Meuchelbeck: Provinzpfuhl mit Kauzpersonal - DER SPIEGEL
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WDR-Serie "Meuchelbeck": Behaglich wegdösen

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WDR-Serie "Meuchelbeck" Kulturschock am Niederrhein

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Krawumms! War ja klar: Wer in die Provinz fährt, rammt erst mal eine Kuh. Immerhin hat das verunfallte Rindvieh in "Meuchelbeck" ein frisches Einschussloch - war es also Mord?

"Meuchelbeck", eine sechsteilige Serie, ist Teil der Innovationswochen des WDR, doch nach den ersten paar Minuten der Auftaktfolge möchte man eher behaglich wegdösen, als elektrisiert von so viel Neuformatigkeit am Bildschirm zu kleben.

Die Grundidee jedenfalls ist aus zu vielen Vorabend-Schmonzetten bekannt: Irgendwer verlässt seine vertraute Umgebung, um ganz woanders neu anzufangen, und erlebt einen Kulturschock. Weil: Alles voll anders hier! Oder, im Meuchelbeckschen Fall: Eigentlich genau gleich. Denn Markus Lindemann (Holger Stockhaus) kehrt nach 20 Jahren Abwesenheit und Berlinleben zurück an den Niederrhein, in den Ort, in dem er aufgewachsen ist und den er kurz nach dem Abi hastig verlassen hat. Begleitet wird der Witwer von seiner halbwüchsigen Tochter Sarah (Janina Fautz), die keine Lust auf die Zwangs-Provinzierung hat und permanent Hilfe-Chatnachrichten absetzt.

So weit die grobe Grundidee von Autor Stefan Rogall, ein Setting, das man zum Beispiel auch aus der US-Serie "Suburgatory" kennt: Auch hier zieht ein alleinerziehender Vater mit seiner extrem widerwilligen Teenager-Tochter aus der großen Stadt (hier: New York) in die außerurbane Vorhölle - in "Meuchelbeck" heißt die deprimierende Familienpension, in der beide unterkommen, tatsächlich auch "Zum Höllentor".

Doch während das Vater-Tochter-Gespann in "Suburgatory" in der übergrinsigen Stepford-Quietschbuntwelt einer amerikanischen Upper-Middleclass-Vorstadt landet, ist "Meuchelbeck" ein deutscher Provinzpfuhl mit Hang zu Trottelpersonal: Die einzige Polizistin des Ortes trägt Tanzschuhe, weil sie im Dienst Schrittfolgen übt, und ist nach 20 Jahren immer noch kindisch verknallt in den Rückkehrer Markus.

In Ermangelung eines Allgemeinmediziners lässt sich die Landbevölkerung vom Tierarzt behandeln, der privat mit einer Ziege zusammenlebt (wenn schon keinen Menschenarzt, hat Meuchelbeck immerhin einen japanischen Pfarrer). Der lebensmüde Dorfpfarrer benötigt selbst am dringendsten ein bisschen Seelsorge. Dann gibt es noch den zotteligen Kauz (Claus Dieter Clausnitzer, der "Vadder" aus dem Münster "Tatort"), der eine Puppen-Nachbildung seiner verstorbenen Frau auf der Schulter herumträgt.

Das ist sicher alles irgendwie mystery-mäßig gemeint, schon die nach "Breaking Bad"-Art eierig-leierige Titelmelodie schreit: Hallo, schräg! Doch dann bleibt zum Auftakt zu vieles Klischee: Markus' überknorrige Schwester Mechthild zum Beispiel. Oder eine übertrieben oft thematisierte, an unpraktischer Stelle eingezogene Wand in der Familienpension, die natürlich ein eingemauertes Geheimnis beherbergt - was ein leidlich erfahrener Seriengucker nach etwa fünf Minuten weiß.

"Meuchelbeck" soll nach den Vorstellungen des WDR ein Ort sein, "wo verborgene Sehnsüchte und gepflegte Lebenslügen für eine explosive Mischung sorgen". Tatsächlich braucht es ein paar Folgen gutwilliges Durchhaltevermögen, bis sich die so sehr gewollte Skurrilität der Figuren langsam weiter entknittert, die Handlung tatsächlich bizarrer wird. Kann man sich ansehen, wenn man einmal sehr viel Zeit hat - vielleicht gestrandet in einer vergilbten Pension am Niederrhein.

"Meuchelbeck" ist ab dem 24. August 2015 immer montags um 20.15 Uhr im WDR zu sehen. In der Mediathek sind unter wdr.de/mediathek  bereits alle Folgen der ersten Staffel verfügbar.

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.