Maischberger-Talk: Akzeptanz? Mitnichten
Maischberger über ihre Gästeliste "Hitler wäre ein Grenzfall"
SPIEGEL ONLINE: Frau Maischberger, muss man im Jahr 2014 tatsächlich noch darüber diskutieren, ob Homosexualität eine widernatürliche Lebensform ist?
Maischberger: Wenn es nicht so viele Menschen gäbe, die genau das behaupten, dann hätte ich auch gesagt: Das muss man nicht.
SPIEGEL ONLINE: Sind für Sie heterosexuelle und queere Lebensformen gleichwertig?
Maischberger: Für mich sind die Lebensformen so, wie sie sind. Wenn jemand homosexuell ist, ist er homosexuell - und keine Erziehung kann ihn heterosexuell machen. Und auch keine Erziehung kann einen Heterosexuellen homosexuell machen. Das ist meine Grundüberzeugung. Ich finde es auch sehr schwierig, dass das Selbstverständnis der Homosexuellen in Frage gestellt wird. Das ist eine sehr elementare Abneigung, die sich da Bahn bricht. Ich finde auf der anderen Seite aber nicht in Ordnung, dass ich vom Lesben- und Schwulenverband in meiner Gästewahl kritisiert werde. Ich habe das Gefühl, dass heute sehr schnell ein Zaun errichtet und gesagt wird: Hier darf keine Plattform geboten werden. Doch in dem Moment, in dem ich dafür sorge, dass unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen, habe ich kein Podium geschaffen, sondern akzeptiere nur, dass es unterschiedliche Meinungen gibt.
SPIEGEL ONLINE: Die Kritik zum Beispiel daran, dass Sie den umstrittenen Evangelikalen Hartmut Steeb eingeladen haben, prallt an Ihnen ab?
Maischberger: Ich habe meine Gäste vor der Sendung auf die Debatte im Internet aufmerksam gemacht und darum gebeten, von persönlichen Beleidigungen abzusehen - aber sachlich ihre Überzeugung deutlich zu machen. Dass Herr Steeb eine Überzeugung hat, die Olivia Jones nicht gefällt, ist offensichtlich. Dass man diese Stimmen aber gar nicht präsentiert, sowohl die eine als auch die andere, fände ich falsch. Es kann sein, dass es Extreme sind, aber wir haben auch nur 75 Minuten Zeit. Ich kann mich gerne auch mit sehr gemäßigten Menschen zusammensetzen, aber dann werde ich am Ende auch nur sehr gemäßigte Positionen haben.
SPIEGEL ONLINE: Über die Einführung einer neuen Genmais-Sorte kann man problemlos kontrovers diskutieren. Aber kann man wirklich darüber streiten, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung leben wollen, ohne diskriminiert zu werden?
Maischberger: Klar, wir können gerne auch über Genmais diskutieren. Aber warum sollen wir denn bitte Lebensbereiche aussparen, die Menschen direkt und sehr persönlich betreffen? Das verstehe ich nicht. Das ist politisch. Und zwar ab dem Moment, in dem eine Landesregierung sagt, wir nehmen das in unser Curriculum auf - und eine wie auch immer geartete Menge dagegen protestiert.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich auch mit einem Neonazi zusammensetzen und über Demokratie diskutieren?
Maischberger: Wir haben in den Achtzigern im Bayerischen Fernsehen tatsächlich auch mit Neonazis diskutiert. Würde man Hitler in eine Talkshow einladen? Das ist ein Grenzfall. Ich glaube aber nicht, dass Olivia Jones, Birgit Kelle und Hartmut Steeb Grenzfälle sind. Meine Grundüberzeugung ist, dass es gesellschaftliche Phänomene gibt, die unter der Haut gären. Wenn Sie die nicht ansprechen, wird eine größere Menge von Menschen denken, hier gäbe es eine Verschwörung in den Medien. Es gibt da nur zwei Möglichkeiten: Entweder machen Sie es nicht, weil es so viel Gegenwind gibt - und zwar von beiden Seiten. Oder Sie machen es, weil Sie das Gefühl haben: Das ist unsere Aufgabe. Dass man sich damit keine Freunde macht, haben wir nicht zum ersten Mal erlebt. Aber das kann uns nicht schrecken.