RTLplus: Ein Tag Trash TV wie früher - DER SPIEGEL
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RTLplus: Nicht schrill genug für wahren Rave

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RTLplus mit "Frauenknast", Dr. Frank, Richterin Ruth Ein Tag Trash-TV wie früher

RTLplus ist wieder da! Der Sender zeigt Klassiker aus den Neunzigern und Nullerjahren. Wir haben es uns angetan.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

1995 war ich neun, und auf RTL lief zum ersten Mal "Dr. Stefan Frank". Mich interessierte das, dieser Arzt, der Haar hatte, goldfarben wie ein Weizenfeld bei der Späternte, seine Frauen, die oft silberne Badeanzüge trugen und beerenroten Lipliner. Aber ich konnte nur "Verbotene Liebe" in der ARD gucken und nachmittags manchmal eine seltsame Schlagersendung namens "Wunschbox". Meine Eltern hatten nur Antenne. Auch wenn ich, traurig genug, bestimmte Freundschaften nur pflegte, um Privatfernsehen-Zugang zu haben - es reichte doch nie, um bei Diskussionen über "Mini-Playback-Show", "GZSZ" oder eben "Dr. Frank" in der Schule mitzuhalten.

Ich hätte also einiges nachzuholen. Jetzt startet RTL den Nostalgiesender RTLplus: Er zeigt Klassiker aus den Neunziger- und Nullerjahren. Das Programm wurde als "unterhaltsamer Mix aus beliebten Klassikern" beschrieben, es stehe "ganz im Zeichen der erfolgreichen Sendermarke RTL und ihrer größten Erfolge". Ich miete mich für einen Tag bei den letzten Freunden ein, die noch einen echten Fernseher inklusive Satellitenanschluss besitzen, und denke an breitgemusterte Krawatten und Schulterpolster. An Hans Meiser, fette Glücksrad-Jahre, an die Fernsehewigkeit, die es lange vor illegalen Streams und Netflix gab.

Dr. Stefan Frank - der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Und der Arzt mit der schönsten Föhnwelle.

Dr. Stefan Frank - der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Und der Arzt mit der schönsten Föhnwelle.

Foto: RTLPlus

9.24 Uhr auf RTLplus: "Meine Hochzeit", der Titel beschreibt das Sendungskonzept erschöpfend: In dieser Realityshow werden Paare beim Heiraten begleitet. Das ist viel zu Post-2000, um retro zu sein. Das kennt jeder Student aus dem Vormittagsprogramm von RTL aus Zeiten, in denen die erste Vorlesung egal war.

Es gibt viel Weiß zu sehen, das liegt in der Natur der Sache. Ansonsten suppen die Farben, als hätte RTL tatsächlich irgendwo verramschte Hochzeitsvideos aufgekauft. Die Männer heißen Matze und stellen sich ihre Braut "wie die Sissi" vor, die Frauen tragen Reifröcke, alle rauchen, telefonieren mit Nokia-Handys und sind gleich wieder zu sehen, in der Kreißsaalsoap "Mein Baby". Matze bekommt jetzt auch noch ein Kind, und bei den Geburten wird an Bildern von Nabelschnur und Blut nicht gespart. Dann gleich noch die Zusammenziehdoku "Unsere erste gemeinsame Wohnung" hinterhergeschoben. Lauter Großlagen in sehr kleinen Leben: Es regnet am Umzugstag, Pärchen streiten über rote Wände und Pressholzkommoden.

10.20 Uhr. Ich fühle mich betrogen. Die Macher von RTLplus werben mit dem Slogan "Für dich" und ergänzen dann bestimmt im Kopf: "Weil wir es nicht mehr wollen." Der Sender schenkt mir nicht die TV-Jugend, die mir verwehrt wurde, sondern ruiniert meine Gegenwart mit Ramsch. Keine Retrowonne kommt auf, sondern nur die bittere Erkenntnis, wie anonym die Menschen zwischen 2000 und 2005 aussahen: Mit einem Bootcut-Jeansbein in den Neunzigern, aber halt auch nicht mehr schrill genug für den wahren Rave. Deutschland zur Jahrtausendwende wird bei RTLplus zu einem Land mit einer Vorliebe für getupfte Wände und Videosammlungen, für pfirsichfarbene Blusen, Rollkragen und randlose Brillen.

10.55 Uhr. Als am späten Vormittag die große Gerichtsshow-Parade startet, schwant Übles: sieben (!) Stunden Pseudo-Verhandlungen in Gerichtskulissen, bei denen nicht mal die Holzvertäfelung echt ist. Natürlich ebenfalls nicht wirklich alt, dafür aber prallgefüllt mit kruden Inhalten: Es geht heute zum Beispiel um ein Mädchen, das fast ein Bein verlor, nachdem die Mutter dieses mit einem Kräuterumschlag entzündet hatte. Diese Bauwagenmama trägt etwas Zotteliges, das entfernt an einen Poncho erinnert, der Freund Dreadlocks und Sandalen.

Das ist natürlich alles dermaßen Klischee und lieblos hingeklatscht, dass ich einige Folgen lang nicht glauben mag, was da gerade passiert auf dem Bildschirm. Wird hier wirklich verhandelt, ob zwei Ponyhof-Besitzerinnen ihre Praktikantinnen zusammenschlugen, weil die nicht 18 Stunden am Tag arbeiteten?

15.30 Uhr. Wie viele Fälle wurden mittlerweile verhandelt? Vier, fünf, 23? Inhaltlich herrscht im Kopf Brei. Und trotzdem, es ist überraschend, stellt sich gleichzeitig eine hellsichtige Klarheit ein. Weil man im RTL-Gerichtssaal zwar sehr viel Gaga, aber so gar keine Ambivalenzen aushalten muss: Menschen, egal ob die Prostituierte, die ins litauische Gefängnis muss wegen Autohehlerei oder der Arzt, der in der Gartenkolonie an der eigenen Nichte ein Malaria-Impfmittel testet, sind entweder böse oder gut. Motive, die über Geldgier, Eifersucht oder schlicht einen sehr üblen Charakter hinausgehen, gibt es nicht. Kindheitstraumata, verletzte Männlich- und Fraulichkeiten, Lebensbedingungen oder Zwischentöne? Egal!

Die hochgelobte Reality-Doku "Making a Murderer" rollt einen Mordfall mit all seinen unbeantworteten Fragen in mehr als neun Stunden auf, das Jugendgericht schafft das in 20 Minuten und bringt klare Antworten: Eine Halbschwester ertränkt da einfach ein Baby, die Mutter heult, die Tochter gesteht und bleibt eiskalt: "Der letzte Abschaum biste!"

17.20 Uhr. Würde man bei "Breaking Bad" die ganze Abgründigkeit ausmisten, bliebe im Gerichtssaal von RTL-Richter Engeland halt ein böser Chemielehrer, der sich als Drogenboss entpuppt; Jesse Pinkman würde eine Sekunde drucksen, dann sofort alles auspacken, Skyler ein bisschen im Zeugenstand heulen. Wäre kein schlechter Dreh für das Familiengericht. Wobei: Wer sich drei Stunden Ponyhof-Gewalttaten reingetan hat, dem fehlt vielleicht ein bisschen das Abseitige.

20.15 Uhr. Leicht ausgelaugt vom Richter-Bingewatchen, stößt die ganze Tumbheit von RTLplus einem dann doch wieder auf. Weil im Gegensatz zum "Familiengericht" plötzlich wieder Tiefe beansprucht wird. Und sich RTL hier eben auch früher nur selten messen konnte mit dem, was wir heute an Serienqualität gewöhnt sind: In der Prime Time parkt RTL das erste Format an diesem Tag, das tatsächlich in die beworbene Retroschublade passt: Die erste Folge der Arztserie "Dr. Stefan Frank". Von 1995, wie gesagt.

"Hinter Gittern": Als Netflix gegründet wurde, hatte sich RTL seinen Frauenknast schon ausgedacht

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Dr. Frank trägt zum Sporteln graue Baumwolldresses, die sich heute bei American Apparel kaufen lassen, fragt seine Sprechstundenhilfe in der ersten Folge, was sie nach der Wende gemacht hat, nutzt das Wort "Reklame". Außerdem ist alles von süffigem Synthie-Schlager unterlegt. Nett. Aber das ganze Vertrauen zwischen dem blonden Frank und den Frauen ist allzu perwollig inszeniert: Vieles spielt sich zwar im Kreißsaal ab - aber ohne Nabelschnur und Blut, dafür nur mit genehmen Alete-Babys, die schon genügend Wochen auf dem zartosa Buckel haben, dass sich alles Geknautschte im Gesicht längst wieder wonnig auspolstern konnte.

21.55 Uhr. Auf den Arzt folgt im Programm noch die erste Folge "Frauenknast" (1997). Brutales wird so unbeholfen und schlecht ausgeleuchtet inszeniert, dass jeder, der die Netflix-Gefängnisserie "Orange is The New Black" gesehen hat, nur müde lächelt. Wobei, das muss man RTL eben auch mal lassen: In dem Jahr, in dem Netflix gegründet wurde, hatte sich RTL seinen Frauenknast schon ausgedacht.


RTLplus, den ganzen Tag über Satellit empfangbar

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