Reichen-Doku in der ARD: Camping statt Kaviar - DER SPIEGEL
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Reichen-Doku in der ARD Camping statt Kaviar

Auf der Suche nach der "spätrömischen Dekadenz": Die ARD-Dokumentation "Die da oben" spürt in Monaco und Monte Carlo den deutschen Superreichen nach - und findet doch nur zerknirschte Millionäre. Ach, Geldverprassen hat auch schon mal mehr Spaß gemacht!
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Doku "Die da oben": Kapitalisten auf der Couch

Foto: NDR / ECOMedia

So viele schöne alte Porsche, und keinen davon darf Helmut Becker mit nach Hause nehmen. Bei der Oldtimer-Messe am Nürburgring schüttelt der ehemalige "Autokönig von Düsseldorf" kräftig Hände und verteilt Visitenkarten. Kaufen darf er nichts; 2002 ging sein Autohaus in die Insolvenz, seitdem er ist er so was wie ein Zaungast, der den Reichtum der anderen beäugt und kommentiert. Eine Zeitlang hat er an Selbstmord gedacht, jetzt aber kann er es durchaus genießen, seine Finger über das Rot eines Porsches gleiten zu lassen, der ihm nicht gehört.

Spätrömische Dekadenz? Nein, eher auf eine neue Innerlichkeit sind die Filmemacher Hanns-Bruno Kammertöns und Michael Wech gestoßen, als sie in den Luxus-Spots Europas deutsche Millionäre und solche, die es einmal waren, trafen. Monatelang, so bewirbt die ARD ihre dem Thema angemessen teure Dokumentation "Die da oben", seien die beiden auf Sylt und Mallorca, in Monaco und Monte Carlo unterwegs gewesen und hätten sich an ihre Studienobjekte herangepirscht: die extrem Reichen und die Ex-Reichen. Wie eine scheue, unglaublich sensible Spezies wirken die nun in der Darstellung der ARD.

Dass der fertige Film ausgerechnet in die (bei seiner Planung kaum absehbare) Dekadenz-Debatte platzt, verschafft ihm eine Aufmerksamkeit, die "Die da oben" vielleicht gar nicht so gut tut. Denn wenn man schon bei den Hartz-IV-Empfängern nicht jene Luxus-Verlotterung feststellen kann, die Guido Westerwelle anprangert, dann müsste man sie doch wenigstens bei Deutschlands oberen Zehntausend finden, wo das nötige Kleingeld zum gesellschaftsschädigenden Müßiggang vorhanden ist.

Kapitalisten zum Knuddeln

Doch die hier gezeigten Reichen präsentieren sich fast allesamt als Paradebeispiele mittelständischer Rechtschaffenheit. Da ist zum Beispiel "der Achim", der Selfmade-Millionär Joachim Hunold, der als Vorstandschef der von ihm gegründeten Air Berlin von allen Mitarbeitern nur beim Vornamen genannt wird. Auf Sylt erläutert der Unternehmenspatriarch das pragmatische Verhältnis zum Geld und die tiefe Verbundenheit zu den Menschen, die ihn umgeben. Ein Kapitalist zum Knuddeln.

Raubtierkapitalismus ist hier nirgendwo anzutreffen. Und schon gar nicht bei Philipp Daniel Merckle, dem Sohn des Ratiopharm-Gründers Adolf Merckle. Der Senior hat sich Anfang letzten Jahres vor den Zug geschmissen, als sein wackeliges Firmenkonstrukt zusammenzubrechen drohte; der Junior fordert nun einen "Kapitalismus mit menschlichem Antlitz". Was das genau heißt, bleibt im ARD-Film allerdings ungeklärt.

"Die da oben" hat über Strecken den Charme der Therapiestunde, in der die Superreichen mal so richtig ihr Herz ausschütten dürfen: Millionäre auf der Couch. Als richtig gute Psychologen erweisen sich die Filmemacher Kammertöns und Wech allerdings nicht, denn sie lassen ihre Protagonisten lamentieren, anstatt kritisch nachzufragen.

Staunend statt stichelnd: So nähert man sich auch dem Rennfahrer-Manager Willi Weber, der aufgrund der üppigen Gewinnanteile bei seinem Klienten Michael Schumacher "Mr. 20 Prozent" gerufen wird. Der Yacht- und Jet-Besitzer fühlt sich - bitte nicht in Tränen ausbrechen! - ungerecht behandelt und fordert von den Deutschen "mehr Toleranz für Leute, die ihren Reichtum erarbeitet haben und diesen auch zeigen".

Um zu demonstrieren, dass er trotz all seiner Millionen auf dem Teppich geblieben ist, lässt sich Weber dabei filmen, wie er in einer Boutique um den Preis eines Hemdes feilscht. Das Protzen liege ihm eben nicht - weshalb er jetzt auch seine Yacht verkaufen werde.

Die Russen kommen!

Tatsächlich aber boomt die Bootsbranche wieder. Bei der Yachtshow in Monte Carlo, zu der die Doku einen kurzen Abstecher macht, liegt ein Privatpott neben dem anderen, und die Filmemacher wissen aus dem Off zu berichten: "Die Auftragsbücher sind voll." Mag sein, der Vollständigkeit halber muss aber hinzugefügt werden, dass die Protzdampfer vor allem von Reichen aus Osteuropa bestellt werden.

Das ist das Grauen für Baronin Marianne Brandstetter. Die resolut aufgepolsterte deutsche Vorzeige-Millionärin hält gar nichts von den neureichen Vandalen aus dem Osten, die in ihr Luxusreservat an der Côte d'Azur einfallen. "Das neue Geld", stöhnt die Aristokratin, "will mit dem alten zusammen sein." So gesellt sich zur Anstrengung, die geerbten 200 Millionen Euro bis zum Lebensabend standesgemäß aufzubrauchen, auch noch der Abwehrkampf gegen den osteuropäischen Oligarchen-Pöbel. Wohin die beiden Filmemacher für ihre Reichen-Doku auch geschaut haben: Überall trafen sie auf Sorgenfalten.

Spätrömische Dekadenz? Nicht im deutschen Millionärsbiotop, wo man sich der Krise angemessen zerknirscht zu inszenieren weiß. Philipp Daniel Merckle, der einst davon träumen durfte, einen der größten Pharma-Konzerne zu übernehmen, ist immerhin voller Vorfreude auf seinen anstehenden Familienurlaub.

Ziel: ein Campingplatz in Kärnten.


"Die da oben - Deutschlands Millionäre", 21.00 Uhr, ARD