Reality-Doku "Catwalk 30+": Alter schützt vor Schönheit nicht
Reality-Show "Catwalk 30+" Wie bei Klum, nur mit Falten
Auf ein bestimmtes Geschlecht zugeschnittene Fernsehsender funktionieren, indem sie besonders plakativ in den Niederungen der Rollenklischees wildern. So feiert der Männersender DMAX seit acht Jahren die gute alte Zeit mit Doku-Formaten über Tätigkeiten wie Krokodiljagd oder Metallschweißen - was Männer halt so getrieben haben, bevor die Emanzipation sie verriet.
Jetzt hat DMAX' Mutterkonzern Discovery ein Gegenstück für Frauen auf den deutschen Markt geworfen. Im Programmschema des neuen Senders TLC, der letzte Woche an den Start gegangen ist, reihen sich Backsendungen an Brautmoden-Magazine und Reality-Dokus, in denen ein plastischer Chirurg verpfuschte Schönheits-OPs ausbügeln soll. Der Sender informiert dazu übrigens auf diese Weise: "Bereits eine Blondierung, die Haare in Holzwolle verwandelt, kann Frauen unglücklich machen."
Vorzeigestück des Senders ist aber nicht eines der vielen US-Formate, sondern die eigenproduzierte Casting-Dokusoap "Catwalk 30+". In jeder Folge kämpfen drei Frauen über 30 in verschiedenen Wettbewerben um einen Vertrag bei einer Modelagentur.
In der ersten Ausgabe schneit Moderatorin Jana Ina Zarrella - wie immer Typ aggressive Umarmerin, die erst fragt, ob sie reinkommen darf, wenn sie längst mitten im Wohnzimmer steht - bei den ausgewählten Kandidatinnen zufällig vorbereitet vorbei. Es folgen die Erzählkonventionen der Model-Reality: Fotoshootings, Product-Placement bis zur Teleshopping-Grenze. Und immer wieder das gnadenlose Wechselspiel zwischen Kritik und Optimierung vor einer Jury: Jessica "hat Probleme mit dem Lächeln", Eva muss mehr "Disziplin an den Tag legen, was ihr Äußeres betrifft", Anna Maria wirkt "etwas künstlich".
Geschäftiges Durchcasten
Dass die Würde der Frauen auch in dieser Sendung selbstverständlich nicht unangetastet bleibt, liegt der Standardsituation Modelcasting per se zugrunde. Eine Haltung der Sendung selbst - wie bekloppt, schrill und fragwürdig sie auch sein mag - sucht der Zuschauer darüber hinaus vergebens. Die naheliegendste wäre wohl, dass man nie zu alt ist, um den Modeltraum zu leben.
Für Models über 30 gelten andere Regeln, informiert die Voice-over-Stimme auch tatsächlich am Anfang der Sendung. Aber in den folgenden knapp 45 Minuten sind es dieselben wie bei "Germany's Next Topmodel". Nur mit Falten.
Die drei Kandidatinnen zwischen 33 und 40 bezeichnet auch Zarrella hin und wieder wenig altersgemäß als "Mädchen". Im Gegensatz zu Heidi Klums Herde von Minderjährigen haben die drei aber genug Lebensruhe weg, um nicht selbstvergessen gegen die Konkurrenz zu hetzen. Und brechen auch nicht in Tränen aus, wenn Zarrella ihren Traum von der Modelkarriere beim finalen Aussieben abmoderiert. Voyeuristisches Ausschlachten? Fehlanzeige.
So wird geschäftig durchgecastet. Identifikation ist schlecht möglich, wenn man über die Protagonistinnen kaum etwas erfährt, das über Bauchbinden zu Berufs- und Beziehungsstatus hinausgeht. Der einzige wirkliche Abgrund liegt dann nicht im Geschlechterklischee, sondern gemeinerweise beim Zuschauer selbst. Der muss mit Erschrecken feststellen, dass er nach neun Staffeln Klum-Kosmos mit immer wieder erst verletzlichen, dann verletzten Minderjährigen offenbar so abgebrüht ist, dass ihn das altersreife "Catwalk 30+" einfach nicht aus der Reserve locken kann.
"Es ist jetzt so", sagt eine Kandidatin schulterzuckend, als Zarrella mitteilt, dass sie nicht die Gewinnerin ist. Und man erwischt sich beim Zuschauen dabei, dass sogar das Prinzip Modelcasting plötzlich ganz okay wirkt, wenn der Umgang damit so altersweise gelassen daherkommt. Doch dann doziert die Moderatorin Jana Ina Zarrella, dass das Lächeln von Kandidatin Eva "eine Gefahr" sei. "Weil ihr Mund so groß ist, kommt ganz schnell Zahnfleisch raus."
Und es fällt einem wieder ein, dass hier eine fremdbestimmte Frauenbeschau der übelsten Sorte stattfindet.
"Catwalk 30+", Montag, 20.15 Uhr, TLC