"Mindhunter": Ermittler am Abgrund
FBI-Serie "Mindhunter" Die Psyche, der alte Killer
"Warum hat er es getan? Was hat er gesagt?": Ein Barbecue-Besucher im Garten von FBI-Agent Bill Tench wird plötzlich ganz wuschig, als das Berufsfeld des Gastgebers zum Konversationsthema am Burgergrill wird.
Tench, der zuvor sein Interview mit Massenmörder Richard Speck erwähnt hatte, winkt ab: "Glauben Sie mir, das wollen Sie nicht wissen." Aber sicher wollen wir das, ruft daraufhin einer der anderen Gäste.
Ende der Siebzigerjahre, in der beginnenden Mediengesellschaft, sind die sogenannten Serienkiller längst Berühmtheiten, Celebrities. Das Grausame ihrer Taten, das Unerklärliche und Abgründige ihrer Methoden und Motivationen ist ebenso abstoßend wie faszinierend - und so ist die Barbecue-Szene aus der ersten Episode der neuen Staffel von "Mindhunter" auch ein Spiegel des Zuschauerkitzels, den Showrunner Joe Penhall und Produzent David Fincher hier nicht ohne Ironie installieren.
"Mindhunter": Ermittler am Abgrund
Denn "Mindhunter", eine exzellente Netflix-Serie, die bisher bei Publikum und Preisverleihungen leider weitgehend missachtet wurde, lockt den Zuschauer mit der Verheißung auf splatterndes Spektakel à la "Hannibal", um dann alles andere als blutige Gräuel zu zeigen. Die einzigen verstümmelten Leichen, die es in der Serie zu sehen gibt, blitzen wie subliminale Botschaften in der Titelsequenz auf, die eigentlich nur dröges, technisches Ermittlungs-Equipment zeigt: Der Ansatz von "Mindhunter" ist weniger anatomisch als zerebral. Sattsam in Medien und Unterhaltungsindustrie verhandelte Bilder des Grauens schillern ohnehin schon im Kopf des Betrachters herum, sie müssen nur noch getriggert werden. Das lässt Raum für das Drama der Ermittler, der Psychologie hinter den Verbrechen auf die Spur zu kommen.
Nun könnte man sagen: Agenten, die auf Akten starren und in schäbigen Büros oder Automobil-Interieurs Ermittlungsprozeduren diskutieren - das bietet auch jede beliebige Episode von "Derrick", "Tatort" oder "True Detective". Das stimmt. Aber dennoch weiß "Mindhunter" auf besondere Art zu fesseln.
Manson als Gimmick
Die Serie basiert auf den Büchern des ehemaligen FBI-Ermittlers John Douglas, der das heute allgemein gebräuchliche, jedem Thriller-Fan vertraute Täter-Profiling in den Siebzigerjahren erfunden hat. Angesichts des wachsenden Phänomens der Serienmorde - vom Krankenschwester-Killer Richard Speck über "Son of Sam" David Berkowitz bis zum nekrophilen Ed Kemper - testete das FBI ab 1977 jene Behavioural Science Unit (BSU), um deren verhaltensforschende Arbeit sich "Mindhunter" dreht.
Der kluge, aber auch autistisch bis zur Empathielosigkeit wirkende Profiler-Pionier Holden Ford (Jonathan Groff), dessen drohender Überidentifikation mit seinen Mördersubjekten vor zwei Jahren die erste Staffel gewidmet war, hat den echten John Douglas zum Vorbild. Neben anderen realen Killern kommt in dieser Staffel auch Serienmörder-Promi Charles Manson vor, angemessen irre dargestellt von Damon Herriman, der Manson auch in Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" verkörpert. Mehr als ein weiterer Trigger, ein Gimmick zum 50. Jahrestag der Morde am Cielo Drive, ist er hier jedoch nicht.
Durch die realen Vorbilder erhalten die Interviewszenen mit den FBI-Agenten und den Killern, zumeist in Gefängnissen geführt, allerdings einen dokumentarischen Reiz: All das ist - schauder, grusel - abseits aller Fiktionalisierung und dramaturgischer Freiheit wirklich passiert!
Polizeiarbeit wird zum Gesellschaftspanorama
Zugleich wird der Zuschauer in eine spektakulär akribisch ausgestatte Siebzigerjahre-Vergangenheit geworfen, die Serienmörder-Spezialist Fincher ("Zodiac", "Sieben") in das für sein Kino typische, grünlichgelbe Farbschema taucht. Dieser hyperreal getönte Zeitgeist legt den Ermittlern bei ihrer mentalen, in der Praxis unerprobten Puzzlearbeit zusätzliche Fallstricke: Das Polizei-Prozedere wird zum Gesellschaftspanorama.
So scheitert der von Panikattacken gebeutelte Holden mit seiner nassforschen Analyse der "Atlanta Child Murders" von 1981 in der damals boomenden Südstaatenmetropole an den dort schwelenden Rassenkonflikten: Sein Täterprofil eines schwarzen Serienkidnappers passt so gar nicht in die Agenda der schwarzen Elternaktivisten und schon gar nicht in den Kram des schwarzen Bürgermeisters und seines Polizeipräsidenten, denen es lieber wäre, man könnte den verhassten Ku-Klux-Klan für die Taten verhaften.
"Mindhunter" - Trailer zur 2. Staffel ansehen:
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Die Ermittlung, in den letzten Episoden meisterhaft in Szene gesetzt vom (schwarzen) Regisseur Carl Franklin ("One False Move"), gerät in die Mühlen der Bürokratie und politischen Interessenkonflikte - und offenbart zugleich die zahlreichen blinden Flecken der vorrangig weißen Beamten gegenüber afroamerikanischen Befindlichkeiten und Lebensrealitäten. Woran sich auch in der Gegenwart nicht viel geändert hat, Stichwort racial profiling.
Betont nüchterne Inszenierung
Ähnlich frustrierend geht es auch in den Nebenhandlungen zu. Hauptfigur dieser Staffel ist Holdens zum jovialen Stoizismus neigender Partner Bill Tench (Holt McCallany), der auf seinen übereifrigen jungen Kollegen aufpassen soll. Dem neuen Chef der BSU-Abteilung ist sehr daran gelegen, die neue Profiling-Methode zum Erfolg zu führen - und manipuliert die Agenten, ohne dass sie es merken, mit denselben Interviewtaktiken, die sie in ihren Interviews anwenden, um die Mörder aus der Reserve zu locken.
Als Bills eigener Adoptivsohn Teil eines düsteren Verbrechens wird, bröckelt seine an Erfahrung und Pragmatismus geschulte Resilienz. Und auch die sonst messerscharf analysierende Psychologin Wendy Carr (Anna Torv), die dritte im BSU-Bund, strauchelt in der Konfrontation mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Devianz als Lesbe, als ihre Affäre mit der fordernden Barfrau Kay (Lauren Glazier) kompliziert wird. Hilfloser hat man Ermittler im Fernsehen schon lange nicht mehr gesehen - und das will was heißen.
Durch die betonte Nüchternheit der Inszenierung, die sich selbst in der letzten Episode noch aufreizend viel Zeit lässt, die langwierige Überwachung einer Brücke in Georgia samt schönster Stake-out-Langeweile zu zeigen, entfalten die drei kinoerprobten Staffel-Regisseure Fincher, Franklin und Andrew Dominik ein sezierendes Psychodrama. So enervierend wie genüsslich bremst es die allzu beruhigende Fortschrittsvorstellung aus, man könne Psychotisches und Soziopathie mit Wissenschaft und cleverer Analyse in Muster und Profile bannen.
"Mindhunter": Die komplette zweite Staffel ist seit 16. August auf Netflix verfügbar.
Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde die Rolle von Mark Olshaker, der zusammen mit dem ehemaligen FBI-Agenten John Douglas Bücher über Profiling geschrieben hat, falsch dargestellt. Wir haben den Fehler korrigiert.