit das Nacktbaden? Stand wirklich in einem Sexualkundeatlas (West), dass Samenergüsse die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen? Mag schon sein, dass solche Fragen nur gestellt worden waren, um einige historische nackte Brüste einspielen zu können. Mag sein, dass die Gäste sie zum Anlass nehmen wollten, ein wenig herumzualbern.

Aber nicht mit Plasberg. Er sagte, was Sache ist. Und wer verliert, wird bestraft. Das ist ernst hier, daran ändert auch sein glänzendes Jackett nichts. Kai Pflaume gab zum zweiten Mal in Folge eine falsche Antwort? Ins "Fettnäpfchen" sei er getreten, schon wieder, tadelt Plasberg. Eine "Arschbombe" habe er da hingelegt! Das West-Team hat keine Ahnung von den Lebensmittelpreisen in der DDR? "Flaschen" seien seine Gäste, konstatiert Plasberg. Kein Wunder, dass Nachrichtenfrau Rakers bald schon keine Lust mehr hatte, ständig aufgerufen zu werden: "Ich schon wieder?", stöhnte sie. Aber Plasberg blieb hart.

Bald schon traute sich kein Gast mehr, einen Scherz zu machen. Und als die Ossis erzählten, wie das so war im Osten und mit dem Rübermachen, da kehrte endlich die Ruhe und Ernsthaftigkeit ein, die das Thema verdient hat. Ossi berichtet, Wessi schweigt nachdenklich und hört einfach nur mal zu, so wollte es Wolfgang Thierse, und so wurde es. Alles schweigt, nur H.P. Baxxters Piercing blitzt im Lampenlicht.

Und dann sagte Walter Sittler, dass er zwar froh sei, im Westen aufgewachsen zu sein, aber: "Ein paar Sachen aus dem Osten hätte ich schon gerne erfahren." Das waren große Worte, der Stunde angemessen. Als dann auch noch Jan-Josef Liefers auftrat und Ost-Lieder sang, die ihm "früher etwas bedeutet haben", da konnten alle mitklatschen, akkurat im Takt, da wurde es so richtig schön deutsch. Am Ende verkündete Günter Schabowski noch mal, dass das, äh, unverzüglich gilt - auch für die nochmalige Ausstrahlung dieses historischen Ausschnitts ist zu danken, wir wüssten es nämlich sonst nicht so genau.

Die Ossis sind also besser als die Wessis. Aber das macht nichts, das spaltet nicht, denn eines vereint sie wieder, alle Deutschen, und das ist das eigentliche Ergebnis des Quiz der Deutschen im ersten deutschen Fernsehen: Ost wie West, ganz egal, alles Flaschen außer Frank Plasberg.