Krankenhausdebatte bei "Hart aber fair" Ärzte als Untertanen
ARD-Moderator Plasberg: Gegenseitiges Sich-ins-Wort-Fallen statt Debatte
Foto: ARDEs gab mal eine Zeit, da war"Hart aber fair" eine moderne politische Talkshow. Mit einem forschen Moderator, der sich traute, Großkopferte zu unterbrechen, der auf Knopfdruck an seinem Monitor Lügen entlarvte und Fakten einspielte. Inzwischen aber ist der kritische Gestus zur Marotte verkommen und die Sendung gestern Abend war dafür ein treffendes Beispiel.
Die Runde diskutierte über die Frage "Wie krank sind unsere Krankenhäuser?" Eingeladen war das Talkshowmöbel Frank Ulrich Montgomery (der letzte Woche noch an den Deutschen Ärztetag ausgeliehen war) und als Widersacher Paul Brandenburg, ein Mediziner und Buchautor, der als Narkosearzt viele Klinken und Missstände von innen erlebt hat.
Was anfangs noch nach einem munteren Schlagabtausch zwischen Montgomery und Brandenburg aussah, entwickelte sich schon nach wenigen Minuten in heftiges, gegenseitiges Sich-ins-Wort-Fallen. Die offenkundige Furcht, gleich wieder unterbrochen zu werden, führte dazu, dass keiner sich traute, einen Gedanken zu entwickeln, geschweige denn, ihn zu Ende zu führen. Die Diskussion verkam zu Schlagwortattacken und der ebenfalls eingeladene Chef der Sana-Klinikkette musste sich dafür rechtfertigen, Gewinne zu machen - auf die Idee, das einem niedergelassenen Arzt vorzuwerfen, kommt niemand.
Dem Chef widersprechen? Nicht an deutschen Kliniken
Narkosearzt Brandenburg berichtete, wie Klinikchefs ihre Ärzte dazu anhalten, möglichst viele Patienten zu untersuchen und zu operieren. Assistenzärzte würden sich diesem Druck fügen, weil in deutschen Kliniken nach wie vor eine Untertanenmentalität herrsche und kein kleiner Arzt es wage, seinem Chef zu widersprechen oder ihn gar auf Fehler hinzuweisen.
Das alles mag zutreffend und richtig sein. Aber warum sind wir denn zum Beispiel "Weltmeister im Operieren", wie Plasberg formulierte?
Den entscheidenden Hinweis lieferte der Rechtsanwalt Burkhard Kirchhoff, der zahlreiche im Krankenhaus geschädigte Patienten vor Gericht vertritt. Er erinnerte daran, dass die Hälfte aller Kliniken in Deutschland unwirtschaftlich arbeite. Wenn aber eine Klinik wirtschaftlich unter Druck gerät, führt das schnell auch zu medizinischen Mängeln: Man operiert häufiger als nötig, man drückt die Kosten für Putzfrauen so tief es nur geht, man schafft keine neuen Geräte mehr an, man beutet das eigene Personal aus, man nimmt mehr multiresistente Keime und schlechtere Behandlungserfolge in Kauf - kurzfristig geht das gut, denn die Patienten können die Qualität sowieso nicht bewerten und die Kassen zahlen für einen bestimmten Eingriff gleich viel Geld, egal wie gut oder schlecht die Klinik arbeitet.
Wenige Zahlen zeigen bereits, wie die Arbeitsverdichtung zugenommen hat: So ist in den letzten zehn Jahren die Zahl der behandelten Patienten um 5,9 Prozent gestiegen, die Zahl der Krankenschwestern im gleichen Zeitraum aber um 6,2 Prozent gefallen, wie der "Krankenhaus-Report 2014" berichtet.
Es gibt zu viele Krankenhäuser in Deutschland
Den Kliniken einfach mehr Geld zu geben, wäre aber falsch. Sie bekommen im Jahr 62 Milliarden Euro von den Krankenkassen. Ein Drittel aller Krankenversicherungsbeiträge fließt damit bereits an Kliniken. Das Problem ist vielmehr, dass es zu viele Häuser gibt. Im Schnitt der OECD-Länder, die ein vergleichbares Wohlstandsniveau haben, kommen auf 1000 Einwohner 4,3 Klinikbetten, in Deutschland aber sind es 8,3 Betten.
Seit mehr als zehn Jahren bleibt die Zahl von etwa 2000 Krankenhäusern in Deutschland gleich hoch. Fast keines wird geschlossen, egal wie unwirtschaftlich es ist. Den Politikern fehlt dazu der Mut, weil sie den Wählern nicht erklären können, dass jede einzelne Klinik besser ausgestattet werden könnte, wenn es weniger davon gäbe, und dass die Qualität deshalb steigen könnte. Droht irgendwo eine Schließung, kommt es dagegen zu Demos mit Plakaten, wie sie auch Plasberg in seiner Sendung zeigte: "Das traut sich selbst kein Bösewicht - Krankenhäuser schließt man nicht."
Die Taktik vor allem der Landespolitiker ist dabei zynisch: Man hungert die kommunalen Krankenhäuser langsam aus, bis der Landrat sie verzweifelt an Helios, Asklepios oder Sana verkauft, die dann zum Beispiel zwei benachbarte Kliniken zusammenlegen und eine davon schließen. Wie zuletzt in Rottweil.
Die einzige Landespolitikerin, die in Plasbergs "Hart-aber-fair"-Studio saß, die Hamburger SPD-Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks, konnte froh sein, dass die männlichen Talkgäste so gockelhaft übereinander herfielen, dass keiner auf die Verantwortung der Politik in diesem Trauerspiel zu sprechen kam. Dabei bereitet die schwarz-rote Koalition in diesen Tagen ihre große Krankenhausreform vor. Vergangene Woche traf sich zum ersten Mal eine dazu gegründete Bund-Länder-Kommission. Frank Plasberg, der früher mit dem Spruch "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft" für sich warb, nahm das in seiner gestrigen Sendung nicht mal zur Kenntnis.