"Mission Familie" auf Sat.1 - DER SPIEGEL
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"Mission Familie" auf Sat.1: Diagnose Selbstherrlichkeit

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"Mission Familie" auf Sat.1 Einfach mal auf den Boden werfen und schreien

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Markenschwindel? Die Doku-Soap "Mission Familie" bei Sat.1 sieht nicht nur aus wie die "Super Nanny" - es ist das gleiche in den USA eingekaufte Format. RTL gab die Rechte nach dem Abgang von Katharina Saalfrank frei, Sat.1 griff zu und präsentiert nun Psychologin "Doktor Alina Wilms, aber du darfst gerne Alina zu mir sagen!"

Ein bisschen ist es also wie mit diesen aktuellen Modellen von Lancia, unter deren Blech sich einfach nur Chryslers verbergen, weil beide Marken zu Fiat gehören. Unter dem Blech bleibt es freilich das bewährte Format, in dem psychologische Probleme fernsehgerecht gelöst werden - wobei selbstverständlich auch der Voyeurismus der Zuschauer nicht zu kurz kommt.

Probleme haben die Eltern mit dem kleinen Jannik, acht Jahre alt und keines jener Kinder, die man spontan ins Herz schließen möchte. Insgesamt hat er schon fast 300 Tage seines Lebens in Kliniken damit verbracht, sich "helfen" zu lassen. Zwei Mal war er stationär in der Kinderklinik, zwei Mal in der Tagesklinik, hat zwei Ergotherapeuten, zwei Schulpsychologen, zwei Psychotherapeuten, drei Ostheopathen und eine Naturheilpraktikerin sowie eine - so verzweifelt sind die Eltern inzwischen - Handauflegerin verschlissen.

ADHS? Schnickschnack!

Schulwissen und Scharlatanerie waren nicht völlig zwecklos. Jetzt verfügen die Eltern über einen ganzen Katalog an Fachbegriffen, mit denen ihr Sohn diagnostiziert wurde. Neben ADHS leidet Jannik unter einer Störung im Sozialverhalten, mangelnder Impulskontrolle, oppositionellem Verhalten, einer hyperkinetischen Störung, reaktiver Bindungsstörung sowie einer organischen Verhaltensstörung aufgrund einer Schädigung des Gehirns.

Die Eltern bekennen: "Wir weinen ganz viel über sein Verhalten", und wirklich wird zu emotionalisierender Hintergrundmusik kräftig geschluchzt und gebarmt, während die Psychologin aus professioneller Distanz zuschaut und wissend nickt. Sie wird das Problem lösen, nebenbei die Eltern therapieren und auch den Zuschauern praktische "Praxis-Tipps" mit auf den Weg geben. Für den Fall, dass diese auch einen Jannik zu Hause haben sollten.

Einer dieser Tipps besteht in der guten alten "paradoxen Intervention". Damit wird das provokante Verhalten des Kindes entweder ignoriert oder sogar noch übertroffen. Wenn also das Kleine an der Supermarktkasse durchdreht, "trampelt, sich auf den Boden wirft und schreit", was für "die Eltern eine peinliche Situation" ist, dann sollen die Eltern das doch einfach auch mal tun. Also trampeln, schreien und sich beispielsweise bei Rewe auf den Boden werfen.

Bei Jannik, wen wundert's, verfängt die Methode ebenso wie jede andere aus dem Werkzeugkasten einer Familienberaterin. So erklärt Alina Wilms die modische Diagnose ADHS zur "modischen Diagnose", mit der Ärzte "heutzutage" viel zu schnell bei der Hand seien.

Wie auch bei Jannik, dessen Problemen vielmehr eine "frühkindliche Traumatisierung" zugrunde liegt. Was zwei Ergotherapeuten, zwei Schulpsychologen, zwei Psychotherapeuten, drei Osteopathen und eine Naturheilpraktikerin sowie einer Handauflegerin entgangen sein muss. Klingt absurd, aber genau um dieses Versprechen geht es bei diesem Format, es ist sein Erfolgsgeheimnis. Wer an seiner grundsätzlichen Therapiebedürftigkeit zweifeln sollte, den macht "Mission Familie" wieder therapiefähig.

Nicht nur lacht, weint und denkt das Fernsehen an unserer Stelle. Es löst auch unsere Probleme.