Olive Kitteridge: HBO Serie mit Frances McDormand - DER SPIEGEL
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US-Serie "Olive Kitteridge" Depression deluxe

Böser Blick in die Welt: Olive (Frances McDormand)
Böser Blick in die Welt: Olive (Frances McDormand)

Böser Blick in die Welt: Olive (Frances McDormand)

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HBO

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Das hat man nicht häufig: eine Serie, die ihren Cliffhanger bereits nach der dritten Minute platziert. Und auch sonst erhebt sich "Olive Kitteridge" mit Frances McDormand über die ohnehin schon hohen US-Serienstandards.

Die Sache mit dem Cliffhanger geht so: Eine ältere Frau geht durchs Laub, die Kamera zeigt uns ihr Gesicht und die faltigen Hände, der Gesichtsausdruck bleibt undeutbar. Auf einer Lichtung stoppt sie, breitet eine Decke aus, ein Brief und ein Schlüsselbund fallen auf die Erde. Die Frau packt einen Revolver aus, lädt, schaut in den Himmel und sieht die Schönheit der Welt, zum vielleicht letzten Mal: Äste, die sich vor dem Himmel abheben, Blumen, ein Vogelnest. Sie schließt die Augen - und wir werden ein Vierteljahrhundert zurückversetzt und damit in die Rekonstruktion eines Lebens, das offensichtlich auf einen Suizidversuch zuläuft.

Im Zentrum der vier einstündigen Folgen der HBO-Miniserie "Olive Kitteridge" steht die Titelheldin, eine Mathelehrerin, die mit ihrem Mann Henry (Richard Jenkins) in einem kleinen Ort an der Küste von Maine lebt. Ein Paar, das gegensätzlicher kaum sein könnte: auf der einen Seite eine hochintelligente, unerbittlich strenge Frau, auf der anderen ihr gutmütiger Ehemann.

Sie schroff, er gutmütig: Olive mit ihrem Mann Henry (Richard Jenkins)

Sie schroff, er gutmütig: Olive mit ihrem Mann Henry (Richard Jenkins)

Foto: HBO

Der Plot entfaltet sich nicht in Form einer geradlinigen Erzählung, sondern - wie in der Romanvorlage von Elizabeth Strouts Roman "Mit Blick aufs Meer" - in lose zusammenhängenden Kurzgeschichten. Jede der Folgen dreht sich um ein einschneidendes Ereignis: ein Todesfall, eine Hochzeit, der Einbruch von Gewalt, der Verfall eines geliebten Menschen. Man bekommt auch die Glücksmomente vorgeführt, die selbst in einer denkbar verkorksten Ehe noch möglich sind.

Mutter-Sohn-Krieg

Intuitiv würde man trotzdem sagen: Es überwiegt das Unglück. Olives Vater hat sich umgebracht, als sie noch ein Kind war. Die Depression liege bei ihnen in der Familie, erklärt sie ihrem 13-jährigen Sohn Christopher (Devin Druid) beiläufig beim Abendessen.

Auf die Zumutungen des Lebens antwortet Olive mit einem Gemisch aus Eigensinn und verbaler Härte; wenn Christopher oder später dann ihr missratener Enkel über die Stränge schlagen, wird auch mal zugelangt. Der lebenslange Konflikt zwischen Olive und ihrem Sohn, der den Ansprüchen seiner Mutter nie genügen kann, gehört zum zermürbendsten, was die an zermürbenden Mutter-Sohn-Konflikten nicht eben arme Geschichte des amerikanischen Films zu bieten hat.

Vorsicht vor dieser Mutter: Olive mit ihrer Familie

Vorsicht vor dieser Mutter: Olive mit ihrer Familie

Foto: HBO

Aber auch sonst hat es hier niemand leicht. Letzlich führt fast jedes Gespräch in dieser Serie zu einer Kollision oder endet in Betretenheit. Und trotzdem kann man die Figuren ausnahmslos alle verstehen. Frances McDormand spielt hier die Rolle ihres Lebens und fungiert außerdem als Produzentin; die Drehbuchautorin Jane Anderson und die Regisseurin Lisa Cholodenko, in deren Film "Laurel Canyon" McDormand 2002 gespielt hat, waren ihre erste Wahl.

Filmisch heben diese Bilder sich von den US-Serienstandards ab. Kameramann ist Frederick Elmes, der oft für David Lynch gearbeitet hat und für die beeindruckend komponierten Bilder in Filmen wie "Der Eissturm" oder "Saiten des Lebens" verantwortlich ist.

Wie zuletzt "Top of the Lake" und "True Detective" gehört "Olive Kitteridge" zu den wenigen TV-Produktionen, deren Bilder an die Ästhetik des Kinos anschließen. Cholodenko wiederum ist eine der wichtigsten Protagonistinnen des New Queer Cinema und hat mit "The Kids Are All Right" 2010 eine ungemein präzise Beziehungsstudie gedreht; da war es dann auch ganz egal, dass ihr Film von einem lesbischen Paar handelte.

Auch in "Olive Kitteridge" wird das Allgemeine und Exemplarische aus dem Besonderen herausgeschält. Und wie auch in Lisa Cholodenkos Arbeiten für die große Leinwand genügen hier eine kleine Geste, ein Wechsel des Tonfalls oder eine minimale Veränderung in der Mimik, um zu zeigen, was es bedeuten kann, über Jahre denselben Menschen zu lieben.

Somit sehen wir ein am Ende dann doch ganz normales Leben, man erkennt sich wieder - wenn auch vielleicht nicht immer gerne. Es ist dieser gleichermaßen analytische wie empathische Blick, der "Olive Kitteridge" zu einer der besten Serien der letzten Jahre macht.


"Olive Kitteridge", Sky, ab Dienstag, 21 Uhr