"Millionärswahl" auf ProSieben - DER SPIEGEL
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Neue ProSieben-Show "Millionärswahl" Der Volks-Geldsack

Junge Athleten sind athletisch, alte Säcke machen Musik, einer will bloß Geld ausgeben: Als Castingshow neuen Typs darf bei der "Millionärswahl" auf ProSieben jeder machen, was er kann, jeder darf über alles entscheiden. Doch Demokratie ist wohl das schlechteste aller Show-Konzepte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vielleicht werden Castingshows eines Tages an dieser Geste scheitern. Hand am Kopf, der kleine Finger zum Kinn abgespreizt, der Daumen zum Ohr, dazu ein Grinsen angeknipst. Diese Geste bedeutet: "Hey, ruft für mich an!", man mag sie einfach nicht mehr sehen und sieht sie doch, neuerdings in "Die Millionärswahl". Wie könnte es auch anders sein? Die Show ist eine Kreuzung aus "Das Supertalent" und "Voice of Germany". Anders als "Das Supertalent" und "Voice of Germany" ist "Die Millionärswahl" aber auch ein Wagnis.

Über 25.000 Bewerber haben sich mit ihren Talenten, Geschichten, Tricks, Liedern oder Späßen im Internet beworben. In acht Sendungen immer donnerstags und freitags stellen sich die 49 in die Sendung gewählten Teilnehmer oder Teams "der Realität des Fernsehens", was auch immer das nun wieder sein soll. Der Witz besteht darin, dass Publikum, Zuschauer und die Kandidaten selbst Punkte verteilen können. So soll gewährleistet werden, was der Sender die "erste demokratische Wahl eines Millionärs" nennt. Moderiert wird das Spektakel von der leider wirklich irritierend an Katrin Bauerfeind erinnernden Jeannine Michaelsen, Elton steht dekorativ daneben.

Kein Diktator Bohlen, keine Eiskönigin Klum. Als Castingshow neuen Typs darf hier jeder über alles entscheiden, und machen darf auch jeder, was er gerade kann. Diese Offenheit in alle Richtungen ist der Vorteil und zugleich der Nachteil einer Sendung, die mal "Junge Athleten sind athletisch", mal "Alte Säcke machen Musik", mal "Deutschland sucht das Super-Start-up" heißen könnte. Diesmal dominierten Athleten aus telegenen Randsportarten wie "Extreme Freedropping", "Calisthenics" oder Breakdance. Gedroppt wird aus 70 Metern Höhe vom Dach der Arena auf Schalke in ein Luftkissen, die Calistheniker betreiben eine Art synchrones Kraftklimmzugtraining, während im Breakdance seit ungefähr 1984 leider keine neuen Moves mehr dazugekommen sind. In den nächsten Folgen gibt's dafür dann noch Parcour, Motocross und Rollstuhlskating.

Runterspringen, Rückenmark, Rolex-Uhren

Zum Wettbewerb gehört hier nicht nur die Leistung. Sondern auch die Ankündigung, was mit dem Gewinn passieren soll. Einer will sich beispielsweise einen Berg zum Runterspringen kaufen, die Rückenmarkforschung voranbringen und seine Mutter auszahlen, die sein sinnloses Hobby die vergangenen zehn Jahre finanziert hat. Andere wollen einen Schrebergarten kaufen und nach "Vegas!" fliegen, wenn's klappt. Ein besonders cleverer Kandidat trat mit nichts anderem an als dem Versprechen, die Million "zusammen mit meinen Wählern" zu verprassen . Reise auf die Malediven, Kreuzfahrt, Rolex-Uhren, Luxushandtaschen "für die Mädels", alles. Die Idee war eigentlich ganz sympathisch, weil demokratisch, fast populistisch, weil hier das "soziale" Element der Show kurzerhand mit einem heiter-hedonistischen Geldverschleuderungsversprechen kurzgeschlossen wurde.

Ebenfalls sozial gab sich ein Paar, dass sich der zwanglosen sexuellen Aufklärung per YouTube verschrieben hat. Gibt es multiple Orgasmen bei Männern? Wie bastele ich mir aus Spülhandschuhen und Schwämmen eine künstliche Vagina? Und: "Ein Apfelkuchen, was kann man denn damit machen? Wie warm darf der sein?" Mit dem Geld wollten die beiden eine App programmieren lassen, eine Hotline einrichten, DVDs produzieren, Bücher veröffentlichen, was Oswald Kolle eben alles so machen würde, wäre er nicht schon tot.

"Das machst du super, jetzt ohne Scheiß!"

Zwar tauchte aus den Trockeneisnebeln der Vergangenheit kurz die nicht eben legendäre Krautrockband Gift wieder auf, die sich vor 40 Jahren aufgelöst hat und es "jetzt wieder wissen will" - blieb aber chancenlos. Ganz anders als der fast schon schmerzhaft sympathische Patenonkel eines kleinen Kindes, das mit einem unheilbaren Gendefekt geboren wurde. "Weil sie nicht kämpfen kann, kämpfe ich für sie", sagt er und macht das auch, um ihr von dem Geld ein "behindertengerechtes Zuhause" zu bauen. Im Internet-Wahlkampf hat er schon viel Gutes getan, Spielplätze von Müll befreit oder für Obdachlose gekocht. In der Sendung wird er auf andere Weise gefordert. Weil er versehentlich seine Höhenangst gestanden hat, soll er "House Running" betreiben und eine Hochhauswand senkrecht an Seilen herunterlaufen. Den Mann packt schon bei der Ankündigung der Prüfung das Zittern, es kommen ihm die Tränen, und schlotternd sitzt er später auf der Kante, kippt nach vorne ins Nichts, hängt dann hechelnd und heulend im Wind, Todesangst live, während Elton ruft: "Ich bin da voll mit dir, das machst du super, jetzt ohne Scheiß!"

Eine eher zweifelhafte Sternstunde der TV-Unterhaltung, aber der einzige Moment, wo es dem Zuschauer vor dem Fernseher nicht völlig egal gewesen sein konnte, was da gerade passierte. Weil da jemand, wie die Sendung selbst, etwas wagte. Am Ende aber erlosch auch dieser letzte Funke der Anteilnahme, als wider Erwarten der Breakdancer das Rennen machte - einfach, weil die Krautrocker für die finale Punktevergabe offenbar zu schusselig waren. Und so muss man in Anlehnung an Winston Churchill leider sagen: "Demokratie ist das schlechteste aller Show-Konzepte - ungeachtet aller anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert werden."