Promi Big Brother: Rezension zur ersten Folge - DER SPIEGEL
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Promi Big Brother: Der Kandidaten-Knuspermix

Foto: Sascha Steinbach/ Getty Images

Erste Folge "Promi Big Brother" Oh, da sind ja Doppelbetten!

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon wieder eine neue Trash-Staffel? Ja, aber das Personal der neuen Auflage von "Promi Big Brother" ist überraschend umsichtig gewählt: von der Fach-Ätzerin bis zum Schnupf-Veteranen. Vielleicht wird das lustig.

"Ja, sag mal, wer bist'n du? Woher kennt man dich?", fragt die ältere Dame im Zirkus-Dirndl die junge Frau mit den Augenunterimplantaten, die ihr Gesicht da polstern, wo bei anderen Menschen die Augenringe sind. "Ich war zweimal im 'Playboy' und einmal im 'Penthouse'", sagt Nina Kristin, das It-Girl, als halte sie das tatsächlich für eine Antwort. "Ach SO", sagt Desirée Nick, die Erfinderin des professionellen Schnippismus.

Ihr Ton erregt auch beim komplett Trash-übersättigten Realityformat-Zuschauer wieder ein Fünkchen Interesse: Vielleicht, ganz eventuell, könnte es sich ja lohnen, sich die neue "Promi Big Brother"-Staffel bei Sat.1 anzusehen.

Zumindest bei der Personalakquise, das zeigte sich schon bei der Einzugsshow, wurde verschlagen-gute Arbeit geleistet. Dschungel-Veteranin Nick ist natürlich eine echte Bosheitsbank, die sagt, dass sie sich bei "Big Brasser" vor allem auf das "große Bildungsgefälle" freue. Also zum Beispiel auf "Deutschland sucht den Superstar"-Kanaille Menowin Fröhlich, der bei der Inspektion seines Essens im Kellerabteil aufrichtig erstaunt fragte: "Was ist Tofu?", und eine Sellerieknolle für Ingwer hielt.

Oder eben besagte Nina Kristin, die ihre Doofi-Motivation für die Teilnahme in schönstem Und-dann-und-dann-Kinderaufregungs-Deutsch so beschrieb: "Dann sieht mich ganz Deutschland und dann werde ich noch bekannter und alles wird cool!"

Ob sie denn lieber "so Angela-Merkel-bekannt" oder "Gandhi-bekannt" werden wolle, fragt Moderator Jochen Schropp nach. "Alle sollen mich kennen. Alle, einfach alle!", juchzt die Gelbhaarige.

Der Kandidaten-Knuspermix

Auch immer gern genommen im Kandidaten-Knuspermix: ein paar Geläuterte, früher wilde Figuren also, die nun einen ruhigeren Lebensstil bevorzugen.

Sie sind immer gut für ein paar dolle Schnurren aus verwegenen Zeiten und bieten außerdem kitzliges Potenzial, vielleicht doch wieder von der Paulus- zur Saulus-Seite zu pegeln. Wie der sogenannte Partykönig Michael Ammer, der ein bisschen so aussah und auftrat, als habe sich Klaus Wowereit als Michael Ammer verkleidet. Oder Schlagersänger Nino de Angelo: Vollführte er bei seinen Einlassungen, wie es zu seinen Finanzproblemen kommen konnte, tatsächlich ein Nasenhochzieh-Geräusch?

Nächste unverzichtbare Besetzungskategorie: Bislang durch Busenzeigen bekannt gewordene Mädchen, die sich empört darüber beschweren, dass sie fürs Busenzeigen bekannt sind. So wie eine gewisse JJ, die man offenbar kennt, wenn man die Serie "Berlin Tag und Nacht" kennt. Sie möchte nach eigenem Bekunden ins Haus, um zu zeigen, wie sie wirklich ist. Von den Medien wird sie nämlich immer falsch dargestellt, klagte JJ, die obenrum ein Einkaufsnetz und untenrum einen Rupfschwan-Flusenrock trug. Sie könne nämlich auch kochen und putzen, worüber komischerweise aber nie berichtet werde. Fies!

Dazu setzte die Personalabteilung dann noch eine dauerquietschige "Is' ja mega!"-Nervfaktorin in Form von Judith Hildebrandt ein, die Neunzigerjahre-Kinder noch aus der "Hugo-Show" kennen. Außerdem einen abgehalfterten Sportsmenschen, in diesem Fall Ex-Fußballprofi David Odonkor.

Zur Abrundung dann einfach noch ein paar für das jüngere Publikum rätselhafte Figuren wie Wilfried Gliem von den "Wildecker Herzbuben". Oder Schauspielerin Anja Schüte: "Wer bist du? Was ist der Trotzkopf?", fragte bei ihrer Vorstellung ganz Jung-Twitter. Und das Unter-Dreißig-Netz googelte den Filmtitel "Zärtliche Cousinen". Als Bonus zog noch der österreichische Ex-Tennisprofi Daniel Köllerer ein, der sich "aufs Pool" freut, sich auch selbst "Crazy Danny" nennt und erst einmal eine vollumfängliche Genitalwaschung durchführte, die so ausführlich ausfiel, dass Sat.1 direkt den Verpixler anwerfen musste.

Personalsseits wurden also alle wichtigen Kästchen abgehakt, daran wird es nicht liegen, wenn "Promi Big Brother" eine ähnlich schale Veranstaltung wird wie die vorherige Staffel. Ob das unveränderte Zwei-Klassen-Prinzip des Formats, die Aufteilung der Kandidaten auf einen Luxusbereich und ein Kellerloch - arm gegen reich, oben gegen unten - noch tragfähig ist, wird sich zeigen.

Die Kandidaten heuchelten beim Einzug trotz bekannten Settings jedenfalls semiprofessionelle Überraschung. "Sieht aus wie im Balkanpuff", kommentierte Desirée Nick bei der Erstbegehung den Luxusbereich und sprach mit sich selbst, wie man es sonst nur im Boulevardtheater bei der Tingeltour durch die Provinz zu sehen bekommt. Auch die anderen wunderten sich über altbekannte Offensichtlichkeiten. Der im Luxusbereich penetrant wiederholte Ausruf "Oh, da sind ja Doppelbetten!" ist längst offiziell das neue "Warum liegt da Stroh?".

Doof war bei der Einzugsendung leider die Prüfungsidee für das Kandidatenduell, die an Kindergeburstags-Spielchen bei einem ganz fiesen Blag erinnerte: Menowin Fröhlich und Michael Ammer etwa mussten in der Einzugsshow um Essensrationen spielen, indem sie bereits gespannte Mausefallen mit Käsestückchen präparieren mussten.

Es könnte wirklich interessant werden, ob das personale Zunderpotenzial solche Dramaturgie-Defizite auffangen kann. Ein paar Stunden nach dem Ende der Einzugsshow hatte sich zumindest Desirée Nicks Engagement bereits amortisiert, wie im Livestream aus dem Haus zu sehen war: Nach einer nur mild-schnippischen Bemerkung von ihr flossen bei Ex-Playmate und "Bachelor"-Kandidatin Sarah Nowak die ersten Tränen.

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.