MDR-Krimi: Probier's mal mit Gemütlichkeit
MDR-"Polizeiruf 110" Betreutes Ermitteln
Wie in Zeitlupe schieben sich die Arme durch die Luft, extrem langsam dreht sich der Kopf. Hauptkommissar Herbert Schneider (Wolfgang Winkler) steht am Ufer der Saale und trainiert Tai Chi. Als ihn Hauptkommissar Herbert Schmücke (Jaeckie Schwarz) zum nächsten Fall abholen will, erklärt ihm Schattenboxer Schneider erstmal, was er da überhaupt macht. Dabei sind seine Slowmotion-Bewegungen nichts neues für den Kollegen - viel schneller ist Schneider bei der Arbeit auch nicht. Oft fragt man sich: Grübelt der noch oder schläft er schon?
Es soll Leute geben, die das entschleunigte Ermitteln der beiden TV-Beamten im Hallenser "Polizeiruf" beruhigend finden, die Quoten jedenfalls sind konstant passabel. Es gibt aber Leute, die drohen beim Kriechen und Siechen der beiden vor dem Fernseher einzuschlafen.
Irgendwie verständlich, denn in menschliche Abgründe schauen die beiden Kommissare ratlos wie Schrebergärtner auf den überquellenden Komposthaufen, und die Lösungen ihrer Fälle knobeln sie zusammen wie Rentner das Kreuzworträtsel am Küchentisch. So auch in der neuen Episode "Leiser Zorn", in der es um den Mord in einer Hochhaussiedlung geht, den sie mal wieder tiefenentspannt wie die Tai-Chi-Gurus angehen.
Die Leiche inspizieren? Nicht mit meinem Rheuma!
45 Mal ging das jetzt bereits so, insgesamt schlurfen Schmücke und Schneider schon seit mehr als 15 Jahren durch die deutsche Krimilandschaft. Vor ein paar Folgen haben sie mit Oberkommissarin Nora Lindner (Isabell Gerschke) endlich eine junge Kollegin an die Seite bekommen, die ihnen den Computer anstellt, anstrengende Verfolgungsjagden abnimmt und sich bei der unvermeidlichen Tatort-Visite auch mal zur Leiche runterbeugt. Betreutes Ermitteln nennt man so was wohl.
Damit kein Missverständnis aufkommt: An dieser Stelle soll ganz bestimmt keine Altersfeindlichkeit geschürt werden. Einige der besten Ermittlerdarsteller im deutschen Fernsehen sind weit über 60. Senta Berger etwa, Hauptdarstellerin der ZDF-Reihe "Unter Verdacht", wird dieses Jahr 70 - und stattet ihre Rolle mit einer Wachheit und Gewitztheit aus, von der die rund fünf Jahre jüngeren Graubrot-Kommissare vom MDR nur träumen können.
Am Sonnabend ist das noch mal sehr schön in der Episode "Laufen und schießen" zu sehen, die im letzten Jahr bereits auf Arte Vorpremierefeierte. Wie sich Berger hier mal wieder als interne Ermittlerin Dr. Eva Maria Prohacek aus ihrem Kellerbüro in die Münchner Honoratiorenschaft hinaufschnüffelt, wie sie unauffällig und doch zielgenau die Herren Chefs über die Klinge springen lässt, ist blitzgescheites Ermittlerfernsehen, das ohne Hightechgimmicks oder Körperverrenkungen ein hohes Maß an Tempo und Modernität vermittelt.
Dass die Kollegen aus Halle im Vergleich nicht so recht in die Puschen kommen, verwundert umso mehr, wenn man weiß, dass Schmücke-Darsteller Jaecki Schwarz auch anders kann. In jungen Jahren einer der begabtesten Heißsporne der DEFA (Konrad Wolfs "Ich war neunzehn"!), hat er in der ZDF-Krimi-Reihe "Ein starkes Team" eine wirklich starke Sidekick-Rolle: Bei der Konkurrenz gibt er den windigen Polizeikneipenwirt Sputnik, der mit immer neuen bizarren Geschäftsideen auftrumpft. In der Figur des Gastro-Unternehmers mischt sich Zonen-Mangelwirtschaftspfiff ganz wunderbar mit stets im großen Maßstab denkendem neudeutschen Kapitalistentum.
Wenn Schwarz diesen Sonntag aber in "Leiser Zorn" (Buch und Regie: Thorsten Näter) an der Seite von Wolfgang Winkler in Hallenseher Hochhäusern die Treppen hoch- und runterschnaubt, ist davon leider nichts zu spüren. Dabei geht es um große Themen, um jugendliche Todessehnsucht und gescheiterte integrative Schulkonzepte, um Arm und Reich auf engstem Raum, um umfassende gesellschaftliche Umbrüche.
Doch wo Jaecki Schwarz' ZDF-Alter-Ego Sputnik die sozialen oder ökonomischen Umbrüche im Blick hat, da nimmt der MDR-Alte nur eines ins Visier: die Pension.
"Unter Verdacht: Laufen und schießen", Sonnabend 20.15 Uhr, ZDF;
"Polizeiruf: Leiser Zorn", Sonntag 20.15 Uhr, ARD