"Antisocial Network": Max und Moritz im Spionage-Van
ProSieben-Show "Antisocial Network" Mobben mit Max und Moritz
10.000 Euro. Das ist der aktuelle Listenpreis unserer Privatsphäre. Die bekommt, wer für die Drehdauer von nur einer Woche seinen Facebook-Account und sein Mobiltelefon vermietet. An die beiden Spaßmacher Simon Gosejohann und seinen älteren Bruder Thilo.
Die Lausebengel bringen es glatt fertig, Überwachung wie Unterhaltung aussehen zu lassen. Und Trash zu produzieren, für den sich - rein theoretisch - die Nancy aus der 9b ebenso interessieren könnte wie Edward Snowden oder Frank Schirrmacher.
Der Deal ist, dass der Kandidat "Aufgaben" erfüllen muss, die er sich scheinbar selbst öffentlich auf der Facebook-Pinnwand gibt - die tatsächlich aber von den Moderatoren vorgegeben werden. Der Clou bestünde darin, dass ein echter Mensch sich für die Dauer des Experiments in die Marionette seines digitalen Doppelgängers verwandelt. Der Mensch ist diesmal Philipp Schulte, 23, aus Olpe, 247 Facebook-Freunde. Die Hölle, das sind diese anderen. Die uneingeweihten "Freunde" werden nichtsahnend mit Filmmaterial beliefert, die daraus entstehenden Kommentare sind fester Bestandteil der Show.
Los geht es damit, dass sich der Held in einer Tanzschule bewähren muss, unter den spöttischen Blicken anderer Tänzer, die das wirklich können. Später muss er mit "Kerstin, 90-60-90" zeigen, was er gelernt hat. Während also der Tanzlehrer das despotische Potential seines Berufs voll ausschöpft, beobachten die beiden Spitzbuben die "Prüfung" in ihrem "mit allem, was es auf dem osteuropäischen Markt so gibt" vollgestopften Überwachungsmobil: "Muss er jetzt vortanzen? Vor allen? Welch Grauen!" Und: "Er kriegt hier schon 'n bisschen so Stressflecken, passt aber gut zum Hemd!"
"Das ist so peinlich, ich muss mich verstecken"
In dem Stil geht es weiter, wobei eine "Informantin", eine Freundin Philipps, mit Auskünften über dessen Aversionen und Schwächen aushilft. Beim Eishockey also muss der Fan der Kölner vom Mittelkreis aus die Hymne der gegnerischen Düsseldorfer singen. Beim Malkurs muss er "blank ziehen", natürlich vor "attraktiven Kunststudentinnen" und bekommt als Dreingabe ein "Erotiksternchen" zur Seite - deren Auftritt wird von den drolligen Gosejohanns in ihrem Spionage-Van mit gespielter Schnappatmung quittiert.
In einem Café muss Philipp sich Soundfiles anhören (Erbrechen, Stöhnen, Helene Fischer), die Simon Gosejohann vorgeblich so peinlich findet, dass er sich verstecken muss: "Das ist so peinlich, ich muss mich verstecken", sagt er, hüpft in eine Ecke des Wagens, zieht die Lederjacke über den Kopf und späht darunter furchtsam umher, was wiederum ebenfalls … naja.
Ein Motto der Sendung lautet: "Schlimm, wenn sich jemand blamiert. Noch schlimmer, wenn man am Bildschirm dabei zugucken muss." Ob es schlimm ist, jemandem zuzugucken, der am Bildschirm dabei zuguckt, wie einer sich blamiert, sei dahingestellt. Langweilig ist es allemal. Weil der einzige Thrill der "Prüfungen" in der Gefahr sozialer Ächtung des Opfers liegt, müssen die Moderatoren zusätzlich vorspielen, wie schlimm das alles ist. Welch Grauen!
Hier kommt Max (37) und Moritz (42) ihre professionell pennälerhafte Lust an der Demütigung sehr zugute. Denn der Schauplatz dieser Show mag das Netz sein, ihre Herkunft ist der Schulhof. Dort sind Mobbing und Stalking - potenziert durch die Feuerkraft sozialer Medien - durchaus ernst zu nehmende Probleme.
Anstatt den Kopf hängenzulassen oder ihn in eine Schlinge zu stecken, können die Betroffen sich nun "Antisocial Network" anschauen. Und lernen, was die stets fröhlichen Mobber und Stalker notfalls immer schon wussten. Hey, hab' dich nicht so, ist doch alles nur Spaß. Hier haste 10.000 Euro.
"Antisocial Network", ProSieben, Montag, 22.15 Uhr